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Ein Mann betritt die Hallen eines großen Komplexes. Man sieht ihn von hinten, nimmt den Mantel wahr und merkt, dass er geknickt ist. In dem für ihn lästigen, kurzen Gespräch mit dem Portier des Hauses sieht man, dass er ein klares Ziel vor Augen hat. Der Geknickte, Walter Neff (Fred MacMurray) ist ein junger Versicherungsagent und auf dem Weg mitten in der Nacht sein Gedächtnis zu säubern. Er betritt das Büro seines Freundes Barton Keyes, der für Versicherungsbetrug zuständig ist. Dort bespricht er ein Tonband, ihm stehen die Schweißtropfen im Gesicht. Es ist dunkel, das Versicherungsgebäude ist gottverlassenen. Dekadenz liegt in dem Raum und manifestiert sich in der düsteren, tristen Atmosphäre.

Was nun folgt ist die visualisierte Geschichte, wie aus dem erfolgreichen Agenten ein Häufchen Elend werden konnte. Walter wendet sich an seinen Freund und fungiert gleichermaßen als Off-Erzähler für das Publikum. Es beginnt mit seiner alltäglichen Arbeit und führt zur ersten Begegnung mit Phyllis Dietrichson (Barbara Stanwyck), die Frau eines erfolgreichen Öl-Unternehmers. Sie ist die klassische Femme fatale, das wird schnell klar. Für Walther ist sie der Anziehungs- und Ausgangspunkt für die jetzige Situation. Sie geht die Treppe hinunter und schon hat sie den Protagonisten mit ihrer Ausstrahlung vereinnahmt. Es wird schnell klar, um was es geht. Eine Unfallpolice, 50.000 bzw. 100.000 Dollar und der Mord an Mr. Dietrichson, um die Summe freizusetzen. Walther riecht den Braten früh, doch irgendwelche Kräfte hindern ihn, rational zu denken. Er verliert im Hier und Jetzt sein Gewissen und die Frau ist auf der Stufe der moralischen Entwicklung ohnehin nicht weit gekommen. Der Protagonist ist das symbolische Pferd, wenn er bemerkt, vom Teufel geritten worden zu sein. Er kann der Versuchung nicht widerstehen, weil die Frau alle Reize einsetzt, um ihr Ziel zu erreichen. Das fordert in jeder Hinsicht Opfer. Luzifer sagt Hallo und in seinem schwefelhaltigen Dunstkreis spürt man die Anwesenheit des Unglücks.

Die Karten liegen früh auf dem Tisch, Regisseur Billy Wilder, den man eher wegen seiner berühmten Komödien ("Manche mögen's heiß", "Eins, zwei, drei", "Das Appartement") kennt, leistet mit "Frau ohne Gewissen" seinen Beitrag zum schwarzen Film. Die Romanvorlage von James M. Cain wurde von Wilder selbst und Raymond Chandler, dessen eigenes literarisches Film noir Werk "The Big Sleep" später von Howard Hawks verfilmt wurde, verfasst. Das erstaunliche an "Frau ohne Gewissen" ist der Spannungsaufbau. Man weiß schnell, was passieren wird. Der Off-Erzähler macht keinen Hehl daraus. Entscheidend ist im Handlungsverlauf vielmehr das WARUM und das WIE.

Walter wurde vom Teufel verführt und genau diesen Eindruck vermittelt er und Barbara Stanwyck, die hier, trotz fehlender Grundschönheit, mit diabolisch charismatisch glänzt. Ihre Kunst der Manipulation ist erschreckend und gleichermaßen manövriert sie den Betrachter in die Rolle des aktiven Beteiligten, der trotz einer stetigen, perfiden Unmoral beider Protagonisten, in gewisser Weise mit ihnen mitfiebert, wenn der Mord vollzogen ist und die Untersuchungen durch die Versicherung eingeleitet werden.

Spannung aus den Ermittlungen heraus. Es läuft alles gut und letztendlich doch nicht. Man weiß es vorher, der Protagonist sitzt im Büro von Keyes und legt sein Geständnis ab. Die Motive sind unterschiedlich, auf der Seite von Phyllis Dietrichson steht pure materialistische Gier, während Walter sich für die anziehende Femme fatale opfert, weil er illusorisch an die gemeinsame Liebe glaubt. Ein Durchschnittmensch wird zum Mörder. Doch beide Protagonisten vereint später ein Punkt - der Größenwahn. Walter versucht die Klausel, bei Sonderfällen 100.000 Dollar zu kassieren, auszunutzen. Damit zieht er die vollständige Aufmerksamkeit des Versicherungsunternehmens auf sich. Obwohl das Ergebnis hingehend bekannt ist, entwickelt das Duell zwischen den Hauptpersonen und den zuständigen Ermittlern eine Dynamik, die überwiegend durch Schauspiel und inszenatorische Finessen hervorgerufen wird.

Geschnitten wird eher klassisch, weniger schnell, mitunter mit Überblenden, die zeitliche und räumliche Entfernungen herausstellen. Insofern ist das Tempo langsam, aber die erzeugte Aufmerksamkeit groß. Ansonsten bedient sich Wilder klassischer Stilmittel des Film noir. Neben der Femme fatale, deren Profil hier nochmals geschärft und in der Charakterzeichnung den Höhepunkt erreicht, ist es der spürbare Verfall und die bewusste Herausstellung von Licht und Schatten, mit der deutliche Assoziationen zur Stilrichtung hergestellt werden.

Der am Beginn aufziehende, nächtliche Schatten in den spärlich beleuchteten Büroraum wird letztendlich durch das Sonnelicht des frühren Morgens aufgelöst. Es endet bzw. löst sich alles auf, wo es angefangen hat, zeitlich versetzt. Im Raum des Bürokomplexes der Versicherungsgesellschaft. Die Geschichte endet und der Verfall der amoralischen Protagonisten wird auf die Spitze getrieben - Walter erliegt den psychischen und physischen Wunden.

Dazwischen liegt spannungsgeladene, atmosphärische Unterhaltung nach klassischem Film noir Muster. Der Betrachter wird schnell in die Geschichte eingeweiht und sieht, wie der Protagonist mit dem Teufel tanzt, weil er der Verführung nicht widerstehen kann. Dafür opfert er alles. Man wäre geneigt zu verteufeln, aber dann wäre "Frau ohne Gewissen" eben nicht das, was es ist. Ein verführerisches Kriminaldrama, das den passiven Zuseher in aller Pracht aktiv involviert, quasi zum Mittäter, mindestens zum Sympathisanten für die Manipulierende bzw. dem Manipulierten werden lässt. Das Leben zeichnet eben nicht nur Schwarz und Weiß - das Ambivalente ist die attraktive Grauzone. (9/10)

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