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von PierrotLeFou

Vor 100 Jahren: C. Th. Dreyers homoerotischer Klassiker nach Herman Bang

Stichwörter: 1920er Bang Christensen Deutschland Drama Dreyer Erotik Freund Jubiläum Klassiker Liebesfilm Literaturverfilmung Spielfilm Stummfilm von-Harbou


Michael (1924)
Carl Theodor Dreyer hat Filmgeschichte geschrieben mit großen Klassikern, die stilistisch ungemein aus dem Rahmen fallen: Da wäre "Ordet" (1955) nach Kaj Munk, sein in äußerst langen Einstellungen entfaltetes Glaubensdrama, das viel Aufmerksamkeit auf die stillen Momente legt und selbst noch ein Wunder im Finale mit großer Ruhe und Zurückhaltung in Szene setzt; da wäre "Vampyr" (1932) nach J. Sh. Le Fanu, dieser traumartige, im Schwebezustand dahingleitende Tonfilm, der über weichen, blassen Bildern beinahe noch wie ein Stummfilm tönt; und da wäre natürlich "La passion de Jeanne d'Arc" (1928), sein gänzlich tonloser, zum großen Teil über Großaufnahmen vermittelter Gerichtsfilm. Es ist ein stiller Minimalismus in diesen Filmen und auch in anderen Dreyers, der sich aber in den Dienst der großen, wahrhaftigen Gefühle stellt. Der am 26. September 1924 uraufgeführte "Michael" ist dagegen einer jener Dreyers, bei denen der Stil des dänischen Meisterregisseurs weniger wahrzunehmen ist. Dafür hat der auf einem Roman Herman Bangs basierende Film längst die Rolle eines frühen Klassikers schwulen Kinos übernommen: Die homoerotische, in wenigen, aber entscheidenden Details Oscar Wildes "The Picture of Dorian Gray" (1891) ähnelnde Geschichte eines Malers, der einen jungen Mann als Ziehsohn und Model annimmt und noch zu ihm steht, als dieser – verliebt in eine Fürstin – sich abzuwenden beginnt und sich derweil recht schamlos am Hab und Gut des älteren Mannes bedient, ist eine tragische Geschichte unerfüllter Sehnsucht, die kaum ausgesprochen wird, aber sich in Blicken verfängt: Blicke der Gesichter in Großaufnahme, ihrerseits vom Kamerablick erfasst, aber auch Blicke des Künstlers, der seine Muse in Gemälde überführt. Fatalistisch läuft diese Geschichte ab, wird doch zuvor das Sterben als Liebesakt verhandelt, derweil man über Brutus' Cäsarenmord diskutiert. Was in Mauritz Stillers "Mikaël"-Erstverfilmung "Vingarne" (1916) kaum hervortrat – einmal vom anspielungsreichen Titel abgesehen, der in Verbindung mit einer Ganymed-Statue früh (und spät) im Film die homoerotische Komponente anspielt –, bekommt bei Dreyer nochmals mehr Gewicht, wird aber auch hier nicht explizit verhandelt, sondern bleibt eine diffuse erotische Spannung. Darüber hinaus ist der Film für Cineasten aber auch von Interesse, weil hier neben Dreyer noch andere große Namen beteiligt waren: Dreyers Landsmann Benjamin Christensen spielte den Maler, Karl Freund ist als Kunsthändler zu sehen und Thea von Harbou schrieb am Drehbuch mit.
Vor bald sieben Jahren hat Eureka! den Film in der Masters of Cinema-Reihe auf Blu-ray wiederveröffentlicht: Fassungseintrag von Sir Francis



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