"The Outtake" - die exklusive Kolumne

The Outtake

Wer keine Stasi mehr hat, der macht sich eine!



Silvan Prefetzky aka MoonshadeNeulich auf einem stark frequentierten Musik-Festival: treusorgend und vorausschauend öffne ich meinen prallgefĂŒllten GebirgsjĂ€gerrucksack schon dem Einlaß aufs FestivalgelĂ€nde, denn je schneller ich Security von meinen absolut lauteren Absichten ĂŒberzeugt habe, um so schneller kann ich zum Auftritt von “Nitzer Ebb”. Dank meiner Freundin (Festival = draußen = abends kalt) ist das Teil prall gefĂŒllt mit allerlei Klamotten, die natĂŒrlich den Eindruck erwecken MÜSSEN, dass sich darunter was Illegales befindet, Dope oder eine Spiegelreflexkamera oder noch schlimmer eine prall gefĂŒllte Plastikflasche (wĂŒrden “Him” auftreten durchaus ein tödliches Wurfgeschoss). Ich puhle also pflichtschuldigst alles hervor, was nach Fanshop oder H+M-Einkaufsbummel aussieht und verweise, die HĂ€nde voll Texitilien, den Rucksack inzwischen leidlich zwischen Knie und Kinn befestigt nach innen und murmele was von Kamera, Regenschirm und was zu Futtern. Trotzdem misstrauische Blicke.
“Hol’n se mal raus, die Knippse!”, nuschele ich an der BrötchentĂŒte vorbei, die ich mir sicherheitshalber in die linke Backe geschoben habe.

“Neenee,” meint der junge Mann trocken, “reingreifen darf ich nicht. Sie mĂŒssen schon rausholen.”, was den Balanceakt fĂŒr mich natĂŒrlich nicht unbedingt komischer machte, fĂŒr ihn allerdings schon.

Er ließ mich nach ein wenig Zappeln freundlich rein, mein Allzwecktaschenmesser hab ich natĂŒrlich nicht gemeldet. Soll aber sein Schaden nicht sein, hab das ganze Wochenende niemanden zum Abstechen gefunden.

Bei dieser Gelegenheit fiel mir auch wieder ein, dass Àhnliche, allerdings eher diktatorisch-totalitÀre Unsitten sich epidemienÀhnlich auch bis in die hannoverschen Kinos verbreitet haben.

Die Rede ist von der Taschenkontrolle, die zwischenzeitlich minderbeschÀftigte Kinoangestellte nach Belieben vornehmen, als wÀre Kino 8 heut abend unser aller Kriegsgefangenenlager oder die selige DDR.

Bisher kannte ich die Unsitte nur aus richtigen GroßstĂ€dten, jetzt ist auch die selbsternannte Provinz an der Reihe. Steht da also plötzlich ein Halbitaliener mafiaĂ€hnlicher Couleur (mit Sonnenbrille im Kino, das verunsichert natĂŒrlich total) vor der Treppe abwĂ€rts und fĂ€ngt meinen Kumpel M. ab, was an sich schon eine Leistung ist, denn selbiger hat die Statur einer durchschnittlichen Wohnzimmerschrankwand. Was er denn in dem lustig wippenden Rucksack hĂ€tte und ob er denn da mal reinschauen könnte?

Das war der Moment, in dem alle angestauten Aggressionen jahrelanger KinogĂ€nger ihren kollektiven Ausbruch hĂ€tten finden können, aber zum GlĂŒck ist mein Kumpel ungefĂ€hr so brutal wie ein StrĂ€ußchen Butterblumen und die Nachfrage des Kontrollators mitunter berechtigt, da M. mit Vorliebe grĂ¶ĂŸere Mengen Nahrungsmittel in die SĂ€le schleust, allerdings nichts kulinarisch Aufregendes, sondern so simple Sattmacher wie LaugengebĂ€ck und Lidl-Wasser in 1,5l-Flaschen. Wasser und Brot, des kleinen Mannes Nachtmahl, Jesus hĂ€tte an unseren KinogĂ€ngen seine Freude gehabt.

Dennoch weigerte sich M. standhaft, den Reißverschluß auch nur ein Zentimeterchen zu öffnen, denn wenn der Festivalonkel nicht darf, darf Luigi erst recht nicht, schon gar nicht ohne hinreichenden Tatverdacht oder ein belastendes Video. Am Ende einer kurzen, aber entschiedenen Diskussion wurde der Rucksack schließlich an der Kasse deponiert, was in letzter Instanz eigentlich eine Niederlage fĂŒr uns KinogĂ€nger war, denn wo bleibt unser Recht auf Selbstbestimmung und Selbstversorgung, wenn man Vertrauen so missbraucht und RucksĂ€cke nicht mehr die Filme sehen dĂŒrfen, die sie mögen.

NatĂŒrlich wissen wir um diese penetranten, spießigen Schildchen, die uns das Mitbringen von eigenen Speisen und GetrĂ€nken untersagen, aber ist so ein Verbot ĂŒberhaupt gĂŒltig? Ich bin durchaus berechtigt, ein x-beliebiges Einrichtungshaus mit einer, sagen wir mal, EinkaufstĂŒte voller Choco Crossis zu durchqueren, ohne das ich Ärger kriege. Ich verbringe Abende im Theater mit einer Hosentasche voll MĂŒsli fĂŒr zwischendurch und niemand beschwert sich. Und niemand hat je in einem Autokino meinen Kofferraum durchwĂŒhlt (außer dem PĂ€rchen, dass sich vor Regen schĂŒtzen wollte!).

Ich kann den Inhalt meines KĂŒhlschrankes bei mir tragen, wann ich will, das heißt noch lange nicht, dass ich vorhabe, einen Teil wĂ€hrend der VorfĂŒhrung zu verspachteln.

Böswillige Unterstellung nenne ich das.

Was kommt als nĂ€chstes? Werden Damen des Hauses verwiesen, die Monatsbinden in der Tasche haben, weil zu befĂŒrchten steht, dass sie die Sitze vollbluten? Wird jeder mit Kondom in der Geldbörse wegen möglichem Erregen öffentlichen Ärgernisses vorzeitig aussortiert? Die meisten Abenteuerlustigen gehen sowieso zum Vögeln aufs Klo, aber dann geht immer ziemlich viel vom Film flöten.

Wieso muß ich mir von dieser Art Ersatzstasi also ausgerechnet im Kino das GepĂ€ck filzen lassen und mit welcher Berechtigung?

Weil diejenigen, die es wagen, Essen und GetrÀnke zu schmuggeln, sofort die 475 Prozent-Gewinnspanne bei Popcorn und Softdrinks schmÀlern?

NatĂŒrlich wissen wir alle, dass die Kinos mit den Karten heutzutage kein GeschĂ€ft mehr machen können – mit dem Fressverhalten der cholesteringesĂ€ttigten Zuschauer durchaus, die sich zuhauf auch heute noch mit wahrer Begeisterung auf den grĂŒnlichen DosenkĂ€se freuen, den ein Riesenportionierer auf ihre Nachochips erbricht und dort den Eindruck hinterlĂ€sst, bereits zum vierten Mal gegessen zu werden oder eine VorkriegsabfĂŒllung zu sein, die im Bunker unter dem Kellern bei EntschĂ€rfungen zufĂ€llig geborgen wurde.

Wer sich sonst vor vorgetĂ€uschter Empörung den Zwickel nĂ€sst, weil Zigaretten schon wieder 20 Cent teurer geworden sind, um dann sofort einen VHS-Kurs zum besseren Selberdrehen zu belegen, akzeptiert im Kino ja anstandslos Bierpreise, die Wirten das Leben kosten wĂŒrden, schrieben sie diese in eine Karte.

Insofern mĂŒssen die Kinos ihre PfrĂŒnde schĂŒtzen – meinen Serranoschinken will ich trotzdem dabei haben.

Der letzte Rest humanitĂ€rer Vernunft und renitenten Revoluzzergeist, der manche von uns zum Schmuggeln bewegt, sollte belohnt werden – denn erstens könnten wir uns bei stĂ€ndigem Im-Kino-Kauf fett- und zuckerintensiver Wachmacher die Karten bald nicht mehr leisten und zweitens dĂŒrften wir die saubersten KinogĂ€nger der Welt sein, denn wer mit MĂŒhe seine Leckereien am Abreißer vorbei gemogelt hat, wird sich die MĂŒhe nicht machen, sie freimĂŒtig im Saal zu verteilen, den Fußboden damit zu veredeln oder kleine Care-Pakete in Sesselritzen fĂŒr die nachfolgenden Vorstellungen anzulegen.

Wenn die Teppiche in Saal 1 mal wieder das Aufnahmevolumen an 25l Coke pro qm erreicht haben und jeder Schritt an die toten Marschen kurz vor Mordor gemahnt, dann ist das nicht das racheschĂ€umender Cine-Anarchisten. Die genießen, ohne zu verschĂŒtten, anders als die zwangskonditionierten PopcornkĂ€ufer, die die Vorfreude im Saal meistens mit Hochzeiten verwechseln und das gesĂŒĂŸte VerpackungsfĂŒllmaterial deswegen hĂ€ndeweise verstreuen, weil endlich mal wieder Winter werden soll.

Und wo wird das alles enden?

Wenn den Kontrollatoren die RucksÀcke nicht mehr reichen, werden sie unsere MÀntel durchsuchen?

Den Anwalt gleich dahinter, der die Möglichkeiten einer TaschenpfĂ€ndung durchrechnet? HĂ€nde an den Pappaufsteller und die Beine breit? Oder werden die besten StĂŒcke konfisziert und an hungerdarbende Hartz-4-EmpfĂ€nger nach Nordfriesland oder in die sĂ€chsische Schweiz verschickt?

Am Ende werden wir diese Cosa-Nostra-Oberkellner-Ersatzlehrlinge noch schmieren mĂŒssen, um einen Film zu sehen, die SĂŒĂŸigkeiten werden nicht fĂŒr uns sein, sondern fĂŒr den Zollbeamten.

NatĂŒrlich gibt es gewisse Tricks, die das selektive Kontrollieren unterlaufen (z.B. funktioniert es recht gut, wenn man einen leeren Cola-Becher immer dabei hat, den man dann unauffĂ€llig in der Hand hĂ€lt, denn wer schon GetrĂ€nke kauft, wird vermutlich nicht schmuggeln). Notfalls berufe man sich auf die Wahrung der persönlichen Freiheit oder der MenschenwĂŒrde (Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, genauen Paragraph bitte selbst nachschlagen). Oder bekomme angesichts einer Kontrolle einen hysterischen Weinkrampf.

Oder wir denken uns immer neue Wege des erfolgreichen Schmuggels aus, denn was wirklich wichtig ist, steckt jetzt immer schon in meinen Jackentaschen. Und notfalls deponiere ich das Speiseeis auch kurzfristig in meinen Unterhosen.

Ich will dafĂŒr nur hoffen, dass “Flutschfinger” bei Langnese noch auf der Karte steht.


Silvan Prefetzky



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