Eine runde Sache: die Anniversary-Ecke

Vor 50 Jahren: Avantgardistische Ostblock-Girl-Power



Sedmikrásky (1966)

1966 war ein großes Jahr für die tschechoslowakische Neue Welle – weshalb nach „Vom Fest und den Gästen“ (Anniversary-Text) und „Liebe nach Fahrplan“ (Anniversary-Text) nun ein weiterer Film dieses Jahrgangs vorgestellt werden soll. „Tausendschönchen“ von Vera Chytilová, am 30. Dezember 1966 in den Kinos angelaufen, erfreut sich im Gegensatz zu den vorhergenannten Filmen auch hierzulande großer Bekannt- und Beliebtheit. Realistischerweise muß man wohl (leider?) vermuten, daß dies nicht unwesentlich mit den beiden jugendlich-attraktiven Hauptdarstellerinnen zu tun hat, die sich – oft nur spärlich bekleidet – durch einen absurd-witzigen, formal äußerst einfallsreichen Film albern und bei oberflächlicher Betrachtung die durchaus ernsten Hintergründe ihres Tuns vergessen machen können… doch der Reihe nach.

Vera Chytilová (1929–2014) gehörte zur kreativen Szene der Absolventen der FAMU, der nationalen Filmhochschule in Prag, und war seinerzeit die einzige Frau in ihrer Klasse. Diesen Umstand scheint sie als Chance wahrgenommen zu haben, mit ihrem zweiten Langfilm „Tausendschönchen“ ein Werk aus dediziert weiblicher Perspektive zu schaffen (ob der Begriff „feministisch“ hier angebracht ist, wäre einer gesonderten Diskussion würdig). Zusammen mit der Kostümdesignerin und Drehbuchautorin Ester Krumbachová sowie Pavel Juracék („Die Hofnarrenchronik“, 1964) macht Vera Chytilová zwei hübsche, allerdings sehr freche Mädchen mit Namen Maria (Ivana Karbanová und Jitka Cerhová) zu Heldinnen ihres Films, die mit nonchalanter Impertinenz gegen jegliche „guten Sitten“ verstoßen in der Absicht, sich genau wie ihre Umwelt „verdorben“ zu verhalten. Bevorzugte Opfer der beiden Marias sind lüsterne ältere Herren (doch auch der junge Verehrer von Maria II macht keine gute Figur), bevorzugtes Mittel ist der exzessive Konsum von Speisen und Getränken. Präsentiert werden die Max-und-Moritz-artigen Streiche mittels einer rauschhaften Attacke auf die Sinne des Zuschauers: eine unvorhersehbare Montage kombiniert Schwarzweiß- und Farbbilder in schneller Folge, Soundeffekte verfremden und Brahms- oder Wagner-Melodien konterkarieren die hedonistischen Vorgänge, Techniken aus Stumm- und Animationsfilmen sorgen für absurde, dadaistische und überraschend-humoristische Effekte. Die symbolischen Kastrationen, der unsachgemäße Umgang mit Nahrungsmitteln und die bei allem Spektakel kaum verhohlene Ablehnung und Veralberung der patriarchalisch geprägten Gesellschafts- und Machtverhältnisse mögen dann auch die Zensoren bewogen haben, den Film bald zu verbieten und Vera Chytilová mit einem mehrjährigen Arbeitsverbot zu belegen, was ihrem Schaffen glücklicherweise keinen Einhalt gebieten konnte.

Wie oben erwähnt, ist es selbst ohne kritische Reflexion auch heute ein Vergnügen, den beiden Marias bei ihren Freßorgien zuzuschauen und sich vom stilistischen Einfallsreichtum von „Tausendschönchen“ überwältigen zu lassen. Das deutsche Label Bildstörung hat es sich nicht nehmen lassen, den Kultfilm in gleich fünf (!) verschiedenen DVD- und Blu-ray-Versionen für jeden Geldbeutel auf den Markt zu bringen. Die umfangreichen, gleichwohl sehr unterschiedlichen Rezensionen von McKenzie und PierrotLeFou seien für eine profunde Nachbereitung des Films wärmstens empfohlen.


ratz



Kommentare und Diskussionen


3 Kommentare zu „Vor 50 Jahren: Avantgardistische Ostblock-Girl-Power“

  1. ratz sagt:

    Ebenfalls allen Lesern und Schreibern dieser schönen Kolumne ein Frohes Neues Jahr!
    Ich kann und sollte auch nicht aufhören, wiederholt PierrotLeFou fĂĽr sein ungebrochenes Engagement fĂĽr die Anniversary-Ecke zu loben und ihm zu danken – könnte es sein, daĂź es zumindest im deutschsprachigen Raum kein vergleichbares filmhistorisches Kalenderblatt gibt…? Phänomenal!
    Ganz egoistisch darf ich hinzufügen, daß auch ich selbst als gelegentlicher Beitragslieferant von der Möglichkeit profitiere, quasi Werbetexte und Kurzrezensionen für meine Lieblingsfilme zu verfassen und diese zu diesem Zwecke wiederzusichten, eine feine Sache.
    Also, auf ein weiteres erfolg- und lehrreiches Jubiläumsjahr!

  2. PierrotLeFou sagt:

    So, wieder ein Jahr vorbei; den Abschluss in der Anniversary-Ecke bildet ein Text von ratz, dem nochmals fĂĽr seine UnterstĂĽtzung gedankt sei… 111 Titel aus vier Jahrzehnten waren diesmal dabei und noch immer sind zuviele tolle Titel durchgerutscht… ;)

    In der engeren Auswahl waren etwa noch: Schlagende Wetter (1941), Dumbo (1941), The Heart of Britain (1941), Cathy Come Home (1966), Fritz Kortner spricht Monologe fĂĽr eine Schallplatte (1966), Hawaii (1966), Intime Beleuchtung (1966), Tobenai chinmoko (1966), Spur der Steine (1966), Grand Prix (1966), Der Weihnachtsmann hat blaue Augen (1966), Wie klaut man eine Million? (1966), Brennt Paris? (1966), Africa addio (1966), Batman hält die Welt in Atem (1966), Die GefĂĽrchteten Vier (1966), Woman of the Lake (1966), Der Brief (1966), Wagen nach Wien (1966), Unsere Afrikareise (1966), Deutschland Neu(n) Null (1991), Die Göttliche Komödie (1991), My Private Idaho (1991), Evil Dead – Die Saat des Bösen (1991), JFK (1991), Hot Shots (1991), Novembertage (1991), Drei Tage (1991), Rhapsodie im August (1991)…

    2017 werden insgesamt 114 Titel folgen (und auch da wird wieder einiges drauĂźen bleiben mĂĽssen). Auch ein Film einer in der Anniversary-Ecke bislang vernachlässigten Sparte wird dabei sein – und ich darf mich in diesem Zusammenhang schon einmal ganz herzlich bei Mayoko bedanken, die freundlicherweise mit einem Gastbeitrag zur Seite gesprungen ist…

    Den Anfang wird in der Mittagszeit noch ein Neujahrstag-Bonustitel bilden, der am 1.1.1967 erstmals zu sehen war; ab Montag geht es dann erst einmal wieder im ĂĽblichen Tempo (2 Filme pro Woche) weiter…

    Gutes neues Jahr!

    1. Mayoko sagt:

      Danke fĂĽr die netten Worte. Ich freue mich, dass ich euch bei diesem aufwendigen Projekt unterstĂĽzten durfte.


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