21. Januar 2019

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von PierrotLeFou

Vor 100 Jahren: Zwei wegweisende Klassiker von Robert Reinert

Opium (1919) & Nerven (1919)

Robert Reinert zählt sicher nicht zu den bekanntesten Namen deutscher Filmgeschichte. Dabei schrieb er immerhin das Buch für die Filmreihe "Homunculus" (1916), die sowohl als ambitioniertes SciFi-Werk der 10er Jahre als auch als Vorläufer des Expressionismus Geschichte schrieb, und inszenierte wenig später die rauschhaften Filme "Opium" und "Nerven", die mancherlei miteinander gemein haben.
"Opium", der am 29. Januar 1919 uraufgeführt worden war, steht voll und ganz in der Tradition des Aufklärungsfilm, der nicht selten so beschaffen war, dass man in ihm zugleich eine Vorform des Exploitationfilms sehen kann: Die Aufklärung über heikle, tabuisierte Themen ermöglichte deren unverblümte Darstellung, welcher sich an der Kinokasse stärker bezahlt machte als der erhobene Zeigefinger, der ebenfalls dazugehörte. Ähnlich verhielt es sich später in Hollywood mit den erotischen Bibelfilmen – und schließlich mit den reinrassigen Exploitationfilmen. "Opium" ist so ein Aufklärungsfilm, der recht deutlich auf den perversen Kitzel schielt. So wie heute ein Gaspar Noé Filme als Drogenersatz präsentiert ("Enter the Void" (2009), "Climax" (2018)), handhabte es Reinert 1918/19 mit etwas anderen Mitteln: Seine Warnung vor der in Deutschland keine große Gefahr darstellenden Droge ist kaum mehr als ein Vorwand für spektakuläre Rauschbilder, die sich vor allem in der zweiten Hälfte des Films neben verlockende Exotik und melodramatische Sex- und Crime-Versatzstücke gesellen. Eine von Geheimnissen und Enthüllungen durchzogene Eifersuchts- und Rachegeschichte, die von unglaublichen Zufällen lebt, lässt mehrere Figuren in den Bann des Opiums geraten, das der Chinese Nung-Tschang (Werner Krauss) auf ganz besondere Weise perfektioniert hat, um es an jenen auszuprobieren, die erst seiner Frau und später deren unehelicher Tochter zu nahe kamen; auch der Gelehrte Prof. Gesellius, der eigentlich bloß die Droge erforschen wollte, verfällt ihrem Einfluss. Und die Filmbilder setzen erst auf fast schon psychedelische Doppelbelichtungen, ehe dann in Wahnfantasien gehörnte Satyre mit halbnackten Frauen wahre Bacchanalien feiern.
In der unmittelbaren Nachkriegszeit hatten solch spektakuläre Bilder eine ungemeine Zugkraft bewiesen: monumental ausufernde Exotik, Erotik, Abenteuer und hochdramatische Tragödien dienten erfolgreich als eskapistische Unterhaltung – und als solche traf "Opium" genau den Nerv der Zeit und wurde, nachdem gerade erst Lubitsch mit "Carmen" (1918) der deutschen Filmszene ein ungemeines Selbstbewusst verschafft hatte, von der Kritik als großer Erfolg gefeiert.
Im Rückblick wurde meist viel mehr die Exploitation des (als nicht jugendfrei eingestuften) Films wahrgenommen, der allerdings auch in zweierlei Weise wegweisend ausgefallen ist: Zum einen bringen die erotischen Opiumräusche die Lust an die Oberfläche, welche das Eifersuchtsdrama weniger offenkundig durchzieht bzw. motiviert hat, womit der Film eine Vorstufe des psychologischen Films à la "Geheimnisse einer Seele" (1926) darstellt; zum anderen lässt sich in den fantasievoll gestaltenen Rauschbildern ein weiterer Schritt in Richtung Expressionismus erkennen, der im Folgejahr endgültig die deutschen Leinwände erobern sollte und im Rückblick als die Dominante des deutschen Kinos der 20er Jahre schlechthin wahrgenommen wurde.
Beides trifft auch auf "Nerven" zu, der im Dezember 1919 zur Uraufführung gelangte: Auch hier verzahnen sich die Schicksale verschiedener Menschen – wobei sogar das Motiv einer gut gemeinten Lüge erneut auftaucht –, auch hier werden innere Befindlichkeiten mit expressiven Wahnbildern visualisiert, die abermals die Sehnsucht des Publikums nach Sensationen befriedigen; psychologisches Drama, Expressionismus-Vorläufer – "Nerven" ist das am Jahresende noch weit mehr als "Opium" am Jahresanfang. Das Sujet ist jedoch ein gänzlich anderes: Kein Exotismus, der das ferne China herbeibemüht, keine ungewöhnlichen Drogentrips... Stattdessen geht es hier um die Erfahrungen der Kriegszeit, die jene, die einst Nerven aus Stahl hatten, in die nervliche Zerrüttung getrieben haben. Als symphonische Schilderung einer Seelenlandschaft wurde das Werk seinerzeit gesehen: Die Handlung sei Nebensache, wesentlicher sei das Gefühlsleben der Figuren – deren Fortschrittsskepsis nach der Erfahrung des Ersten Weltkrieges, das umgebende Klima der Aggressionen während der Straßenschlachten im Rahmen der Absetzung der Räterepublik, die unterschwelligen sexuellen Begierden... Stärker noch als "Opium" nimmt er den psychologischen und den expressionistischen Film vorweg – Letzterer gelangte knapp zwei Monate später in Form von "Das Cabinet des Dr. Caligari" (1920) in die Kinos. Und stärker als "Opium" traf er den Nerv der Zeit: nicht unbedingt an der Kinokasse, aber doch über zahlreiche nervöse Ohnmachtsanfälle, zu denen es gelegentlich im Publikum gekommen sein soll.
Allerdings ist "Nerven" nicht mehr in seiner ursprünglichen Form erhalten geblieben. Eine aufwendige Rekonstruktion und Restaurierung konnte aus unterschiedlichen Quellen eine Version zusammenstellen, die auf rund 2/3 der ursprünglichen Länge kommt. Erschienen ist diese Version mit umfangreichem Begleitmaterial in der Reihe Edition filmmuseum: Fassungseintrag von 74072

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