"The Outtake" - die exklusive Kolumne

The Outtake

Das Gespenst des Director’s Cut



Seit Jahren geht ein Gespenst in der Filmlandschaft um, das Gespenst des Director’s Cut. Zunächst waren es Einzelfälle, dann wurde es eine Mode und heute scheint es zu einer reinen Vermarktungsmasche heruntergekommen zu sein. Entsprechend reagieren auch die Filmfans ziemlich empfindlich auf die höchst unterschiedlichen Resultate, die ihnen unter diesem Titel verkauft werden sollen. Aus gutem Grund, denn nicht alles, was unter diesem Titel angepriesen wird, verdient die Bezeichnung. Nochmal wieder eine andere Frage ist, ob ein echter Director’s Cut dann wirklich einen künstlerischen Mehrwert mit sich bringt.

Lassen wir mal das Autoren- und Arthousekino beiseite und beschränken uns auf die großen Mainstreamproduktionen, die unsere Kinosäle füllen. Nur wer vollkommen wirklichkeitsfremd ist, kann glauben, ein Regisseur entscheide allein über die endgültige Gestalt seines Films. Regisseure filmen nicht mit ihrem, sondern dem Geld anderer Leute. Studios, Produzenten, Geldgeber, wie auch immer wir es nennen wollen, möchten ihren Einsatz mit Gewinn zurück. Folglich tun sie alles dafür, dass der Film ein Erfolg wird. Je höher der Einsatz, desto größer die Nervosität. Jeder Regisseur weiß das und handelt entsprechend.

Die beliebte Gegenüberstellung des edlen Künstlerregisseurs, der einem schnöden Apparat von Geldmenschen die Integrität seiner Werke abringt, verkennt diese Verflechtung, die nicht ein von außen hereingebrochenes Übel ist, sondern eine notwendige Voraussetzung der Entstehung von Großproduktionen. Könnte man es wirklich bis zum letzten Fall nachprüfen, so dürfte sich herausstellen, dass auf jeden Regisseur, der sich zurecht über kurzsichtige und bornierte Eingriffe von Produzentenseite beschwert, mindestens ein anderer kommt, der seinen Film aus Unvermögen, Betriebsblindheit oder Selbstverliebtheit in eine Sackgasse geführt hat, aus der ihn nur der Eingriff von Produzentenseite halbwegs fürs Publikum retten konnte.

Zusammengefasst: Ein Film ist in seiner veröffentlichten Form meist das Ergebnis eines Diskussionsprozesses, nicht einsamer Realisierung einer persönlichen Vision. Ob die Fassung, die der Regisseur vielleicht im Laufe dieses Prozesses angestrebt hatte, wirklich die „eigentliche“ oder gar „beste“ sein muss, kann man mit Fug und Recht bezweifeln. Das kann, aber muss nicht so sein. Nicht die übelsten Künstler sind die, die auf kompetente Mitarbeiter und Ratgeber im richtigen Moment hören können.

Weiter: man kann in vielen Fällen bezweifeln, ob ein Director’s Cut überhaupt diesen Namen verdient. Meist ist es eh nur eine Extended Edition, die man durch den Titel Director’s Cut mit höheren künstlerischen Weihen versehen möchte. Nicht in Konfrontation, sondern in vollem, schon vorher abgesprochenen Einverständnis von Regisseur und Produzenten auf den Markt geworfen. Manchmal sinnvoll, wenn der Erfolg eines so schon langen Filmes nicht durch extreme Überlänge gefährdet werden soll. Allen verständlich, dass etwas der HERR DER RINGE erst im Heimkino die volle Lauflänge erhielt. Auch die Erweiterungen von AVATAR hat man sich zurecht fürs Heimkino aufgespart. Ärgerlicher wird’s, wenn man das Restmaterial aus dem Schneideraum, das früher bestenfalls im Bonusmaterial der DVD gelandet wäre, nun in den Film hineinschnipselt, um eine fadenscheinige „andere“ Version zu erzeugen. Abgesehen von den Empfindlichkeiten einiger Nerds, ändern solche Versionen am Wert des Films praktisch gar nichts. Oftmals möchte man sagen: Weglassen ist auch eine Kunst.

Rechnet man all diese Fälle aus der Gesamtsumme der Filme raus, von denen ein Director’s Cut angeboten wird, dann bleiben erstaunlich wenige übrig, die diesen Titel tatsächlich verdienen. Filme, bei denen der Regisseur wirklich an die künstlerische Substanz ging und das Werk neu überdachte. Am berühmtesten sicher der Urvater des Director’s Cut, Ridley Scotts BLADE RUNNER. 1982 ein zweifellos moderner, gewagter Film, der stilistisch neue Wege ging.  Die Produzenten sahen damals zurecht, dass Scott im Grunde bei aller stilistischen Modernität einen inhaltlich weitaus konservativeren Detektivfilm im Geist der Schwarzen Serie gedreht hatte. Man verstärkte durch eine übergelegte Icherzählung diese Wirkung und gab dem Film mit dem richtigen Riecher für Publikumsgefühle einen positiven Ausgang der Liebesgeschichte. Zehn Jahre später, in einer ganz anderen Zeit, als Scott schon ein älterer Regisseur war, meinte er, das rückgängig machen zu müssen.  1992 erschien der Director’s Cut ohne Erzähler und mit pessimistischem Ende. Sicher ein tiefer Eingriff. Nur: kann man damit zehn Jahre Wirkungsgeschichte rückgängig machen? Hat selbst diese bedeutende Änderung unsere Einschätzung des künstlerischen Ranges von BLADE RUNNER wirklich entscheidend verändert? Merkwürdigerweise nicht. Hinzu kommt das Ärgernis, dass Scott meinte, dem Publikum in seiner Selbstherrlichkeit den Director’s Cut aufnötigen zu müssen und jahrelang die alte Kinoversion unterdrückte.

Noch zwiespältiger die Erfahrung mit dem zweiten berühmten Director’s Cut, nämlich Francis Ford Coppolas APOCALYPSE NOW. Das ambitionierte Projekt wollte nicht nur ein Bild des Vietnamkrieges zeichnen, sondern ihn auch noch psychologisch und historisch deuten. Zudem sollte er eine Allegorie von Zivilisation und Barbarei sein, entsprechend Coppolas literarischer Vorlage, dem Roman HEART OF DARKNESS. Nach Dreharbeiten, die völlig aus dem Ruder liefen, wurde 1979 eine immerhin 150minütige Version veröffentlicht, deren künstlerische Wirksamkeit sich seither glänzend bestätigt hat. Trotzdem brodelten die Gerüchte über angeblich große Mengen unveröffentlichtes Material, die entsprechende Legenden förderten, hier sei zensiert worden. Nach zwanzig Jahren meinte der alte Coppola nun, dem jüngeren Mann in die Hand fallen zu müssen und bastelte 2001 aus fünfzig zusätzlichen Minuten die REDUX-Version zusammen. Hauptsächlich wurde durch die lange Episode auf der französischen Farm dem Vietnamkonflikt die historische Wurzel im Kolonialzeitalter zurückgegeben, doch erwies sich, dass dies für den Film vollkommen überflüssig war, da er eben im Grundsatz kein Historienstück ist. Diese und alle anderen Erweiterungen verunklärten den Film und bremsten seinen Rhythmus nachteilig aus. Trotzdem blockierte auch hier der Regisseur jahrelang die Veröffentlichung der alten Kinofassung.

Nach zwanzig Jahren kann man aber nichts mehr verbessern. Ein Film hat sich dann vom Regisseur entkoppelt und seine eigenwertige Wirkungsgeschichte. Was der Regisseur bestenfalls liefern kann, ist einen anderen Film, mit neuer, eigenständiger Plausibilität, aber keine Verbesserung. Nur bitteschön: welche Fassung die bessere ist, möge er dem Publikum überlassen. Was also soll das ganze Theater mit dem Director’s Cut? Was verleitet Regisseure dazu?

Vielleicht ist es eine nur allzu menschliche Eigenheit, die jeder von uns kennt. Fast alle Erwachsenen, die endlich herangereift sind, tun es: dem peinlichen Jüngling in den Arm fallen, der man mal gewesen ist. Dreist, vorlaut und überzeugt von der eigenen Genialität hatte man die Welt behelligt mit den eigenen Werken, sei es als Komponist der Schulband, sei es als Möchtegernschriftsteller oder Hobbyregisseur. Nur wenige Jahre später und einige Erfahrungen reicher mag man sich selbst und seinen Schöpfungen nicht mehr ins Auge sehen. „Alles ändern“, entweicht es dem sich in Schamgefühl windenden Körper.

Alles ändern klingt gut. Nur wird es besser, wenn ein Dreißigjähriger einen Fünfzehnjährigen simuliert, wie er hätte sein sollen, ja wie man wünscht, dass er gewesen wäre? Oder entsteht dabei so etwas wie eine altkluge Version von Frankensteins Monster?  Das Gespenst des eigenen Director’s Cut, ich fühle es schon umherspuken.


Fastmachine



Kommentare und Diskussionen


6 Kommentare zu „Das Gespenst des Director’s Cut“

  1. Crumb sagt:

    Wenn ich mich recht erinnere wird in Dangerous Days sogar darauf eingegangen, daĂź der Director’s Cut 1992 gar nicht von Scott kam, sondern von Warner, die damit erneut Geld machen wollten, indem sie einfach ein paar ihrer eigenen Veränderungen rĂĽckgängig gemacht haben. Scott hat seitdem oft gesagt, daĂź das nicht sein Director’s Cut ist – der kam erst 2007 als “Final Cut” und ist ĂĽber jeden Zweifel erhaben.

    1. Fastmachine sagt:

      Das ist es ja eben: Die notwendige Verflechtung von Firma und Regisseur, die im Nachhinein manchmal aus subjektiver Perspektive vom Regisseur kritisiert wird, obwohl der genau weiĂź, dass er wenig bis nichts – auch einen Director’s Cut – ohne die Firma machen kann. Allein die Tatsache, dass der Film sich nach dem durchwachsenen Kinostart zu einem Dauerbrenner und Klassiker mauserte, machte die ganzen Nachfassungen finanziell doch ĂĽberhaupt möglich, nicht Scotts WĂĽnsche. Trotz allem, was gegen sie spricht, verdankt sich das der Kinofassung, die den Film im allgemeinen Bewusstsein verankert hat.

      Bei BLADE RUNNER liegt ein extremer Fall vor, doch lassen sich die fĂĽnf (fĂĽr Super-Nerds: sechs) Fassungen des Films auf zwei Grundtypen runterbrechen: mit Voice-Over und ohne. Im Grunde lag das mit Workprint und Kinoversion schon 1982 vor. Die Fassungsvarianten mit und ohne den paar Gewaltspitzen sind wirklich reine Nerd- Aufreger, die mit der Qualität des Films an sich wenig zu tun haben. Mit dem ersten Director’s Cut wurde ja im Prinzip nur eine ĂĽberarbeitete Variante von Scotts Workprint veröffentlicht. Da kann er nicht so tun, als hätte er damit nix zu schaffen, auch wenn es dann später nicht seine Idealfassung war. Der Final Cut nach 25 Jahren – gegen den ich nichts habe – ist da wirklich nur noch AufhĂĽbscherei gewesen. 2007 ist eben eine ganz andere Zeit mit anderen technischen Möglichkeiten, da konnte man sich den Luxus erlauben, einen längst amortisierten Film, der sich weiterhin gut verkauft, noch mal als Scotts “eigentliche Wahrheit” zu vermarkten. Nur: die alten Fassungen haben ihr eigenes geschichtliches Recht, mehr möchte ich eigentlich nicht verkĂĽnden. Aber wie gesagt, inzwischen ist das nach Veröffenltichung der fĂĽnf Fassungen auf DVD ja ok.

  2. Fastmachine sagt:

    Danke für den Hinweis, die beiden standen mir gar nicht so sehr vor Augen. AMADEUS liegt schon lange bei mir zurück, den wollte ich eh schon längst mal wieder gesehen haben. Auch hier ist die Bevormundung des Publikums ärgerlich.

    Die BLECHTROMMEL ist mir derzeit einfach zu fern, Grass wie Schlöndorff, da konnte und kann ich mich im Moment zu nichts aufraffen.

  3. Bei Entkopplung vom Regisseur muĂźte ich sofort an Star Wars denken.

    1. Fastmachine sagt:

      In der Tat habe ich zeitweise daran gedacht, hier auch die (Un-)taten des George Lucas zu würdigen, doch am Ende habe ich es sein lassen, weil das Verhältnis der beiden Star-Wars-Trilogien zueinander sich nicht vollständig ins Thema fügt. Da spielen auch noch andere Aspekte eine Rolle, so dass man für den Star-Wars-Komplex wohl besser eine eigene Outtake-Ausgabe ins Auge fassen sollte.

  4. ratz sagt:

    Noch zwei Beispiele fĂĽr von Director’s Cuts bedrohte Urfassungen:
    Milos Formans Kinoversion von “Amadeus” ist vom Markt gedrängt worden, regulär erhältlich ist derzeit nur der Director’s Cut. Ă„hnliches zeichnet sich fĂĽrSchlöndorffs “Blechtrommel” ab, deren (deutsche) Neuauflagen nur die manipulierte Fassung, nicht aber die Kinofassung enthalten.


Um Kommentare schreiben zu können, müssen Sie eingeloggt sein.

» Registrieren/Einloggen im User-Center



Copyright © 1999-2017 OFDb.de - Die Online-Filmdatenbank
Alle Rechte vorbehalten.
Nutzungsbedingungen · Werben · Impressum
Hosted by Net-Build



Quicksearch






User-Center

Benutzername: 
Paßwort:
Login nur für diese Sitzung:

·

476 Besucher online



News


Unser News-Bereich wurde überarbeitet und wird in Kürze weiter ausgebaut werden, damit Sie stets aktuell über alle Neuigkeiten rund um die Welt des Films informiert sind.

» Zum neuen News-Bereich