30. Januar 2018

Beitrag

von PierrotLeFou

Vor 50 Jahren: Neue Eindrücke aus Vietnam – 1968-Retrospektive I, Vietnam I

In the Year of the Pig (1968)

Natürlich gab es schon früh Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg: Joan Baez etwa war schon 1964 in der Vorweihnachtszeit mit einigen hundert Demonstranten durch San Francisco marschiert. Aber es sollte noch einige Zeit dauern, bis selbst GIs in Vietnam "Where Have All the Flowers Gone?" sangen - oder etwa "Make Peace, Not War"-Schriftzüge auf ihren Helmen trugen. (Das ist freilich keine Erfindung von Stanley Kubrick und "Full Metal Jackett".) 1965 wachsen solche Demonstrationen auf vier- bis fünfstellige Teilnehmerzahlen an: Beim March Against the Vietnam War in Washington haben sich neben Joan Baez und Judy Collins am 17. April 15000 bis 25000 Protestler versammelt. (Hinzu kamen die vielbeachteten Fälle von Selbstverbrennungen: Nach Thich Quang Ducs geradezu ikonisch gewordener Selbstverbrennung in Saigon 1963 protestieren in den USA 1965 drei Personen auf diese Weise gegen den Vietnamkrieg.) Ebenfalls fünfstellig ist die Zahl der Demonstranten Mitte Mai des Folgejahres - ebenfalls in Washington -, derweil auch in Deutschland und Großbritannien denkwürdige Proteste zu verzeichnen sind. Ähnliche Szenen sind im März 1966 in New York zu erleben und beim March on the Pentagon - über welchen Chris Marker und François Reichenbach ihren "La sixième face du pentagone" (1968) drehten - versammeln sich dann 70000-100000 Menschen am Lincoln Memorial, von denen dann etwa 30000-50000 Richtung Pentagon marschieren. Verhaftungen wegen zivilen Ungehorsams gibt es in diesem Zusammenhang weit über 600. Johnsons Aufenthalt in L.A. gerät drei Monate später zum Desaster, als sich rund 10000 Kriegsgegner auf sein Hotel zubewegen: erwartet hatte man ein Zehntel.
Die Stimmung mag sich 1967 bereits auf einem Siedepunkt befunden haben. Den entscheidenden Einschnitt brachte aber der Beginn der Tet-Offensive am 30. Januar 1968. Nun häuften sich die Nachrichtenbilder zahlreicher Grausamkeiten - etwa die Erschießung Nguyen Van Lems -, vor allem aber häuften sich die Eindrücke ohnmächtiger, überforderter US-Truppen, die sich dabei in der Mehrzahl befanden... Waren zuvor vor allem Studenten (und junge Leute insgesamt) an den Protesten beteiligt, gab es im Rahmen der Tet-Offensive und der begleitenden Berichterstattung eine Kehrtwende in der öffentlichen Meinung. Und daran, dass der Vietnamkrieg zum zentralen politischen Ereignis des Jahres geworden war, zweifelte kaum noch jemand. Diese neuen Eindrücke waren andere, als man sie zuvor durch das Fernsehen vermittelt bekam.
Denn die mediale Vermittlung des Vietnamkriegs sah zuvor noch ganz anders aus: Propagandistische Dokumentarfilme wie "Why Vietnam?" (1965) standen eher in der Tradition der zwei, drei Jahrzehnte älteren Propagandafilme aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges - zuversichtlich-optimistische Stimmungen, parteiisch-eindimensionale Perspektiven, klare Feindbilder. Auch den Vietnamkriegsfilm, wie man ihn heutzutage von Oliver Stone, Michael Cimino, Stanley Kubrick oder Francis Ford Coppola kennt, gab es damals freilich noch nicht in dieser Form: Noch 1968 vermittelte Hollywood mit dem nationalistischen John Wayne-Vehikel "The Green Berets" (1968) das Bild des amerikanischen Helden, der gegen die drohende kommunistische Weltherrschaft ankämpft. In Frankreich tat sich hingegen schon im Vorjahr etwas: Pierre Schoendoerffer griff 1966 seinen 1954 begonnenen "La Section Anderson" (1967) wieder auf und unter Chris Markers Leitung drehten Godard, Ivens, Lelouch, Varda und andere an "Loin du Vietnam" (1967). Ivens drehte zudem seinen "Le 17e parallèle: La guerre du peuple" (1968), der - im März 1968 uraufgeführt - den Kampf der Nordvietnamesen aus nächster Nähe zeigt, den bekannten Bildern ganz neue entgegensetzt und zweifelsohne mit Emile de Antonios (im Oktober 1968 uraufgeführten) "In the Year of the Pig" den großen Vietnam-Dokumentarfilm schlechthin darstellt.

Hatte de Antonio ursprünglich ein Filmprojekt über den Konflikt zwischen indigenen Amerikanern und der US-Gesellschaft drehen wollen, drängten ihn Finanzierungsprobleme und weltpolitische Entwicklungen in eine ganz andere Richtung, die dennoch eine Kritik an der gegenwärtigen US-Gesellschaft zuließ. Anders als bei Ivens blitzt bei de Antonio weniger eine pro-nordvietnamesische Haltung durch. Der marxistische Dokumentarfilmer lieferte vielmehr eine Gegenposition zu den bekannten TV-Eindrücken ab und versuchte sich daran, einen Film abzuliefern, welcher der Gesellschaft den Vietnam-Konflikt von der Kolonisation an vergleichsweise komplex nachzeichnete und dabei kein gutes Haar an Manipulationsversuchen der US-Politik ließ. "Year of the Pig" - Dieser auf den chinesischen Kalendar schielende, exotisch-asiatisch anmutende Titel, über den de Antonio fortan beharrlich schwieg, lässt es freilich zu, einzelne Personen und Parteien als Schweine zu deuten, hält sich aber mit solch einem polemischen Gestus, der auch noch durch den brillant inszenierten Vorspann weht, halbwegs zurück. Herausgekommen ist ein vielbeachteter Klassiker des Dokumentarfilms, welcher bis in die 70er Jahre hinein vor allem in Europa viel gezeigt worden war, über dessen kommerziellen (Miss-)Erfolg dennoch Unklarheit besteht und der sich in den USA mehrfach heftigen Schmähungen & Beschimpfungen ausgesetzt sah, während seiner Kinoaufführungen auch Bombendrohungen bewirkte und dennoch 1970 eine Oscar-Nominierung erhielt. (In gewisser Weise teilte er das Schicksal jener Journalisten, die während der Tet-Offensive aus Vietnam berichteten und später von Vertretern der Armee als quotengeile Verräter beschimpft worden waren.)
(Nicht ganz einfach/billig) zu bekommen ist der Klassiker auf DVD bei HVE/Image: Fassungseintrag von pm.diebelshausen

Details
Ähnliche Filme