Taxi Driver (1976)
Es war für das lesende oder filmeschauende Publikum schon immer reizvoller, sich mit einem Antihelden statt mit einem Helden zu identifizieren, schließlich sind uns Till Eulenspiegel, Michael Kohlhaas oder John McClane mit ihren Fehlern, Schwächen und Problemen viel näher als strahlende, aber letzlich unerreichbare Siegerfiguren. Einer der prägendsten Antihelden der Filmgeschichte des 20. Jahrhunderts ist zweifellos Travis Bickle in „Taxi Driver“, der seit seiner Premiere am 8. Februar 1976 für Diskussionen sorgt und sich zugleich ungebrochener Beliebtheit erfreut.
Auch nach 50 Jahren wirkt „Taxi Driver“ auf unheimliche Weise aktuell: Drehbuchautor Paul Schrader und Regisseur Martin Scorsese zeichnen das Bild des jungen Taxifahrer Travis Bickle (Robert De Niro), der, möglicherweise vom Vietnamkrieg traumatisiert, im Großstadtdschungel New Yorks vereinsamt und sich, so würde man heute sagen, radikalisiert. Er versteigt sich immer mehr in die Fantasie, den Sündenpfuhl aus Schmutz, Prostitution und Drogen säubern zu müssen oder wenigstens eine blutjunge Sexarbeiterin (Jodie Foster) aus dem Griff ihres Zuhälters (Harvey Keitel) zu befreien. Dabei ist Bickle völlig unfähig zur Kommunikation mit anderen Menschen, seien es Fahrgäste oder seine Kollegen, und eine hübsche Wahlkämpferin (Cybill Shepherd) verschreckt er, als er sie in Pornokino mitnimmt – seine Vorstellung vom Verhältnis zwischen Männern und Frauen. Mit diesem Portrait eines verlorenen jungen Mannes trafen Schrader und Scorsese einen Nerv und treffen ihn immer noch. Heute hat sich der Begriff Incel eingebürgert, der eine bestimmte Ausprägung männlicher Jugendlicher beschreibt und viele von Travis Bickles Eigenschaften subsummiert: Das selbstgerechte Gefühl moralischer Überlegenheit, der Konsum von Pornographie als Ersatz für zwischenmenschliche Beziehungen, damit einhergehender Rassismus, Fremden- und Frauenhaß sowie Homophobie. Nimmt man noch die geradezu phallische Fetischisierung von Handfeuerwaffen hinzu, treffen diese Attribute mit hoher Übereinstimmung auf die jugendlichen Attentäter und Massenmörder der letzten Jahre in den USA, Australien, Deutschland oder Norwegen zu. „Taxi Driver“ zwängt den Zuschauer in Bickles Perspektive und erzeugt eine fragile Balance zwischen Zustimmung und Ablehnung, Lächerlichkeit und Erschrecken. Ironischerweise endet der mehrfache Mörder Bickle als Held auf den Zeitungstitelseiten statt auf der Anklagebank – doch es hätte leicht anders kommen können und kann es noch, so impliziert das offene Ende des Films.
Mit „Taxi Driver“ hat das New Hollywood einen Neo-Noir von höchster Relevanz und filmischer Qualität erschaffen und die Beteiligten vor und hinter der Kamera zu Stars gemacht. Über die hypnotischen, neongetränkten nächtlichen Bilder, die Filmmusik von Bernard Herrmann und das energiegeladene Spiel von De Niro geben 36 OFDb-Reviews aus 25 Jahren und über 160 professionelle Kritikerstimmen auf rottentomatoes.com Auskunft. Die faszinierende Incel-These hat der Autor Jens Balkenborg 2021 in der epd-film detailliert ausgeführt.
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