Schade! Insgeheim hatte ich gehofft, dass Jackie Chan („Rush Hour“, „Shanghai Noon“) dank seines überragenden „New Police Story“ trotz fortschreitenden Alters wieder zu alter Form zurückgefunden hat und dann beschert er dem Publikum mit „The Myth“, der sich qualitativ kaum über dem Niveau seiner Rohrkrepierer „The Medallion“ oder „The Tuxedo“ ansiedelt, ein lasches Fantasyabenteuer mit niedrigem Unterhaltungswert und nur ganz wenig guten Szenen die Jackies Handschrift tragen.
Mit einem für Hongkong-Verhältnisse immensen Budget produzierte er zusammen mit Stanley Tong (hier Regisseur und Drehbuchautor), der sich zur Jahrtausendwende auch erst mit „China Strike Force“ nach seinem sehr dürftigen U.S. – Ausflug „Mr. Magoo“ rehabilitierte, ein, wenn auch von der Idee gar nicht mal schlechtes, einfallsloses Kommerzwerk, dem es bei stattlichen zwei Stunden an allen Ecken und Enden an inszenatorischer Raffinesse, Spannung, Tragik und vor allem einer guten Geschichte mangelt.
Denn Jackie Chan, im Film als gleichnamiger Archäologe unterwegs, träumt sich ständig in eine längst vergangene Zeit, in der General Meng-yi (auch Chan) für die Prinzessin Ok-soo (Kim Hee-seon, „Jaguimo“, „Bichunmoo“) sein Leben riskiert und mit ihr aus einem Hinterhalt entkommt. Auf der Flucht verliebt sie sich in ihn, was er als Gefolgsmann seines Herrschers Qin, dem sie versprochen ist, allerdings nicht erwidern kann.
Als Jacks Freund William (Tony Leung, „A Better Tomorrow III” „Double Vision“), ein ambitionierter Physiker, auftaucht und den gerade finanziell klammen Geschichtsforscher darum bittet mit ihm ein Phänomen, einen schwebenden Geistlichen, in Indien zu erforschen, lässt der sich nicht lange bitten. Doch während die beiden vor Ort Nachforschungen anstellen und sich an einem heiligen Sarkophag zu schaffen machen, kommt Jack scheinbar zufällig dem Ursprung seiner Träume auf die Spur...
Die positiven Aspekte von „The Myth“ auf die landschaftlichen Schauwerte und seinen Star Jackie Chan zu begrenzen fällt nicht sonderlich schwer, auch weil die mir vorliegende Hongkong-DVD so eine Art „Best of“ – Modus besitzt, durch den man sich die besten Szenen an einem Stück ansehen kann. Beide parallel laufenden Geschichten haben etliche Gemeinsamkeiten, die das Drehbuch dann auch elegant nutzt, um zum anderen Handlungsstrang umzuschalten. Auf der einen Seite General Meng-yi, der Ok-soo beschützt und auf der anderen Seite Jack auf seiner abenteuerlichen Suche nach der Wahrheit. So richtig gut funktioniert es nur nie.
Denn leider nehmen sich beide Geschichten mit zunehmender Laufzeit immer mehr Platz weg. Während die Story um die Flucht von Meng-yi und Ok-soo aus einer äußerst trägen und kitschigen Love Story besteht, die lediglich immer wieder durch vereinzelte Handgemenge und später dann größere Schlachten unterbrochen wird, darf zumindest Jackie als Archäologe noch etwas aus seinem geliebten Repertoire zitieren. Abgesehen vom Höhepunkt zur Filmmitte, als Chan sich auf einem klebrigen Förderband mit indischen Polizisten prügelt und seiner Klamotten entledigen muss, um überhaupt von der Stelle zu kommen und am Ende in Boxershorts dasteht, während seine Mitstreiterin (Bollywood-Schönheit Mallika Sherawat) kurzfristig sogar oben herum entblößt wird (Keine Hoffnungen machen... alles im Off) gibt es regelmäßig Martial-Arts-Prügeleien, die über solide Qualitäten nicht hinaus kommen. Jackie clownt sich zwar wie eh und je durch die Gegnerscharen, was wiederum dank diverser Ungeschicke (u.a. säbelt er sich die Haare ab und beschwört versehentlich eine Schlange) mehrmals für Lacher sorgt, doch rein von der Choreographie zieht er gerade gegen „New Police Story“ klar den Kürzeren.
Identisch sieht es bei den, leider sehr offensichtlich mit nachträglichem CGI-Blut bearbeiteten, archaischen Schlachten aus, die gerade wiederum gegen jüngere Wuxias, nun mal die Aushängeschilder des chinesischen Kinos der vergangenen Jahre, oder Hollywoods letzte Schlachtszenarien, klar den Kürzeren ziehen. Der kaum epochale Klänge findende Score von Nathan Wang („ Who Am I?“, „Storm“) unterstützt die Bilder dabei auch nur unzureichend. Sicher, es wurde einiges an Statisten aufgefahren und die Totalansichten der aufeinandertreffenden Armeen sieht auch schick aus, doch dem Gemetzel selbst fehlt völlig die Dynamik und Ernsthaftigkeit. Das Verteilen von Pferdeküssen mittels Huftritten oder das Wegkicken von Feuerkugeln, was im übrigen sehr albern aussieht, hätte sich Tong genauso sparen können, wie Jackie Chan sich ernsthaft darum bemüht im weiteren Verlauf dabei eine tragische Figur abzugeben. Seine Bemühungen in allen Ehren, doch wenn sich auf die Heldenfigur eine ganze Armee von Bogenschützen, Schwertträgern und Berittenen stürzt, möchte ich auf dem sich aufschichtenden Leichenberg nicht Jackie Chan, sondern einen markigen Helden der Marke Russell Crowe sehen. Chan fehlt für so eine Rolle das Charisma und die Reputation. Man sieht ständig den witzelnden Tausendsassa und nie den gestählten, ehrenvollen Krieger vor sich.
Überhaupt fehlt den historischen Momenten die Atmosphäre. Ich weiß nicht, ob daran auch die reichlich bunte, farbenprächtige Farbgestaltung Mitschuld trägt, doch wo man eigentlich Blut, salzigen Schweiß, Staub und Hitze spüren sollte, sitzt man als Zuschauer nur unbeteiligt vor dem Fernseher und ruft sich „Braveheart“, „The 13th Warrior“, „Gladiator“ oder meinetwegen auch „The Lord of the Rings“ ins Gedächtnis. Tsui Hark hat es erst kürzlich mit „Seven Swords“ vorgemacht, wie gut, spannend und spektakulär so etwas aussehen kann. Warum kann Stanley Tong das nicht? Durch die Lüfte und Wände hoch muss sich Jackie Chan ja nicht gleich katapultieren, aber energische und emotionelle Kämpfe nach denen man als Zuschauer erst mal durchschnaufen muss, wären schön gewesen.
Überdies sind die Schwertkämpfe wohl nicht seine Stärke, was sich dann auch wieder in den einsilbigen, scharfkantigen Duellen niederschlägt, in denen schon mal (jugendgerecht) Gliedmaße fliegen können.
Der Hauptdarsteller ist Fluch und Segen zugleich, weil er in ein paar Actionszenen unnachahmlich agiert, schauspielerisch allerdings überfordert wirkt und so erschreckend blass wie noch nie agiert. Weder habe ich ihn als General Meng-yi noch als Archäologe Jack ins Herz geschlossen, was jedoch nicht allein seine Schuld ist. Denn in den Szenen wo Humor und Akrobatik gefordert werden, ist er mit Volldampf dabei. Darüber hinaus fehlte es ihm dann entweder an der Motivation oder am Identifikationsvermögen mit seinen beiden Filmegos.
Hinzu summiert sich ein Drehbuch mit zu vielen schlechten und zu wenigen guten Ideen. Kaum zu glauben, dass „Crouching Tiger, Hidden Dragon“ - Autor Wang Hui-Ling (Hoffentlich verdrehe ich den Namen jetzt nicht...) wirklich daran mitgeschrieben hat. Einfallsreichtum darf abseits der Prämisse mit der Lupe gesucht werden.
Das Schlimme daran bleiben die vielen Durchhänger. In „The Myth“ wird zu viel gequatscht und zu wenig gehandelt. Insbesondere für die Romanze zwischen Meng-yi und Ok-soo nimmt Tong zu viele Minuten voller klischeebehafteter Dialoge in Kauf. Gut, dass asiatische Kino sonnt sich gern in solchen Momenten, gefallen muss mir das trotzdem nicht und diese Odyssee der beiden, erschwert durch Meng-yis Verletzung, durch Eis und Schnee fördert nichts zu Tage, außer dass die beiden sich etwas näher kommen.
Dass „The Myth“ der Drive fehlt, macht sich nicht nur in diesem zähen Momenten bemerkbar, sondern schlägt sich auch in den wenig geglückten, exotischen Kapiteln wieder. So hält hier mit einer, wenn auch nicht zu lang gehaltenen, Tanz- und Gesangseinlage auch Bollywood in den Film ein. Hinzu gesellen sich vorab noch die Plattitüden eines indischen Lehrers, der Jack ein paar wenig kluge Weisheiten mit auf den Weg gibt. Bollywood meets Hong Kong? Warum nicht? Nur müssten die Macher dann schon über die blanke Idee der Kopplung auch noch wissen, wie man so etwas denn vernünftig verbindet.
Richtig abstrus wird es dann allerdings erst in der zweiten Hälfte, wenn der Film beginnt mit immer dämlicheren Einfällen um sich zu werfen. Ein Stück Meteorbrocken aus dem Weltall, den das Duo zu Beginn aus Indien stahl, bringt Dinge und Menschen zum schweben, was wiederum einen findigen, finanzkräftigen Grabräuber auf den Plan ruft, der sich alsbald am Ziel sieht, weil Jack später eine vergessene Grabkammer unter einem Wasserfall ausfindig macht. Dort findet in totaler Schwerelosigkeit auch der finale Showdown, der Negativhöhepunkt des Films, statt. Die letzte, immens riesige, letzte Ruhestätte dient für Jack, William und einem Haufen Grabräuber als Schauplatz für etliche Wirework-Kämpfe im gravitationslosen Raum. Auch hierbei keinerlei besondere Einfälle seitens des Inszenierenden Stanley Tong zu entdecken.
Zu Gute halten kann man „The Myth“ auch mit Sicherheit noch seine größtenteils guten CGI-Effekte, die, zumindest was die teuren Jackie Chan – Produktionen angeht, größtenteils nah am durchschnittlichen Niveau Hollywoods sind und scheinbar in den letzten Monaten enorm kräftig aufgeholt haben. Speziell im Finale kommt viel Green Screen zum Einsatz. Wer das Resultat mit gescheiterten Experimenten wie „The Touch“ vergleicht, wird die Fortschritte erkennen.
Letztlich muss ich doch deutlich enttäuscht feststellen, dass bei mir der Funken nie gänzlich übersprang. Die beiden Liebesgeschichten in den unterschiedlichen Zeiten harmonieren nie sonderlich miteinander, nehmen ganz gemächlich ihren Lauf und sind auch nie in der Lage den Zuschauer für sich einzunehmen. Tragische Lovestorys, gern in epischer Breite, lassen sich doch weitaus effektiver und geradliniger umsetzen, als dass so ein doppeltes Ausnutzen der Elemente nötig gewesen wäre. Den Gnadenschuss versetzt dem Film dann der geheimnisvolle Gesteinsbrocken und das öde Finale im unendlichen Grabesraum. „The Myth“ versteht es speziell in seiner konfusen zweiten Hälfte weder den Zuschauer zu begeistern noch ihn mit toller Action in Erstaunen zu ersetzen. Schon wieder dieses Gefühl alles schon mal besser gesehen zu haben...
Fazit:
Vielleicht waren meine Erwartungen nach „New Police Story“ auch etwas zu hoch, doch „The Myth“ entpuppt sich als schwere Enttäuschung, bei der neben ein paar wirklich schicken Landschaftsaufnahmen (vor allem die indischen Tempelanlagen gefallen) eigentlich nur Jackie Chan in seinen zwar nicht allzu häufigen, dann jedoch immerhin solide choreographierten Fights, allen voran die klebrige Förderband-Sequenz, überzeugt. Stanley Tongs Regie entpuppt sich als unglaublich unkreativ. Vielleicht war er mit dem Stoff auch schlicht überfordert. Keine Bindung zu den Personen, damit auch kein Schicksal, dass der Zuschauer ebenfalls teilen kann, zwei zähe, uninteressante und damit auch ohne Überraschungen spannungsfrei erzählte, parallel verlaufende Storys und dazu zwar teure, aber nie den Geist atemberaubender Schlachtszenarien tragender Kämpfe mit Hunderten von Statisten. Dank vieler Sympathien für Jackie Chan springt letztlich noch eine unterdurchschnittliche Bewertung heraus. Ich möchte es ihm ja gönnen, dass er sich im Alter anderen Stoffen zuwenden möchte, doch, wenn ich ehrlich bin, habe ich mich selten so wie hier mit Jackie Chan gelangweilt. Erneut: Schade...