Eine runde Sache: die Anniversary-Ecke

Vor 25 Jahren: Pialats spÀtes Meisterwerk



Van Gogh (1991)

Maurice Pialat ist fraglos einer der talentiertesten Regisseure Frankreichs in den 70er und 80er Jahren gewesen, dessen Name heutzutage & hierzulande jedoch ziemlich unpopulĂ€r ist. Dank der Masters of Cinema-Reihe von Eureka stehen zumindest die meisten seiner von “L’enfance nue” (1968) bis “Le garçu” (1995) reichenden Spielfilme samt einiger Kurz-Dokus in informativen Ausgaben zur VerfĂŒgung. Pialats Karriere als Regisseur beginnt aber schon lange vor seinem SpielfilmdebĂŒt “L’enfance nue”: Bereits 26jĂ€hrig liefert er seinen ersten Kurzfilm “Isabelle aux Dombes” (1951) ab – zu einer Zeit, in der kaum einer der kĂŒnftigen Filmemacher(innen) der Nouvelle Vague tĂ€tig war. Als Ende der 50er Jahre, Anfang der 60er Jahre die wichtigsten Vertreter dieser Welle ihre Langfilm-DebĂŒts vorlegen, dreht Pialat noch immer Kurzfilme: insgesamt 15 bis 1966. Einer dieser Kurzfilme, “Janine” (1962), beeindruckt Francois Truffaut nachhaltig. WĂ€hrend der Planung zu seinem “Fahrenheit 451″ (1966) nimmt dieser schon 1963 Kontakt zu Pialat auf, um ihn um Mithilfe zu bitten – und sich spĂ€ter dann doch fĂŒr einen enger vertrauten Mitarbeiter zu entscheiden; aber 1968 ist er Pialat bei dessen Karriere behilflich und produziert mit Claude Berri und weiteren Produzenten “L’enfance nue”. 1972 wird er dieses DebĂŒt als “eine Entdeckung” preisen. Beide MĂ€nner verfolgen das Schaffen des jeweils anderen aufmerksam und noch 1984 sollte Truffaut einige Wochen vor seinem Tod den CĂ©sar fĂŒr den besten Film an Pialat ĂŒberreichen, der ihn mit “À nos amours” (1983) gewonnen hatte. Trotz dieser NĂ€he zĂ€hlte Pialat nie zur Nouvelle Vague, die sich 1968 bereits wieder im Niedergang befand. Pialats spröder, rauher, bisweilen dokumentarischer Stil, mit welchem er meist qualvolle, unerquickliche Dramen inszenierte, welche meist einer offenen, freien Dramaturgie folgen, mag einiges von der Nouvelle Vague geerbt haben und steht auch ein wenig in der NĂ€he von Jean Eustache, dĂŒrfte aber eher jenem neuen Realismus zugeordnet werden, den anderswo Filmemacher wie Cassavettes oder Loach entdecken – wobei Pialat, der sich eher in der Tradition des frĂŒhen Rossellini sah, sicherlich die verstörendsten Werke hervorbringt, die ungeschönt von schwierigen Pflegekindern, von erkalteten, brutalen Beziehungen oder vom qualvollen Sterben erzĂ€hlen… (Kein Wunder, dass man spĂ€ter in Michael Haneke eine verwandte Seele gesehen hat.) Seinen Mitarbeitern hat Pialat, der als streng und schwierig galt, oftmals mit Verboten, RĂŒgungen und gar Beleidigungen zugesetzt, um die gewĂŒnschten Ergebnisse zu erzielen: In den ersten Langfilmen scheint man das geradezu spĂŒren zu können. In den 80er Jahren, in denen Pialat sich erstmals auch bei fremden Stoffen bedient, zĂ€hlt er dann Gerard Depardieu und Sandrine Bonnaire zu seinen Stamm-Schauspielern: Der Tonfall der Filme wird gelegentlich etwas lebhafter, bleibt in vielen FĂ€llen aber noch immer mehr oder weniger bitter. FĂŒr seine Bernanos-Verfilmung “Sous le soleil de Satan” (1987) erhielt er schließlich die Goldene Palme – und sorgt fĂŒr einen Eklat, als er “Buh!”-Rufen aus dem Publikum mit dem Ausruf begegnet: “Wenn ihr mich nicht mögt, kann ich euch nur sagen: Ich mag euch auch nicht.”

Erst vier Jahre spĂ€ter kommt am 30. Oktober 1991 Pialats nĂ€chster Film “Van Gogh” in die Kinos. Der sich unverstanden wĂ€hnende Filmemacher setzt hier das Leben des unverstandenen Malers, der ein knappes Jahrhundert zuvor im Jahre 1890 gestorben war, in Szene: Jacques Dutronc gibt hier – in einer seiner besten Rollen – fast drei Stunden lang einen Vincent van Gogh, der in den letzten Wochen seines Lebens als KĂŒnstler und Liebender gleichermaßen leidet; hier wird kein KĂŒnstler glorifiziert, sondern ein depressiver, durchaus schwieriger Mensch kurz vor seinem Untergang portraitiert. FĂŒr die Goldene Palme nominiert und zehnfach CĂ©sar-nominiert, ging “Van Gogh” letztlich beinahe leer aus: bloß Dutronc gewann als bester Hauptdarsteller. Dennoch gilt “Van Gogh” heute vielen Pialat-Liebhabern als einer seiner besten Filme. Und Godard – eine andere Nouvelle Vague-GrĂ¶ĂŸe, die Pialats Weg mehrfach kreuzte – bescheinigte dem Kollegen seinerzeit, einen atemberaubenden Film abgeliefert zu haben.
Wie die meisten Pialats liegt auch dieses Werk in einer reichhaltig ausgestatteten Eureka-Ausgabe auf BluRay vor: Fassungseintrag von Gergio. (Eine inhaltsgleiche DVD ist ebenfalls verfĂŒgbar.)


PierrotLeFou



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