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Jerry Lewis ist ein Faszinosum, denn einerseits hat er einen sehr hohen Bekanntheitsgrad (zumindest vom Namen her), andererseits kennt kaum noch Jemand seine Filme. Vielleicht hat man den einen oder anderen seiner Streifen an einem Sonntagnachmittag so nebenbei gesehen, aber wer beschäftigt sich heute noch mit seiner filmischen Bedeutung als Autorenfilmer oder seinem Gesamtwerk ?

Man muß sich nur die Auszeichnungen ansehen, die Lewis von diversen Instituten oder Festivals erhielt. Es handelt sich ausschließlich um Ehrungen für sein Gesamtwerk, nie wurde er als Schauspieler oder Regisseur für einen Film geehrt - die Oscars machen bis heute einen großen Bogen um den bald 81jährigen. Jerry Lewis hatte für solche Preise von vornherein aufs falsche Pferd gesetzt, denn er war ein Comedian. Aber nicht in der Art von damaligen "seriösen" Komödienschauspielern wie dem noblen Cary Grant oder Dauer-Witzbold Bob Hope, sondern er machte als Erster etwas, was wir heute durch zahlreiche Fernsehsendungen kennen - er machte sich zum Trottel.

Komödienhauptdarsteller waren damals niemals "Loser-Typen", sondern höchstens ein bißchen merkwürdig. Zu Beginn konnte es schon mal passieren, daß irgendein Angeber den scheinbaren Trottel unterschätzte, aber dem Publikum war natürlich von vornherein klar, daß in diesem unscheinbaren Kerl große Fähigkeiten schlummerten, die ihn letztendlich zum Gewinner machten und der natürlich auch zu Recht das Mädchen bekam.

Jerry Lewis wagte eine Abkehr von diesen Filmregeln. Er spielte in zahlreichen Filmen neben Dean Martin, einen solchen Idioten, daß Dean es sogar wagen konnte, sich über ihn offensichtlich zu erheben - eine Vorgehensweise ,die üblicherweise kaum vom Publikum goutiert wurde. Doch Lewis spielte in der Regel Typen, die einem ob ihrer Unfähigkeiten, linkischen Bewegungen und der ständig entgleisenden Gesichtszüge auf die Nerven gingen. Einzig seine an Naivität grenzende Gutmütigkeit brachte ihm Punkte gegenüber dem selbstgefälligen Dean Martin ein. Eine Tatsache, die dazu führte, daß man ihm bei den späteren gemeinsam mit Dean Martin gedrehten Filmen auch kleine Erfolge zugestand - so durfte er dann auch mal ein lispelndes und kurzsichtiges Mädchen kriegen.

So erstaunt es aus heutiger Sicht auch nicht, daß er irgendwann nicht nur den Blödian mimen wollte ,sondern durch die Übernahme von Regie und Drehbuch zeigen wollte, daß hier ein Künstler eine selbst kreierte Rolle spielte. Gerade "Der verrückte Professor" zeigt besonders deutlich seine genialen Fähigkeiten, denn hier spielt er nicht nur den trotteligen, aber intelligenten Professor, sondern auch den selbstverliebten, besonders geschmeidigen Angeber. Und man erkennt an den sich völlig unterschiedlich bewegenden Typen, wie exakt Jerry Lewis arbeitet, wie genau jede Bewegung und Mimik einstudiert und überlegt ist. Nichts ist Zufall oder gar "sich gehenlassen" und genau das unterscheidet diesen Film von unzähligen "komödiantischen" Nachahmern.

Vordergründig orientiert sich "Der verrückte Professor" an der "Mr.Jekyll und Mr.Hide" - Geschichte, doch Lewis nutzt dieses Schema nur, um mit dem Publikum und deren Erwartungshaltung zu spielen. Sein Dr.Julius Kelp steht komplett in der Tradition typischer Jerry Lewis - Rollen. Ein linkischer, unattraktiver Typ, der keine Chance bei Frauen hat und über den sich die Studenten lustig machen. Auch der Hochschul-Direktor nutzt jede Gelegenheit, um den sowieso schon schüchternen Professor zu erniedrigen und man fragt sich ernsthaft, wie dieser überhaupt an diesen Lehr-Posten herankam.

Und schon sind wir Lewis wieder auf den Leim gegangen, denn es wird kaum einen Zuschauer geben, der diesen Typen für voll nimmt und der überrascht ist, daß er in jedes Fettnäpfchen zielsicher hinein tritt. Einzig sein freundliches Wesen und sein durch nichts zu erschütterndes Selbstverständnis halten die Sympathien auf seiner Seite. Doch als er sich ausgerechnet in die hübscheste Blondine verliebt, bleibt ihm nicht anders übrig als seine Chemiekenntnisse zu nutzen und sich etwas einfallen zu lassen, um attraktiver zu wirken.

Doch es ist ja leider immer das selbe mit den Geistern, die man ruft - man wird sie nicht mehr los und ganz so wie gewollt, fallen sie auch nicht aus .Und so bekommt Jerry Lewis zum ersten Mal in seiner Filmkarriere die Gelegenheit zu zeigen, daß er auch einen total coolen Obermacker spielen kann - das der dann so richtig schön unsympathisch, selbstgefällig gelingt, ist bei seiner Historie nur verständlich. Auch wenn er bis heute behauptet, dabei keine Parodie auf Dean Martin im Kopf gehabt zu haben.

Doch auch hier können wir Zuschauer nicht aus unserer Haut, denn so einfältig, eingebildet und flegelhaft "Buddy Love" auch daher kommt, die Szenen mit ihm sind nicht nur die lustigsten, sondern einfach attraktiver anzusehen. Gerade die Szene, in der Jerry als "Buddy Love" den arroganten Unidirektor der Lächerlichkeit preis gibt, ist von genauester Beobachtung, wie überhaupt auffällt, daß "Buddy Love" immer dann zur Hochform aufläuft, wenn er kritisiert oder angegriffen wird.

Jerry Lewis gelingt hier unter dem Deckmäntelchen der leichten Komödie, die zeitbedingt natürlich auch einige inzwischen abgegriffene Gags beinhaltet, ein Paradoxum. Mittelpunkt und Held ist hier der trottelige Loser, dem das Publikum seine Sympathien schenkt, doch so unsympathisch sein alter Ego namens "Buddy Love" ist und so wenig wir dem Kerl etwas von Herzen gönnen, so sehr verstehen wir die süße Blondine, daß sie sich für die Liebesnächte ein paar Flaschen Wunderwasser mitnimmt. So wird der Held jenseits von filmtypischen Abziehbildern zur komplexen Gestalt, in dem wir innerlich beschließen, daß er aus beiden Typen gleichzeitig besteht. Denn so sympathisch uns der verrückte Professor ist - so Einer kann doch kein Mädchen abkriegen - ein bißchen "Buddy Love" muß schon in ihm stecken...

Jerry Lewis hat "Der verrückte Professor" oft als seinen besten Film bezeichnet. Ganz bestimmt aber ist er die Verarbeitung von vielen Jahren ,in denen er als "Idiot vom Dienst" die Filme bereichert und das Volk belustigt hat. Dieser Film war so etwas wie ein Wendepunkt in seiner Karriere, denn zum ersten Mal produzierte er bewußt für ein erwachsenes Publikum und bewies nicht nur durch seine Doppelrolle, sondern besonders durch seine Regieleistungen zu was er fähig war.

Fazit : Intelligente Komödie, die im typisch albernen Gewand der Jerry-Lewis-Filme daher kommt, aber wesentlich komplexer mit den Erwartungshaltungen des Publikums spielt. Jerry Lewis brilliert hier als exakt spielender Komödiant in einer Doppelrolle, die seine Fähigkeiten stärker verdeutlicht als die bis dahin einseitigen "Idioten-Rollen" (die mir auch sehr gut gefallen).

Aus der heutigen Sicht wirken viele Gags etwas veraltet, doch sollte man nicht vergessen, daß Jerry Lewis der Erste war, der diese Art des Humors so konsequent auf die Leinwand brachte. Unabhängig davon liegt der bleibende Witz des Films in seiner sehr genauen Betrachtung des menschlichen Charakters, der hier ohne geschmacklose Übertreibungen und sympathisch auf den Punkt gebracht wird (8/10).

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