"The Outtake" - die exklusive Kolumne

The Outtake

Luxusproblem: Filmkauf



Sie sind ├╝berall in den deutschen Filmforen beheimatet, sogar ich bin wahrscheinlich einer von ihnen: die Fassungsn├Ârgler. Wem sie noch nicht ├╝ber den Bildschirm gelaufen sind, den begl├╝ckw├╝nsche ich ganz herzlich – ehrlich! Da bem├╝hen sich Firmen – gerade hier in Deutschland – darum, dass ein Film vom Index gestrichen wird, ehe der Streifen zur Neupr├╝fung bei der FSK vorgelegt wird, lassen Bild und Ton in Ordnung bringen, k├╝mmern sich um Extras und stellen ein umfangreiches Gesamtpaket auf. Das alles in (mindestens) monatelanger Arbeit. Und wenn dann die Ver├Âffentlichung ansteht, kommt sie, die Frage aller Fragen. Sie ist von so existenzieller Bedeutung, so ausschlaggebend f├╝r den Kauf: Ist der Flatschen aufgeklebt? (Untersuchungen haben ├╝brigens ergeben, dass User, die eine Flatschenfassung erwerben und den Film bei Seiten wie der OFDb, der IMDb, filmstarts und moviepilot bewerten, in 87% der F├Ąlle unter der bisherigen Durchschnittsnote bewerten.) Wendecover? Nat├╝rlich! Seit der vor einigen Jahren beschlossenen Gesetzes├Ąnderung hinsichtlich der Kennzeichnungspflicht prangt das Freigabelogo der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft in einer un├╝bersehbaren Gr├Â├če auf dem Cover von entsprechenden DVDs und Blu-ray Discs. Und wehe, das Ding kann man nicht irgendwie abmachen! Dann wird nicht gekauft! Ist ja schlie├člich eine bodenlose Unversch├Ąmtheit, dass die Vertriebe so etwas mitmachen und keine L├Âsungen finden! Man denke nur an die armen, armen K├Ąufer, die ihre gesammelten Filme fein nebeneinander aufgereiht ins Regal stellen und das Logo alle Jubeljahre mal zu sehen bekommen. Ich selbst bin bereits mehrere Male in Ohnmacht gefallen, als ich eine entsprechende Ver├Âffentlichung aus dem Regal gezogen habe. Da prangten eine rote und eine blaue 18 auf dem Cover. Oh, Fehlalarm, ist ja Gro├čbritannien, da darf man das. Schlie├člich sind die Logos ja kleiner.

Diejenigen, die unter schwersten Lasten mit solchen ├╝berdimensionierten FSK-Logos leben k├Ânnen, haben dann nat├╝rlich noch weitere Steine des Ansto├čes. Beispielsweise die Verpackung. Da ist nun der mit gr├Â├čter Sorgfalt restaurierte und mit Extras best├╝ckte Film endlich im Regal, die Logotomie irgendwie bek├Ąmpft und nun das: Ein Mediabook mit drei Scheiben sowie einem Booklet von Pi mal Daumen 20 bis 30 Seiten! “Das passt doch von der H├Âhe gar nicht zu anderen Packungen.” “Was soll denn das, sowohl Blu-ray Disc als auch DVD zu ver├Âffentlichen? Ich brauche doch nur die Blu-ray (oder eben die DVD)!” “Oh Gott, das wird doch wieder total teuer! Warum k├Ânnen nicht gleich 50 verschiedene Fassungen rausgebracht werden mit 600 verschiedenen Covermotiven.” (Sexualwissenschaftler haben herausgefunden, dass m├Ąnnliche K├Ąufer h├Ąufiger gro├če Verpackungen kaufen, Frauen hingegen ├╝berwiegend kleinere.) Ja, warum eigentlich nicht? Warum nicht sogar den Kunden selbst ausw├Ąhlen lassen. Einfach auf der Internetseite des Herstellers gew├╝nschte Variante (Blu-ray oder DVD) anw├Ąhlen, dann ggf. Extras, Verpackungsart, Covermotiv, Flatschenversion. Das w├Ąre doch die L├Âsung und da w├╝rden bestimmt auch ausnahmslos alle genug f├╝r bezahlen. Das ist das Gesch├Ąftsmodell der Zukunft! Ach nee, Quatsch, Geiz ist ja geiler.

Wenn sich tats├Ąchlich jemand findet, der mit all den Widrigkeiten von Flatschen bis Verpackung tats├Ąchlich noch an den Kauf denkt, kommt nun nat├╝rlich der sch├Ânste Punkt. Blo├č nicht zu viel bezahlen! Als Kenner hat man logischerweise schon ein Gesp├╝r f├╝r die ungef├Ąhr veranschlagten Preise, mit denen die schweinereichen Labels ihre Produkte verkloppen. Ein Katalogtitel f├╝r 30 Euro? Haha, nicht mit Onkel Schlaufuchs! (Marktforscher haben letztes Jahr sogar herausgefunden, dass niedrigere Preise zu weniger Gewinn f├╝hren.) Da werden erstmal die einschl├Ągigen Seiten besucht, werden Ladenpreise ausgewertet, Versandkosten verglichen. Und wenn der Preis dann knapp unter einer Versandkostengrenze liegt erstmal den Shop anschreiben, ob die Grenze nicht einfach ignoriert werden k├Ânnte. Nicht, dass nachher eventuell sogar noch die Paketdienste etwas daran verdienen k├Ânnten!

Jetzt folgt die Phase der h├Âchsten Freude, wenn man sich in einem Forum umschaut. Wasserstandsmeldungen und Wetterberichte ├á la “Der Postbote war da. Da P├Ąckchen nicht”, “Heute schon im Briefkasten.” und weitere hochdramatische, extra nervige Kommentare, die einen jeden Blick in das entsprechende Forenthema verleiden. (Laut einer noch nicht ver├Âffentlichten Studie sind etwa 90% der “Heute schon bekommen”-Postings von Versanddienstmitarbeitern erstellt oder zumindest beeinflusst worden.) Nachdem dann die Pakete nach und nach eingetrudelt sind, gibt es die ersten Fotos oder sogar Videos. Die Auspackvideos dienen dabei der Gesundheit. Nach einem Bericht der Krankenh├Ąuser sind allein im letzten Jahr die Zahlen von Patienten, die sich ihre H├Ąnde beim ├ľffnen von Verpackungen von Filmen schwer verletzt haben, um 263% gestiegen!

Nachdem nun also alle die doofe Verpackung mit dem bl├Âden Motiv, dem absto├čendem FSK-Logo f├╝r einen selbstverst├Ąndlich viel zu hohen Abzockerpreis bekommen haben, k├Ânnte man ja eigentlich erwarten, dass so langsam auch etwas zum Film gesagt wird. Schlie├člich sind wir doch alle filmverr├╝ckt und wollen uns doch dar├╝ber austauschen. Szenen analysieren, uns ├╝ber geliebte und verhasste Charaktere ereifern. Doch Fehlanzeige! Auf einen filmbezogenen Kommentar kommen 200 Bildvergleiche, die eindeutig belegen, dass das gesamte Master des Films gefiltert worden ist und danach mit Wachs versiegelt wurde. Au├čerdem stand bei der Neusynchronisierung noch ein Trommler im Hintergrund, dass muss auch gesagt werden.

Kurzum, der Film wurde falsch behandelt, die FSK-Problematik nicht intensiv genug angegangen, die Verpackung ist jenseits von Gut und B├Âse, der Film sieht total schei├če aus und vom Ton sprechen wir lieber gar nicht. Und dann auch noch 12,99 bezahlt, obwohl er letzte Woche doch in der “5 f├╝r 0″-Aktion war. Eieiei, warum habe ich nur das Teil gekauft? Ja und diese Frage f├╝hrt dann noch zum T├╝pfelchen auf dem i. Etwa ein halbes Jahr nach dem Erscheinen (und das ist der positive Fall, eigentlich eher sp├Ąter) kommen dann die Forenkommentare Marke “Ich habe mir den Film bis jetzt noch nicht angeschaut.”, “Ich hatte noch keine Zeit.” etc. pp.

Aber wozu ├╝berhaupt aufregen. Wenn bald Filme nur noch als Datei zum Kauf angeboten werden und die optischen Medien den Todessto├č bekommen, sind all diese Fragen sowieso hinf├Ąllig.


MMeXX



Kommentare und Diskussionen


5 Kommentare zu „Luxusproblem: Filmkauf“

  1. SchubiDu sagt:

    Toller Artikel, und so richtig aus dem Leben gegriffen. Aber eines fehlt noch, wehe, wenn der Film um 2 Sekunden oder so geschnitten wurde, in der amerikanischen Fassung zwar kein Busen, der aber in der EU-Fassung l├Ąnger aber daf├╝r kein Blut zu sehen ist. Aber vielleicht gibt das den Ansto├č f├╝r einen weiteren so herrlichen Artikel. Danke MMeXX. ;-)

  2. Der Beitrag ist klasse, MMeXX. Ich habe einige Male herzhaft gelacht.
    Ich gebe allerdings zu, dass ich nicht ganz ohne Schuld bin und mich in der ein oder anderen Passage wiedererkannt habe. Aber ich hasse die Flatschen einfach. ;-)

  3. Akayuki sagt:

    Sehr sch├Âner Text, MMeXX!

    So am├╝sant wie auch zutreffend. ;)

  4. Mr. Hankey sagt:

    Toller Text!

    Und neeiiinnnn ich bin nicht so!!! Oder??? ;-)

  5. Klasse Text! An ein paar Stellen musste ich ├╝ber mich selber lachen.


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