"The Outtake" - die exklusive Kolumne

The Outtake

Vom Umgang mit Normalsterblichen!



“They’re coming to get you, Barbara, there’s one of them now!” (Night of the Living Dead)

Silvan Prefetzky aka MoonshadeSprechen wir mal ├╝ber Randgruppen.

Da gab es vor Jahren mal eine Kabarettgruppe, in der ein begabtes Mitglied wie zuf├Ąllig zwischendurch mit dunkler Brille und Blindenstock ├╝ber die B├╝hne t├Ąnzelte, um dann mit leicht tuckiger Stimme zum Besten zu geben: “Ich bin zwei Randgruppen!”. Als Zugabe wurde die Nummer noch mal wiederholt, zum Jolen und Jubeln des Publikums erg├Ąnzt durch ein: “Schreit doch nicht so, sonst bin ich bald drei Randgruppen!”

Und dann durchlebe (oder durchleide) ich immer wieder Kinobesuche und salbadere mir w├Ąhrenddessen und im Anschlu├č durchs Hinterk├Âpfchen: Immer dran denken, hier bist du die Randgruppe! Oder noch besser, das obere Ende der Nahrungskette. Scheuch nicht die Antilopen auf!

Selten war ein Hobby kr├Ąfteverschlei├čender und mental zehrender, denn wie alle Randgruppen sind auch die Filmfans in der Minderheit.

Und damit ist der ganz harte Kern gemeint, diejenigen, welche ├╝ber Filmtheorie gelesen haben; Lieblingsregisseure besitzen, die es schon vor 1995 gab; mit dem Problem klar kommen m├╝ssen, einen Film immer unter mehreren Gesichtspunkten gleichzeitig zu sehen, also Plot, Regie, visuelle Umsetzung, filmhistorische Bedeutung, Kamera, Ausstattung und Schnitt, bei gleichzeitiger Akzeptanz oder Ausblendung von Klischees, Zitaten, Product Placement, ohne bei dem Versuch wei├čliche, leicht sch├Ąumende Substanzen oral abzusondern und sich in der Schultern des Nebenmanns zu verbei├čen.

Wir leisten Schwerstarbeit, das sollten alle Normalsterblichen langsam mal kapieren.

Und das Schlimmste: wir k├Ânnen gar nicht anders, au├čer wir erleben einen dieser segensreichen Momente, wo ausreichend Alkoholika ein bewu├čtes Abschalten dieses Teils unseres Gehirns m├Âglich macht (der Autor f├╝hrt in diesem Zusammenhang mal eine Uncut-Fassung von “Blade” auf).

Ach nee, war doch noch nicht das Schlimmste, denn wir haben den Kinosaal ja nicht ganz f├╝r uns allein. Da sind ja noch die anderen, die George Romero gemeint haben mu├č, als er den Satz unsterblich machte: “Wenn in der H├Âlle kein Platz mehr, kehren die Toten auf die Erde zur├╝ck!

Was er uns verschwiegen hat: sie gehen dann postwendend ins Kino.

M├╝ssen, ja, k├Ânnen wir lernen, sie zu akzeptieren?

K├Ânnen wir mit ihnen leben?

Was kann ich noch Besseres tun, als leise “There is no place like home!” vor mich hinmurmelnd die Treppen zum Ausgang hochzusteigen, anstatt die mich begleitende Herde durch einen Schmerzensruf aufzuschrecken, meinen Mantel zur├╝ckzuschlagen, den Z├╝ndmechanismus zu bet├Ątigen und laut zu schreien: “Ich liebe den Geruch von Napalm am Abend!“, woraufhin der Mob samt mir und meiner gehobenen Streitaxt in einem Meer von Glut und Feuer untergeht?

Ein sch├Âner Gedanke, aber dann w├╝rde mir so mancher gute Film entgehen.

Also gebe ich mich der Lethargie und lasse den Film in mir noch einmal ablaufen, auf das ich nicht bemerken m├Âge, da├č der Typ neben mir definitiv “lost in translation” ist, weil er den gerade gesehenen John C.Reilly aus “Dark Water” irgendeinem anderen Film zuzuordnen versucht, in dem er ihn doch schon gesehen hat und reihenweise falsche Beispiele nennt, w├Ąhrend er sich gleichzeitig noch nicht mal an seinen Namen erinnert.

So mu├č das Dasein als M├Ânch sein: ein Leben in Demut, erf├╝llt vom Glauben an den gro├čen Gott Film. Und die Ungl├Ąubigen sitzen sich in der Messe die Hosenb├Âden platt! Lobet den Herrn! Alle anderen beten drei imdb-Unser, bis sie die Besetzungsliste von “Der Name der Rose” ausw├Ąndig runterleiern k├Ânnen. Gehet denn hin in Frieden, aber haltet die Klappe!

Doch auch die andere Realit├Ąt (damit ist der Rest von Privatleben gemeint, den man sich noch zu g├Ânnen traut) wird l├Ąngst davon beeinflu├čt.

War ich fr├╝her stolz auf meine T├Ątigkeiten und die Anzahl geschriebener Filmkritiken, so breite ich inzwischen verst├Ąrkt Stillschweigen ├╝ber meine Aktivit├Ąten aus. Es ist ges├╝nder so, w├╝rde ich sagen.

Ansonsten droht allerorten Gefahr, etwa durch selbsternannte Konkurrenz, bei denen ein Hauch von Selbstbewu├čtsein schon zu Satisfaktionsforderungen f├╝hrt. Kaum hatte ich neulich in einem Club munter ein paar Worte zuviel verloren, schon wurde ich mit einem oskuren Zitat traktiert, da├č ich, nat├╝rlich, nicht sofort zuzuordnen wu├čte, um mir dann anh├Âren zu m├╝ssen, ich w├╝rde meinen “Lawrence von Arabien” ja nicht besonders gut kennen. In solchen F├Ąllen hatte ich nun zwei M├Âglichkeiten: den guten Jungen mit einer Tasse Hochprozentigem Absinth ├╝bergie├čen, an seinem Pferdeschwanz zum DJ zu zerren, um diesem eine einzigartige Performance zu g├Ânnen, den ersten Gast, der ASPs “Ich will brennen!” w├Ârtlich nehmen wollte – oder eben schulterzuckend ihm seinen kleinen Triumph zu g├Ânnen. Ich entschied mich f├╝r Letzteres und flocht in die n├Ąchsten 5 Minuten unbemerkt ein halbes Dutzend Zitate in unser “Gespr├Ąch” ein, die er nat├╝rlich nicht bemerkte, weil sie nicht als solche gekennzeichnet waren. Selig sind die Ahnungslosen!

Ist das jetzt Nerd-Humor? M├╝ssen wir uns sch├╝tzen?

Anscheinend, nicht zuletzt vor uns selbst.

Denn, auch das ist zu vermerken, wenn wir nicht mit einer Art geheimb├╝ndlerischen Akzeptanz dar├╝ber hinwegsehen w├╝rden, da├č unsere speziellen Vorlieben bisweilen weit auseinander liegen, w├╝rde jedes Filmfan-Treffen damit enden, da├č wir nach dem Genu├č von ausreichend Kurzgegorenem (also noch am ersten Abend) mit Keule und Schwert aufeinander losgehen w├╝rden.

Was halten wir denn schon von uns? Jeder denkt vom anderen: einen Geschmack wie mit der Bettpfanne gekl├Âppelt, aber andererseits auch: Mannomann, der/die hat was drauf!

Und man akzeptiert sich.

Zur├╝ck zu den Normalsterblichen.

Ich kann nur empfehlen, sich in Gesellschaft jener sch├Ân bedeckt zu halten. Ist eh schwer genug, denn in einer gem├╝tlichen Kaffeerunde, bei einem Kneipenbier oder w├Ąhrend einer Party kommt die Rede mit letaler Zielgenauigkeit irgendwann sowieso beim zuletzt gesehenen Film an, entweder vor oder nach dem neuen Computer, dem neuen Auto, der Hochzeit von Freunden, den k├╝nftigen Urlaubszielen, dem neuen/alten Freund/in, der Dekoration oder irgendwelchen ferkeligen Nostalgika aus der guten alten Zeit.

Ist es dann soweit, hei├čt es, Zunge zwischen die Z├Ąhne klemmen. Ein Gutteil der Leute wei├č, da├č du der Pate dreier Sitzreihen im ├Ârtlichen Stammkino bist und die Rede zwangsl├Ąufig auf deine Meinung dazu kommt.

In solchen Momenten ist es hilfreich, Nahrungsmittel oder Getr├Ąnke bei der Hand zu haben, um die Dummschw├Ątzer unter den Anwesenden nicht in Grund und Boden zu diskutieren oder schlimmer noch, sie mit Cocktailw├╝rstchen zu verpr├╝geln.

Und solange man unabl├Ąssig kaut, kann man auch nicht manisch so lange ├╝ber sein Lieblingsthema referieren, bis die Blicke aller Anwesenden Hilfeschreien gleichen.
Wohldosiert mu├č es sein, zieh den Stecker nach f├╝nf Minuten und warte auf Nachfragen.

Kommen keine, la├č es gut sein.

Bis du die verwandte Seele auf der Party/am Tisch/in der Ecke/ auf der Veranda gefunden hast.

Keine Chance jedoch hat man gegen wohlmeinende Suggestivfragen wie : “Sag mal, du hast doch auch (ein bi├čchen) Ahnung von Filmen, nicht?” Solche Augenblicke sind Todesfallen, das ist Schmeichelei und Zweifel auf dem gleichen Sandwich. Wer da nicht gerade auf einem Fleischb├Ąllchen herumkaut, kann vollends aus der Fassung geraten, sich in eine Kaskade aus unechter Bescheidenheit, unechtem Geehrtsein und eklem Selbstlob verwandeln. Kauen, Schlucken, nach unten sehen, so mu├č es laufen. Dann ein halber Augenaufschlag. Und halb gemurmelt: “Ein Bi├čchen…”

Das kann wirklich funktionieren, schafft man die H├╝rde, kann man ernsthaft ├╝ber das Thema reden.

Vielleicht ist es das, was wir brauchen, um mit unserem Los fertig zu werden.

Die neue Sachlichkeit!

Vielleicht brauchen wir aber auch nur einen Anruf um halb zwei Uhr morgens, weil f├╝nf Leute an einem Filmzitat verzweifeln und nur wir noch helfen k├Ânnen, weil wir uns die Nachtfilme ja eh einpfeifen.

Danach schl├Ąft es sich dreimal so gut, das kann ich euch fl├╝stern.

(Verdammungen, konstruktive Kritik und Lob bitte bis auf weiteres an: Everythingcounts@gmx.net)


Silvan Prefetzky



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