"The Outtake" - die exklusive Kolumne

The Outtake

Auf zum gro├čen K├╝rbis!



“War das der schwarze Mann?” (Halloween)

Silvan Prefetzky aka Moonshade“Ich pisse gerade Rasierklingen!”

Mit diesem Zitat sollte die n├Ąchste Kolumne eigentlich anfangen, denn ich fand es recht passend, als letztens mal wieder “The Green Mile” im TV zu sehen war und sich Tom Hanks m├╝hsam und schmerzerf├╝llt mit dem Urinieren abplagte, denn mir ging es gerade genauso. Eine freundliche Nierenbeckenentz├╝ndung hatte sich bei mir eingenistet – ja, genau die Art von Krankheit, ├╝ber die man als moderner Mann so gern kopfsch├╝ttelnd abwinkt, weil die Frau oder Freundin sie sich zum wiederholten Male eingefangen hat und niemand ahnt, woher oder warum.

Ich hab die Story von der mir verordneten Zwangsliegeorgie auf meiner Couchgarnitur dann aber doch eingestampft, sie war auch in natura unangenehm genug. Nur soviel, ich werde nie, nie wieder ein (bevorzugt weibliches) Opfer derselben Infektion bel├Ącheln.

Stattdessen verwandelt sich das goldene Oktoberwetter vor meinen Fenstern in einen Haufen herbstlichen Exkrement, ein deutliches Zeichen daf├╝r, da├č wir mit Volldampf auf Halloween zusteuern, jenem heidnischen Totenfest, da├č sich die lieben Amerikaner mal eben flott von den Briten (jaja, und die von den Kelten) entliehen haben, um daraus einen dieser wahnsinnig konsumkritischen Feiertage zu machen, die sich von jedweder Art von produzierender Industrie finanziell gut ausbeuten lassen.

Inzwischen haben sogar wir Deutschen den morbiden Reiz des Gruselfestes entdeckt und langsam aber sicher mutiert der Ehrentag vor Allerseelen zu einem angesehenen Ersatzfeiertag in Zeiten, wo uns der Bu├č- und Bettag als wirtschaftliche Notwendigkeit als mittw├Âchlicher Sauf- und V├Âllertag von den b├Â├Â├Â├Âsen Politikern weggenommen wurde. Wann wird eigentlich das Merkel ver-eichelt? Und ist Stoiber der neue “schwarze Mann”? Heben wir uns das lieber f├╝r sp├Ąter auf!

Aber warum so viel H├Ąme; wenn der Wind die Bl├Ątter von den B├Ąumen fegt, sollten wir dankbar sein, mit ein bi├čchen Gothic-Chic gegen die Herbstdepression angehen zu k├Ânnen.

Nat├╝rlich sind wir es noch gewohnt, da├č unsere J├╝ngsten “Trick or Treat” schreiend vor unseren Haust├╝ren stehend ihr kalorienhaltiges Recht fordern. Wenn sie es im US-Ausma├č tun w├╝rden, w├╝rde es sicherlich am n├Ąchsten Morgen von mehrfachen Schlag- und Herzanf├Ąllen unter deutschen Senioren in der Zeitung wimmeln, gefolgt von ein paar ausf├╝hrlichen Springer-Analysen, wie hoch der Satanistenanteil unter der marodierenden Grundsch├╝lern wohl gewesen sein mag.

Stattdessen warten die meisten unserer Jugendlichen brav noch ein, zwei Wochen, um dann unter christlichem Vorwand am Martinstag ihrer schokoladigen Habgier zu fr├Ânen und das auch noch mit Gottes Segen. Ich m├Âchte in diesem Zusammenhang schon mal den Anteil meiner G├Ąste gr├╝├čen, der jeden sonstigen Tag vorgeben w├╝rde, islamischen Glaubens zu sein – es gibt aber f├╝r alle nichts zu holen (da sind bei mir alle Menschen gleich), aber kommt ruhig erst mal in den dritten Stock hoch!

Dieses Jahr f├Ąllt Halloween auf einen Montag, was alle 24 Hour Party People nat├╝rlich zwingt, ihre Grusel-Party entsprechend vorzuverlegen, da bleibt nur Samstag Nacht, weil durch die Umstellung auf Winterzeit zuf├Ąllig noch eine Stunde mehr f├╝r Feiern zur Verf├╝gung steht, bei denen der schwarze Kajalstift mal so richtig kreisen kann. The 25th Hour, Zeit f├╝r ein Extra-Delirium zwischendurch, da bin sogar ich f├╝r zu haben.

Wenn dann aber die reelle Stunde des Grauens naht (passenderweise dieses Jahr an einem Montag, wobei man die 31 spielerisch nat├╝rlich noch zur 13 drehen kann, was das Horrorpotential zumindestens f├╝r alle Garfield-Fans noch bis an die Grenze des Ertr├Ąglichen ausreizt), dann werden wir zum ├╝berwiegenden Teil wohl vor der Flimmerkiste sitzen und auf eine Spur alten Kintoppkitzel hoffen.

Aber, ach weh, vergebens!

Ich pers├Ânlich liebe ja nicht nur Carpenters Standardwerk von 1978, dem Muster-Slasher ohne allzuviel Slashen (f├╝r die Figurbewu├čten unter uns), vor allem mag ich, wie sich die babygesitteten Bratzen (die wirklich unnachahmlich schlecht synchronisiert wurden, der Junge klingt wie ein Frosch in einer Kaffeem├╝hle) ihren Po sp├Ąter vor dem Bildschirm breitsitzen, w├Ąhrend um sie herum unbemerkt die Autorit├Ąt und so manches Teenagerleben in Fetzen geht. Und sie haben allen Grund dazu!

Amerika, du hast es besser, zumindest in deinen Kinophantasien laufen da zur besten Sendezeit echte Kieferbrecher aus der guten alten Zeit, “Forbidden Planet” oder “The Thing”, mit denen man sich als Nostalgiker oder Nicht-Jugendlicher noch popcornmampfend hinter dem Kissen verstecken konnte, bis Mutter oder Vater einen bissigen Kommentar zum angeblichen Durchhalteverm├Âgen abgaben und man sich wieder zum Hingucken gen├Âtigt sah. Und zum Vorw├Ąrmen gibt es jedes Jahr “It’s the the Great Pumpkin, Charlie Brown!”, das ist Nostalgie pur.

Nat├╝rlich hat sich auch das deutschen Fernsehen l├Ąngst darauf eingestellt und entsendet eine Auswahl von Genreproduktionen an das willige Publikum, r├╝hrt aber kaum an den Sehgewohnheiten der Alteingesessenen, denn der gr├Â├čte Horror (neben dem zweifellos wirklich entsetzlichen rent a Pocher – Halloween Spezial) w├Ąre eine schlechte Quote.

Darum wird erst mal ordentlich Family Entertainment gereicht, mit “Hocus Pocus” und “Little Shop of Horrors” immerhin zwischen belanglos und vergn├╝glich pendelnd einzuordnen. W├Ąhrend die ├Âffentlich-rechtlichen Sendeanstalten geradezu raffiniert subtil mit dem Schocker “Luther” kontern (in welchem Geschichte so geschickt komprimiert und auf unterhaltsame Weise sch├Ângeb├╝rstet wird, da├č es der wahre Horror des Abends w├Ąre, h├Ątten die meisten in Geschichte nicht ohnehin nur Liebesbriefchen verfa├čt), rettet wie so oft der Kunstsender Arte mit “Rosemaries Baby” halbwegs den Abend.

Ab 22.00 Uhr ist ja auch die “Ab 16″-Arena er├Âffnet und wir werden mit den ├╝blichen Standards zugeballert, von dem Original-”Halloween” (wie kreativ, g├Ąhn!), ├╝ber die ersten beiden Nightmare-Teile in konsumentenfreundlichen Schnittfassungen bis zu dem gar f├╝rchterbar br├Ąsigen “Ghost Ship”, Paul Schraders verschm├Ąhtem “Katzenmenschen” und der Basinger-Gurke “Die Prophezeiung”.

Im Bezahlfernsehen sieht es kaum besser oder innovativer aus, denn Premiere ist gleich auf zwei Kan├Ąlen vollgerotzt mit so ziemlich JEDEM halbwegs bekannten Horrorfilm der letzten 36 Monate, der es bis ins Kino geschafft hat und so dem Breitwand-Teen-und-Twen-Anteil der Bev├Âlkerung noch was sagt.

Wo ist denn das behagliche Schaudern geblieben, da├č uns beim Anblick einer ausgeh├Âhlten K├╝rbislaterne fr├╝her mal befallen hat, als Michael Myers uns noch nicht aus jedem Schaufenster entgegen starrte.

Grund genug, sich ein Alternativprogramm zusammen zu stellen, denn bis es sich zumindest die sonst so spa├čbremsenden Katholiken vom ZDF trauen, mit “King Kong und die wei├če Frau” doch noch Qualit├Ątsgrusel ins Programm zu hieven, ist es schon zwei Uhr morgens. Was uns fehlt, ist “Das Grauen” beim “Tanz der toten Seelen” “Bis das Blut gefriert” im “Schlo├č des Schreckens”!

Das ist nicht nur Nostalgie, das ist der Schrecken aus der Zeit, wie er so einem Tag w├╝rdig w├Ąre. Moderner Horror ist da viel zu oft simpler Alltagsgegenstand. Weckt die Toten auf, m├Âchte man da rufen, seid verr├╝ckt, seid originell, seid morbide. Mit “Freddy vs. Jason” funktioniert so etwas einfach nicht, das w├Ąre eher der richtige Film nach einem ausgedehnten IKEA-Einkauf.

Nat├╝rlich, spricht da der Fan, w├Ąhrend er seine knarrende Filmgruft ├Âffnet, kann man sich wie ├╝blich sein eigenes Programm machen, einfach die Filme einlegen, die man sehen will, gro├č genug ist der Fundus ja nach Jahren des Sammelns langsam.

Aber da ├Âffnet sich ein Nostalgiekn├Âtchen am Magengeschw├╝r: es gibt eben Tage, da soll es nicht so laufen wie sonst auch. Es gibt Tage, da fr├Âhnt man dem Ausgeliefertsein und will sich schlicht und ergreifend einfach bedienen lassen. “Wei├čt du noch, was damals lief, Darling?”, wird man sp├Ąter sagen, wenn die eigenen Kinder mit dem Bettlaken erst mal stiften gegangen sind.

Man m├Âchte einen Abend lang so sein, wie die Bratzen in “Halloween”, die nehmen mu├čten, was da war, denn 1978 war VHS noch ein bunter Traum in den Weiten Amerikas (ist diese Vorstellung nicht gruseliger als alles, was auf dem Bildschirm erscheinen k├Ânnte?). Fernseher einschalten und sich ├╝berraschen und ├╝berrollen lassen.

Aber vielleicht k├Ânnen solche Abende einfach nur zuf├Ąllig geschehen.

Was, ich widerspreche mir? Ich h├Ątte ein Alternativprogramm empfohlen? Ja, aber wer sagt denn, da├č daf├╝r die Filmbibliothek notwendig sei?

Ich werde die Lichter l├Âschen, Kerzen anz├╝nden, Wein oder Bowle auf den Tisch und ungef├Ąhr einen Doppelzentner von irgendwas mit Schokoladen├╝berzug dazu und mir dann mit Freunden gegenseitig die liebsten Gruselgeschichten (ich empfehle ├╝brigens M.R.James) vorlesen, bis die G├Ąnsehaut wieder freiwillig einzieht.

Dann nehme ich vom gro├čen K├╝rbis auch alther- und mitgebrachte Geschenke gerne an.

Auch in schwarz-wei├č!

Nackenhaare hoch, Leute!

(Verdammungen, konstruktive Kritik und Lob bitte bis auf weiteres an: Everythingcounts@gmx.net)


Silvan Prefetzky



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