"The Outtake" - die exklusive Kolumne

The Outtake

Friede den H├╝tten! Krieg den Multiplexen!



Neulich war ich also im Kino. Im Kommunalen Kino, um genau zu sein. Das ist bemerkenswert, da es in Stuttgart seit Jahren kein solches Kino mehr gibt. Nicht, dass ich wirklich oft dort gewesen w├Ąre, aber der Gedanke war nett, dass es da war. Die Erfahrung, die ich nun in einem Kommunalen Kino in einer anderen Stadt machen durfte, ist allerdings nicht dazu geeignet, meine Sehnsucht wiederzubeleben. Es war furchtbar, will ich damit sagen. Das Publikum fing schon vor dem Film an, mir auf die Nerven zu gehen. Das ist insofern erstaunlich, als dass dies mit einem Vorfilm einherging, der an D├Ąmlichkeit kaum zu ├╝berbieten war. Das Publikum nahm die Herausforderung jedoch an und ├╝berbot jedwede D├Ąmlichkeit spielend. Da wurde sich ohne Hemmungen den ganzen Film ├╝ber unterhalten, und zwar die Art Unterhaltung, bei der es mir peinlich w├Ąre, dabei geh├Ârt zu werden, wenn es ansonsten v├Âllig akzeptabel ist, sich zu unterhalten. Da wurde herzhaft ├╝ber Witze gelacht, bei denen ich mich ernsthaft fragte, wie man so ├╝berrascht von etwas sein kann, das schon seit f├╝nf Minuten offensichtlich war. Doch je l├Ąnger dieses traumatische Erlebnis nun hinter mir liegt, desto mehr wird mir klar, dass es gar nicht dieses vermeintliche Bildungsb├╝rgertum ist, das meinen Zorn verdient. Noch nicht einmal die konkreten Menschen, die es geschafft haben, einen schlechteren Eindruck zu hinterlassen als betrunkene Teenager, die einen Mainstream-Horror-Film am Startwochenende besuchen. Nein, am Ende des Tages f├╝hrt einfach kein Weg daran vorbei, dass das Kino als Konzept einfach von Grund auf d├Ąmlich ist.

Sicherlich gab es eine Zeit, in der es als solches wirklich alternativlos war. In den fr├╝hen Tagen des Films war es schlie├člich komplett unm├Âglich, ihn an anderen Orten zu zeigen. Wer daran teilhaben wollte, musste damit vorlieb nehmen, Filme mit anderen Menschen zu konsumieren, ganz egal, was f├╝r ein intimer Akt das eigentlich ist. Aber die Technik hat sich ja nun wei├č Gott weiterentwickelt. Und wenn jemand von seinem Heimkino berichtet, dreht es sich doch eigentlich immer um Bild und Ton. Niemand sagt ÔÇ×die Technik ist im Grunde fertig. Jetzt muss ich nur noch ein paar besoffene Vollidioten finden, um das Erlebnis perfekt zu machen.ÔÇť Im Grunde ahnen wir, dass dieses romantisierte Kino-Erlebnis nichts ist als der Versuch, uns etwas schmackhaft zu machen, das eigentlich v├Âllig unserer Natur widerspricht.

Und es d├╝rfte uns ja auch nicht sonderlich ├╝berraschen, wenn uns ausgerechnet die Leute manipulieren, denen wir unser Geld hinterherschmei├čen, damit sie uns manipulieren. Hollywood wird nicht umsonst die Traumfabrik genannt. Wir reden hier immerhin von Menschen, die ├╝ber Jahrzehnte alles versucht haben, ihren Filmen ein bestimmtes Aussehen zu verleihen. Citizen Kane wird bis heute daf├╝r geliebt, dass er so wenig Filmkorn hat und daf├╝r einen unglaublichen Sch├Ąrfebereich. Als aber die ersten Videokameras auf den Markt kamen und begannen, eine Konkurrenz darzustellen, wollte man das alles pl├Âtzlich ├╝berhaupt nicht mehr. Man sprach jetzt n├Ąmlich vom Film-Look, der allem Anderen ├╝berlegen ist, weil er Korn und einen begrenzten Sch├Ąrfebereich hat. Und wir glauben diesen Leuten immer noch, was sie uns ├╝ber das Kino erz├Ąhlen.

Heute gilt es allerdings nicht mehr, uns zu ├╝berzeugen, dass Film besser ist als Video, heute geht es darum, dass Kino besser ist als jede Alternative. Da hei├čt es dann in Image-Kampagnen ÔÇ×Kino, daf├╝r werden Filme gemacht.ÔÇť AM ARSCH! Macht Eure Filme gef├Ąlligst f├╝r Euer Publikum, oder lasst es gleich bleiben. Oder habt wenigstens den Anstand, Euch dann auch vom ÔÇ×KinoÔÇť bezahlen zu lassen. Aber wenn Ihr mein Geld wollt, muss da schon mehr kommen als Produkte f├╝r ein abstraktes Konzept zu entwickeln.

ÔÇ×John Dies at the EndÔÇť ist beispielsweise ein Film, der zuerst zum legalen Download ver├Âffentlicht wurde, noch bevor er in die Kinos kam. Das erscheint irgendwie komisch und ich bin sicher, wir werden einen Weg finden, es zu etwas Negativem zu machen. Vermutlich wird das noch heute beliebte Etikett ÔÇ×Direct to VideoÔÇť zu ÔÇ×Direct to InternetÔÇť und ihm wird ein ├Ąhnliches Stigma zuteil. Wir schaffen damit aber einen Markt, auf dem es schlecht ist, uns die Wahl zu geben, einen Film so zu sehen, wie wir das wollen. Mit einer ├Ąhnlichen Logik k├Ânnte man auch die Nase r├╝mpfen, wenn man ein Produkt kaufen kann, ohne dass einem der Verk├Ąufer zwischen die Beine tritt. W├Ąre das Produkt gut genug, k├Ânnte man sich das Treten schlie├člich erlauben.

Das Kino hat es aber irgendwie geschafft, sich so nachhaltig in den Herzen der Menschen zu verankern, dass es nahezu unm├Âglich erscheint, dass es ganz verschwinden wird. Sicher, es ist in gewisser Hinsicht bedroht, aber es gibt doch noch immer gen├╝gend Romantiker, die den Untergang auf keinen Fall zulassen wollen. Das ist durchaus menschlich, aber ob es auch vern├╝nftig ist, das steht auf einem anderen Blatt. Ich bin sicher, als die H├Ąuser mit sanit├Ąren Anlagen ausgestattet wurden, gab es auch Kulturpessimisten, die den Untergang des Abendlandes beklagten. Da ging ja immerhin auch einiges an Gef├╝hl verloren, wenn man nicht mehr vor dem Haus in die B├╝sche kacken musste. Das war ja sicherlich auch ein Erlebnis, das Familien enger zusammenbrachte. Aber die Verbreitung des WC konnte nicht aufgehalten werden und wurde von den meisten Menschen wohl auch durchaus begr├╝├čt.

Ich verstehe auch, dass es schwerf├Ąllt, alte Gewohnheiten aufzugeben. Auch ich erwische mich immer wieder dabei, mich ├╝ber die M├Âglichkeit zu freuen, einen Film endlich im Kino zu sehen. Wenn ich dann aber da sitze zwischen lauter fremden Menschen, die mir teilweise geh├Ârig auf die Nerven gehen, meine gef├╝hlten f├╝nfzig Euro bezahlt habe und dann feststelle, dass die DVD gespielt wird, die auch bei mir im Regal steht, sp├Ątestens dann wei├č ich wieder, dass das Konzept Kino zumindest nicht alternativlos ist.


klepp



Kommentare und Diskussionen


3 Kommentare zu „Friede den H├╝tten! Krieg den Multiplexen!“

  1. “Filme mit anderen Menschen zu konsumieren, ganz egal, was f├╝r ein intimer Akt das eigentlich ist.”

    Du meinst die mit dem Mantel? :P

    Was ich ├╝brigens auch interessant finde, ist da├č Filmprojektion ja nun der Digitalprojektion weicht. Aber was bedeutet dies f├╝r einen Zuschauer, der dies eigentlich gar nicht wollte? Kann es ihm egal sein? Nein, im Kino wird er mit einem Digitalzuschlag bestraft, der sich zur Reservierungsgeb├╝hr, der ├ťberl├Ąngengeb├╝hr und dem Logenaufschlag addiert. Manchmal wundert man sich, da├č da nicht noch leicht bekleidete Damen sitzen, die zu einem Gl├Ąschen Sekt eingeladen werden wollen.

  2. Discostu sagt:

    Ich m├Âchte deiner einseitigen Darstellung (die nat├╝rlich viele Wahrheiten enth├Ąlt) eine umgekehrt einseitige Darstellung entgegenstellen. Die Wahrheit liegt nat├╝rlich wie immer irgendwo in der Mitte.

    Es geht bei einem Kinobesuch genauso wenig nur um den Film, wie es bei einem Konzertbesuch nur um die Musik geht, wie es bei einem Theaterst├╝ck nur um das St├╝ck geht oder wie es bei einem Fu├čballspiel nur um das Spiel geht. Nat├╝rlich kann ich diese ganzen “Inhalte” in heutigen Zeiten auch zu Hause konsumieren, aber das gleiche ist es nicht.

    Wenn ich mir zu Hause einen Film ansehe, dann ist dies nur eine Freizeitbesch├Ąftigung von vielen. Man ├╝berlegt, wie man seinen Feierabend verbringen k├Ânnte, hat die Wahl zwischen Internet, Zocken, Fernsehen, Musik h├Âren, ein Buch zu lesen, Tabletop-Fig├╝rchen anmalen oder was man eben so gerne macht. Der Film ist nichts Besonderes, nur eine M├Âglichkeit von vielen. Ihm wird auch nicht die volle Aufmerksamheit zu Teil. Man dr├╝ckt gef├╝hlt hundert Mal auf die Pause-Taste um zu pinkeln / eine Szene mit der Freundin zu diskutieren / etwas zu Trinken zu holen / weil das Telefon klingelt / weil man googeln will woher man einen Darsteller kennt und man hat gar nicht die M├Âglichkeit, sich voll auf den Film einzulassen, sich von ihm mitrei├čen zu lassen, ihm ausgeliefert zu sein.

    Ganz anders der Kino-Besuch. Allein die Einstellung, wie man an das Ganze herangeht, ist eine v├Âllig andere. Man sitzt nicht nur zu Hause und guckt einen Film, um sich die Zeit zu vertreiben. Man geht los, um etwas zu unternehmen. Man geht los, um an einem sozialen Ereignis teilzunehmen, bei dem der Film im Mittelpunkt steht. Man trifft sich mit zig oder gar hunderten fremden Leuten in einem Saal, die alle das eine wollen, diesen Film zu sehen. Alleine das Gef├╝hl der Vorfreude, wenn die Lichter ausgehen, der erste Trailer losl├Ąuft und wenn dann endlich der Vorhang noch weiter aufgeht um das volle Breitbild zu pr├Ąsentieren, wird man niemals in einem Heimkino haben. Man sitzt mit einer Gruppe von Leuten in dem Saal denen Filme immerhin so wichtig sind, dass sie bereit sind, zwischen 6 und 12 Euro daf├╝r auszugeben und die gemeinsame Begeisterung ├╝ber dieses Medium breitet sich ├╝ber den Saal aus. Besonders bei Filmen die starke emotionale Reaktionen hervorrufen wollen (vor allem Kom├Âdien und Horror-Filme) ist die Wirkung, zusammen mit einem Publikum zu gucken, unvergleichlich. In Kom├Âdien lacht man viel mehr als man zu Hause lachen w├╝rde, wenn sich um einen herum der ganze Saal geradezu wegschmei├čt. In einem Horror-Film erschrickt man sich mehr als man sich zu Hause erschrecken w├╝rde, wenn um einen herum gekreischt wird, wenn der Killer um die Ecke springt.

    Und dem Film gilt hier die volle Aufmerksamkeit. Er steht im Mittelpunkt. Der Saal ist dunkel und die Leinwand nimmt das gesamte Sichtfeld ein. Es gibt keine Pausetaste. Man ist dem Film und seinem Rhythmus vollkommen ausgeliefert, beinahe so gefesselt wie Alex in “Uhrwerk Orange” ist man gezwungen, sich dieser Horrorshow unabgelenkt hinzugeben. Ein Erlebnis, das zu Hause nie zu erreichen w├Ąre, sich zwei Stunden lang in seinem Sessel zu verkrampfen weil “The Dark Knight” so eine ungemeine Spannungskurve entwickelt, aus der man sich nicht entziehen kann. Und dann, am Ende, v├Âllig geflasht zusammen mit den anderen das Kino verlassen, endlich seine Gedanken zu dem Film loswerden zu k├Ânnen, aber eigentlich noch v├Âllig zu sehr “im Film”, um sich wieder auf die Realit├Ąt einlassen zu k├Ânnen. Ein Erlebnis, das einfach unvergleichlich ist. Das ist Kino. Daf├╝r werden Filme gemacht.

    1. thorwalez sagt:

      Sehr sch├Âner Kommentar Discostu. Nur in einem Punkt muss ich dir entschieden widersprechen. Horrorfilme im Kino zu sehen ist m.E. der beste Weg, sie das Filmerlebnis komplett zu versauen.
      Denn wer kennt sie nicht? Die Gr├╝ppchen junger M├Ądels, die bei den besonders spannenden Szenen einen spontanen Rede- und Kicherreflex bekommen oder die J├╝nglinge, die altersbedingt noch den starken Mann markieren m├╝ssen und den gesamten Saal durch lautstarke Badass-Spr├╝che von ihrer Badassness ├╝berzeugen m├╝ssen, weil sie sich ohne dieses Ventil vermutlich in die Hose schei├čen w├╝rden. Spannung und Atmosph├Ąre sind dahin. Das Eintrittsgeld quasi rausgeschmissen.
      Gerade Filme, die vor einzig von ihrer Atmosph├Ąre leben (z. B. Paranormal Activity) haben es bei solch einem Publikum schon sehr schwer. Bei den typischen Jump-Scarern wie Scream und Konsorten f├Ąllt dies m├Âglicherweise wirklich nicht so sehr ins Gewicht.


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