Zusätzliche Informationen zum Film

Jung und Unschuldig (1937)

Interview Truffaut/Hitchcock von Stefan M
eingetragen am 03.02.2005


Hitchcock: Der amerikanische Verleihtitel war „The Girl Was Young“. Die Ausgangsidee war, eine Verfolgungsgeschichte mit ganz jungen Leuten zu drehen. Die Perspektive ist die eines jungen MĂ€dchens. Es gerĂ€t in eine bewegte Situation, mit einem Mord, Polizei undsoweiter, und ist ganz durcheinander. Ich habe viel Jugend eingesetzt in diesem Film. Eine Suspense-Szene ergibt sich aus einer Kinderparty.
Es geht wieder um einen jungen Mann, der eines Mordes beschuldigt wird, den er nicht begangen hat. Er wird verfolgt, er versteckt sich und das MĂ€dchen hilft ihm widerwillig. Sie sagt: „Ich muß nun zu meiner Tante, ich habe es ihr versprochen.“ Und sie nimmt den jungen Mann mit zu ihrer Tante, bei der gerade ein Kinderfest stattfindet. Sie mĂŒssen bei den Spielen mitmachen. Dem, der gefangen wird, werden die Augen verbunden - Blindekuh. Der Junge und das MĂ€dchen wollen verschwinden, wĂ€hrend die Tante die Augen verbunden hat, aber wenn einer von ihnen geschnappt wird, mĂŒssen sie bleiben. Dadurch kommt Suspense auf. Fast werden sie von der Tante gefangen, aber sie können sich gerade noch davonmachen.
In der amerikanischen Verleihfassung wurde eine Szene geschnitten, ausgerechnet diese. Das war idiotisch, die ganze Essenz des Films steckte in ihr.
Ich will Ihnen am Beispiel von „Young und Innocent“ ein Prinzip des Suspense erklĂ€ren. Man muß dem Zuschauer eine Information geben, die die Figuren des Films nicht haben. Dann weiß er mehr als die Helden und kann sich intensiver die Frage stellen: wie wird sich die Situation auflösen?
Zum Schluß des Films sucht das MĂ€dchen, das jetzt auf der Seite des Helden ist, den Mörder. Die einzige Spur, die sie gefunden hat, ist ein alter Mann, ein Landstreicher, der den Mörder gesehen hat und ihn auch wiedererkennen wĂŒrde. Der Mörder hat einen nervösen Augentick. Das MĂ€dchen steckt den Landstreicher in einen ordentlichen Anzug und nimmt ihn mit in ein Grand Hotel zum FĂŒnf-Uhr-Tee. Es sind furchtbar viele Menschen da, und der Landstreicher sagt zu dem MĂ€dchen: „Es ist wirklich ein bißchen lĂ€cherlich, in diesem GetĂŒmmel nach einem Gesicht zu suchen mit einem Augentick.“ Genau nach diesem Dialogsatz plaziere ich die Kamera ganz oben unter die Decke des Ballsaals, und von da fĂ€hrt sie auf dem Kran ĂŒber die TĂ€nzer hinweg bis zu dem Podium, auf dem die Musiker sitzen, eine Negerkapelle, und geht auf den Musiker, der am Schlagzeug sitzt. Die Fahrt setzt sich fort in einer Großaufnahme des Schlagzeugers, auch ein Schwarzer, bis seine Augen die ganze Leinwand fĂŒllen und in !
dem Augenblick zucken die Augen: der besagte Augentick! Das Ganze in einer einzigen Einstellung.

Truffaut: Das gehört zu Ihren Prinzipien: vom Entferntesten zum NĂ€chsten, vom GrĂ¶ĂŸten zum Kleinsten.

Hitchcock: Ja. Da schneide ich dann und gehe zurĂŒck zu dem MĂ€dchen und dem Landstreicher, die immer noch am anderen Ende des Saals sitzen. Jetzt ist das Publikum informiert, und die Frage, die es sich stellt, lautet: Wie werden der Alte und das MĂ€dchen den Mann entdecken? Ein Polizist, der im Saal ist, sieht das junge MĂ€dchen und erkennt es, sie ist nĂ€mlich die Tochter seines Chefs. Er geht zum Telefon. Es gibt eine kleine Pause fĂŒr die Musiker, in der sie in der Garderobe eine Zigarette rauchen. Auf dem Weg dahin, im Flur, sieht der Schlagzeuger durch den Lieferanteneingang zwei Polizisten hereinkommen. Weil er den Mord begangen hat, geht er ihnen diskret aus dem Weg, nimmt seinen Platz im Orchester wieder ein, und die Musik beginnt. Jetzt sieht der nervös gewordene Schlagzeuger am anderen Ende des Saals die Polizisten mit dem Landstreicher und dem jungen MĂ€dchen sprechen. Der Schlagzeuger glaubt, daß die Polizisten ihn suchen und fĂŒhlt sich entdeckt. Weil er immer nervöser!
wird, spielt er schlecht, einfach fĂŒrchterlich. Er steckt das ganze Orchester an, wegen des schlechten Schlagzeugers geht der Rhythmus völlig zum Teufel. Es wird immer schlimmer. Jetzt sind das junge MĂ€dchen, der Landstreicher und die Polizisten dabei, den Saal durch den Gang zu verlassen, der neben dem Orchester vorbeifĂŒhrt. Es betrifft den Schlagzeuger eigentlich gar nicht, aber das weiß er nicht, und alles, was er sieht, sind die Uniformen, die auf ihn zukommen. An seinen Augen sieht man, daß er immer nervöser wird. Wegen des Schlagzeugs muß das ganze Orchester aufhören, die TĂ€nzer ebenfalls, und da sinkt der Schlagzeuger bewußtlos zu Boden. Dabei reißt er die Pauke mit, was einen riesigen LĂ€rm macht, und zwar gerade in dem Augenblick, als unsere kleine Gruppe durch die TĂŒr gehen wollte. Was ist das fĂŒr ein LĂ€rm? Was ist los? Das junge MĂ€dchen und der Landstreicher treten zu dem bewußtlosen Schlagzeuger. Am Anfang des Films haben wir gezeigt, daß das MĂ€dchen Pfadfinderin!
ist und sich in Erster Hilfe auskennt. So hat sie den jungen Mann ĂŒberhaupt kennengelernt, weil sie im PolizeibĂŒro Erste Hilfe leistete, als er ohnmĂ€chtig wurde. Sie sagt: „Dem Mann muß ich helfen“, und geht zu ihm. Sofort merkt sie, wie seine Augen zittern, und sagt ganz ruhig: „Geben Sie mir bitte ein Handtuch, ich will ihm das Gesicht abtrocknen.“ SelbstverstĂ€ndlich hat sie ihn sofort erkannt. Sie tut, als kĂŒmmere sie sich um ihn und sagt zu dem Landstreicher, er solle herkommen. Ein Kellner bringt ein feuchtes Handtuch, und sie wischt dem Schlagzeuger das Gesicht ab. Der hatte sich schwarz angemalt, als Neger. Das MĂ€dchen schaut den Landstreicher an, der Landstreicher schaut sie an und sagt: „Ja, das ist er.“

Truffaut: Ich habe den Film vor sehr langer Zeit in der CinĂ©matĂšque gesehen, und ich kann mich noch erinnern, daß gerade diese Szene großen Beifall fand. Alle fanden sie großartig, vor allem die lange Fahrt durch den Saal.

Hitchcock: Zwei Tage habe ich allein fĂŒr die Fahrt gebraucht.

Truffaut: Das Prinzip ist dasselbe wie in „Notorious“ [„BerĂŒchtigt“]: die Kamera fĂ€ngt ganz oben an, noch ĂŒber dem großen Kronleuchter, ĂŒberschaut den ganzen Salon, und sie endet auf dem TĂŒrschlĂŒssel in Ingrid Bergmans Hand.

Hitchcock: Das ist die Sprache der Kamera, die an die Stelle des Dialogs tritt. In „Notorious“ sagt diese lange Kamerabewegung genau dies: In diesem Haus findet ein großer Empfang statt, aber dabei vollzieht sich ein Drama, und niemand weiß es, und dieses Drama steht im Zusammenhang mit einer einzigen Sache, einem winzigen Gegenstand, diesem SchlĂŒssel.


Quelle: Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?“ von Francois Truffaut, Heyne-Verlag


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