6. Juli 2018

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von PierrotLeFou

Vor 50 Jahren: Erster feministischer Film aus Deutschland? – 1968-Retrospektive XI, Feminismus I

Neun Leben hat die Katze (1968)

Es gab sie natürlich schon immer: Alice Guy, Germaine Dulac, Elvira Notari, Leontine Sagan, Leni Riefenstahl, Maya Deren, Jacqueline Audry, Ida Lupino usw. Aber Frauen waren – gerade in den Gefilden konventioneller Langspielfilme – die seltene Ausnahme auf den Regiestühlen. Zur Zeit gibt es wieder einen großen (zweiten) Wandel diesbezüglich: Muss man sich schon ein wenig anstrengen, um beim Brainstorming auf 3-4 Dutzend Regisseurinnen des 20. Jahrhunderts zu kommen (die allergrößtenteils in die Zeit nach 1968 fallen dürften), lassen sich schon jetzt mit Leichtkeit 3-4 Dutzend Regisseurinnen des doch noch recht jungen 21. Jahrhunderts finden. Man kann die Frauenquoten-Debatten durchaus skeptisch betrachten, aber dieser allmähliche Wandel in der Filmlandschaft ist sehr zu begrüßen, da er nicht bloß weniger forciert erscheint und eher den Eindruck eines neuen Selbstverständnisses erweckt, sondern auch die künstlerische Vielfalt bereichert: Mit dem Boom an weiblichen Regisseurinnen steigt auch die Zahl weiblicher Hauptfiguren (die längere Zeit als finanzielles Risiko gegolten haben).
Es gibt den nicht unproblematischen Begriffs des Frauenfilms, der in aller Regel von, über und für Frauen gedreht worden ist: Mit ihm lassen sich durchaus so einige, aber beileibe nicht alle Filme der Regisseurinnen des 21. Jahrhunderts etikettieren, aber eine Dominante bildete der sogenannte Frauenfilm während des ersten großen Wandels um 1970 im Rahmen des Second-wave feminism. Bei Agnès Varda in Frankreich, Vera Chytilová in der Tschechoslowakei, Mai Zetterling in Schweden und - weit weniger - bei Lina Wertmüller in Italien war schon Mitte der 60er mal mehr, mal weniger deutlich eine feministische Ausrichtung zu erspüren, welche ab '68 und vor allem in den frühen 70er Jahren immer deutlicher und immer dringlicher zutage tritt: Ab 1968 auch bei Márta Mészáros in Ungarn, spätestens ab 1972 bei Marguerite Duras, ab 1975 bei Chantal Akerman und ab 1976 bei Catherine Breillat in Frankreich, ab 1974 bei Laura Mulvey in Großbritannien, ab 1969 bei Helke Sander und Claudia von Aleman und ab 1975 bei Margarethe von Trotta in Deutschland...
Das erste Beispiel eines explizit feministischen Kinos lieferte hierzulande aber Ula Stöckl (die das Etikett "Frauenfilm" als eine Erfindung von Männern ablehnt): Mit "Neun Leben hat die Katze" hat sie den Film gedreht, der als erster feministischer Film der BRD in die Filmhistorie eingehen sollte. Dabei wäre der Film, der im Frühsommer 1968 entstanden war, beinahe gar nicht zur Kenntnis genommen worden: Er lief bloß einmal im Oktober auf dem Internationalen Filmfestival Mannheim-Heidelberg und erntet nur wenig Zuspruch, woraufhin der ursprünglich interessierte Verleih den Kinostart hinauszögerte und dann aber Pleite machte. Constantin lehnte ab und ein weiterer Verleih soll laut Ula Stöckl nachträgliche Sexszenen von ihr gefordert haben. Jedenfalls erlebte der revolutionäre Streifen, der jede Menge Zeitgeist in sich bewahrt, lange Zeit keinen regulären Kinostart. Erst 1977 – als der "Frauenfilm" hierzulande bereits ein bisschen Schule gemacht hat, wenngleich etwa Helke Sanders zurecht beklagte, dass Frauen nach wie vor die Ausnahme in der Männerdomäne Film darstellten – erlebte "Neun Leben hat die Katze" dann eine Wiederaufführung im Rahmen einer Stöckl-Retrospektive im Berliner Arsenal. In den späten 70er Jahren machte er dann auf diversen Festivals die Runde und wurde auch in den 80er und 90er Jahren immer wieder auf Festivals und in Retrospektiven aufgeführt. Im Februar dieses Jahres zeigte das Arsenal den (2015 restaurierten) Film erneut in einer Stöckl-Retrospektive - anlässlich des 80. Geburtstages der Regisseurin.
Der mit einer Drehbuchprämie des Kuratoriums Junger Deutscher Film geförderte Abschlussfilm an der Ulmer Hochschule für Gestaltung, den Stöckls damaliger Dozent Thomas Mauch produzierte (wie so viele andere Klassiker des Neuen Deutschen Films), soll - so liest man mitunter - 1968 in Mannheim vor allem wegen seiner vielen Frauenfiguren von vornehmlich männlichen Kritikern großteils ignoriert worden sein. Im Rückblick erweist sich natürlich gerade dieses Interesse an der Rolle der Frau in der Gesellschaft als der bedeutendste Aspekt des Films, der das Dilemma seiner Figuren gleich zu Beginn klarstellt: "Nie hatten Frauen so viele Möglichkeiten, ihr Leben einzurichten, wie sie es wollen. Aber jetzt müssen sie überhaupt erst lernen, dass sie etwas wollen können." (Ein ähnliches Phänomen zeigte wenig später Hellmuth Costard mit "Die Unterdrückung der Frau ist vor allem an dem Verhalten der Frauen selber zu erkennen" (1970) auf.)
Der episodenhafte, essayistische Spielfilm, der keinem Genre so wirklich entspricht, untersucht diese Feststellung an verschiedenen Frauentypen, die sich immer wieder über den Weg laufen (oder von den Frauen erträumt werden). Dabei entfernt sich die Handlung in einer Art Dreischritt zunehmend vom einem handlungsorientierten Film, konzentriert sich dann zunächst auf den Diskurs, schließlich auf die Utopie: Inhaltsangabe von PierrotLeFou

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