„Ab-normal Beauty“, der neuste Film der Gebrüder Danny und Oxide Pang („the Eye“) – von beiden produziert, von Oxide („the Tesseract“) inszeniert – führt uns wieder einmal eindrucksvoll und visuell ansprechend vor Augen, dass Schönheit, wie die Kunst, immer im Auge des Betrachters liegt…
Jin ist eine junge Kunststudentin, die auf den ersten Blick ein tolles Leben zu führen scheint: Ihre erfolgreiche Ausbildung hat ihr schon einige Preise beschert, wegen ihres guten Aussehens ist sie nicht nur beim anderen Geschlecht beliebt und in Jas hat sie eine wahre Freundin fürs Leben gefunden. Die zahlreichen Geschäftsreisen ihrer Mutter bieten ihr Unabhängigkeit sowie eine mehr als ausreichende finanzielle Versorgung, doch ihr Inneres wird von Einsamkeit und Selbstzweifeln bestimmt, da sie ihre Leidenschaft (die Photographie) allmählich zu langweilen beginnt und sie sich zudem nach familiärer Geborgenheit sehnt – außerdem leidet sie unter einem tief verwurzelten Trauma: Als Kind wurde sie von ihren Cousins sexuell bedrängt, und als sie das ihrer Mutter anvertraute, hat diese ihr keinen Glauben geschenkt…
Eines Tages wird Jin Zeuge eines Autounfalls, bei dem eine Frau ums Leben kommt. Zuerst ist sie von dem Anblick entsetzt, doch dann nimmt sie ihre Kamera zur Hand und hält alles in Bildern fest – zum ersten Mal seit langer Zeit empfindet sie neue Impulse und fühlt sich von dem Erlebnis inspiriert. Um diese Empfindungen nochmals heraufzubeschwören, lässt sie kurz darauf etliche Markt-Hühner schlachten, wobei die den Augenblick des Todes per Foto einzufangen versucht, und steigert sich derart in die Sache hinein, dass sie am Ende gar selbst einmal die Klinge führt. Nach und nach baut sich die Faszination für morbide Motive immer weiter aus: Sie kauft sich Bildbände zu dem Thema, lichtet tote Tiere ab und überschüttet gar einen Kommilitonen mit roter Farbe, um den gewissen Effekt zu erzielen. Als sich dann noch ihre Wahrnehmung im Zusammenhang mit ihrem Trauma zu verändern beginnt, versucht Jas, welche deutlich mehr als nur Freundschaft empfindet, sie durch Konfrontation wieder zur Vernunft zu bringen.
Als sich Jin dann endlich im Griff zu haben scheint, tauchen plötzlich makabere Fotos in ihrem Schließfach auf, wenig später gar ein Videotape – auf diesem ist zu sehen, wie eine junge Frau gefoltert und ermordet wird. Angesichts der perfekten Inszenierung des „Snuff“-Films halten es die Freundinnen aber für eine Fälschung und unternehmen nichts – doch dann erhält Jin ein weiteres Tape: Dieses Mal ist das Opfer Jas, und noch bevor sie sich in ihrer Verzweifelung an die Polizei wenden kann, fällt sie dem Killer ebenfalls in die Hände…
Mit „Ab-normal Beauty“ ist Oxide Pang Chun ein handwerklich makellos inszenierter Film gelungen, der einige wahrhaft atemberaubend komponierte Bilder und Einstellungen aufweisen kann: Es gibt beispielsweise Sequenzen, bei denen man nur bestimmte Elemente farbig hervorgehoben hat, während der Rest schwarzweiß verbleibt. Insgesamt spielen die Farben eine sehr dominante Rolle – beachtenswert ist vor allem die intensive Colorierung einiger Objekte, die auf diese Weise förmlich aus dem Bild herauszustechen scheinen, auch wenn es sich dabei etwa nur um Äpfel in einem Korb handelt. Dieses Stilmittel der verfremdeten oder farbkorrigierten Bilder erfreut das Auge des Betrachters in fast jeder Szene, wobei es aber nie aufdringlich wirkt, sondern hauptsächlich subtil eingesetzt wurde.
Ähnlich wie bei „the Eye 2“ ist die Optik äußerst glatt und hochwertig, so dass sie locker mit dem Look amerikanischer Großproduktionen mithalten kann. Der Erzählfluss bleibt auch von den Bildern her größtenteils ruhig und dem Geschehen angepasst – es gibt nur wenige videoclipartige Schnittmontagen, welche hauptsächlich bei den Visionen in Form von grellen, schnell geschnittenen Effekten zum Einsatz kommen. Interessante Perspektiven (wie beim Ablichten eines toten Vogels) und wunderbare Kamerabewegungen (beispielsweise als sich Jin an einem Geländer über dem Abgrund hin und her schwingt, und sich die Kamera ihrem Rhythmus anpasst) runden das erfreuliche visuelle Gesamtbild ab.
Inhaltlich kann der Film mit einer psychologisch ausgewogenen Charaktertiefe aufwarten – die Entwicklung der Figuren bleibt nachvollziehbar und überzeugend. Gerade in Jins Fall ergeben die aufgezeigten Hintergrundinformationen ein stimmiges Profil, wenn man alle erfahrenen Punkte in Betracht zieht (wie etwa die familiäre Situation, das durch den sexuellen Übergriff im Kindesalter ausgelöste Trauma, ihr Lebensverlauf sowie vor allem auch der Schußszenenrückblick).
In den ersten zwei Dritteln des Film bekommt man also ein unheilschwangeres Psychodrama geboten, in welchem man Jins Interessensumgewichtung hin zu den eher morbiden Arten von Fotokunst glaubwürdig dargelegt erhält – doch dann, mit Auftauchen des ersten Videobandes, kippt der Film plötzlich in eine komplett andere Richtung:
Die subtile Inszenierung weicht einer extrem aggressiven Form, welche die unterschwellig bedrohliche Stimmung quasi mit dem Holzhammer freilegt. Die Story um den folternden Killer und seinen „Snuff“-Filmen ist im Endeffekt total abstrus – jedoch erstaunlich wirkungsvoll und verstörend in der gezeigten Art. Es wirkt, als hätte Regisseur Pang Motive aus „8mm“ mit der initiatorischen Wildheit von „Saw“ gekreuzt und sich im letzten Akt noch einmal so richtig ausgetobt. Dieser Handlungsumschwung vollzieht sich ziemlich abrupt und unvorhersehbar, wobei man wenigstens Jins Einstellungen und Gedanken stimmig fortgeführt hat – trotzdem wirkt es wie ein Bruch in der Gesamtlinie, und man hätte sicher noch stärkere Probleme mit dieser Tatsache (wie auch mit der uninspirierten Auflösung bezüglich Identität und Motivation des Killers), wenn das Geschehen nicht so verdammt intensiv, fesselnd und verstörend umgesetzt worden wäre…
Ich persönlich hätte nichts gegen einen durchgängig ruhigen Verlauf gehabt, bei dem man vielleicht noch die morbiden Sehgewohnheiten realer (mehr oder minder gestörter) Personen (Sichwort: Rotten.com) hätte ergründen können, doch auch so fiel mein Gesamteindruck überwiegend positiv aus. Ein Großteil ist sicherlich „Style over Substance“, und das Ende verläuft eher in Richtung „guilty Pleasure“, doch banal oder langweilig wird der Film zu keiner Zeit – (noch) bürgen die „Pang Brothers“ also (in Sachen Regie auch unabhängig voneinander) für Qualität, auf die man sich verlassen kann.
Fazit: „Ab-normal Beauty“ ist ein hervorragender sowie visuell beeindruckender Psychothriller, der in seinem letzten Drittel leider etwas ins Abstruse abgleitet …
8 von 10.