3. Juli 2017

Beitrag

von PierrotLeFou

Vor 25 Jahren: Polanski und die Sexualität

Bitter Moon (1992)

Nächtliches Stöhnen eines Paares und imaginierte Vergewaltigungen in "Repulsion" (1965). Donald Pleasence in Frauenkleidern in "Cul-de-sac" (1966), Polanski in Frauenkleidern in "Le Locataire" (1976), in welchem - in einer freilich züchtigen & in jeder Hinsicht harmlosen Rolle - Eva Ionesco als Elfjährige ihr Schauspieldebüt gab, nachdem sie ab ihrem vierten Lebensjahr als Aktmodell für ihre Mutter diente und im Oktober 1976 als jüngstes Model in den Playboy gelangte. Eine aufreizende und durch das Schlüsselloch beobachtete Sharon Tate beim Baden und ein schwuler Vampir in "Dance of the Vampires" (1967). Verkehr mit dem Leibhaftigen in "Rosemary's Baby" (1968), Polanski als schmieriger Vergewaltiger in "What?" (1972), in welchem sich Sidney Rome durch eine Villa sexuell eigenwilliger Bewohner schleicht. Inzest in "Chinatown" (1974), verhängnisvolle Leidenschaft in "Tess" (1979)... dazu Analverkehr mit einer 13jährigen im realen Leben im Jahre 1977: ein Skandal, der seinerzeit und ab 2008/2009 die Gemüter in Europa und Amerika erregte. Eine Verstrickung in der Sexualität begleitet Polanski und sein Werk (was nicht heißen soll, dass automatisch auch eine biographische Lesart der Filme sinnvoll ist); sein Episodenfilm für "Chacun son cinéma" (2007) trägt den Titel "Cinéma Erotique"...
Aber intensiver als in "What?" sollte er sich der Sexualität später in "Bitter Moon" und "La Vénus à la fourrure" (2013) widmen.

"Bitter Moon", der seine Uraufführung am 12. Juli 1992 erlebte, stellt nach "Frantic" (1988) Polanskis zweite Zusammenarbeit mit Emmanuelle Seigner dar, welche ihren Durchbruch mit einer kleinen Nebenrolle in Godards "Détective" (1985) erlebte und seit 1989 Polanskis Ehefrau ist. Hier ist sie - wie später noch in "The Ninth Gate" (1999), "La Vénus à la fourrure" (und vielleicht auch wieder in "D'après une histoire vraie" (2017) - die undurchschaubare, geheimnis- & verhängnisvolle Schöne. Stärker als in "La Vénus à la fourrure" switcht sie hier zwischen souveräner Stärke und unscheinbarer Schwäche in einer amour fou an der Seite Peter Coyotes, der sowenig von ihr lassen kann wie sie von ihm... Ihre auf einen Roman Pascal Bruckners zurückgehende L(i)ebensgeschichte wird in Rückblenden sinnigerweise auf dem weiten Ozean dargeboten, was damals wie heute gelegentlich als lächerlich & kitischig kritisiert worden ist. Dabei darf "Bitter Moon" getrost als bester Erotik-Klassiker seines Jahrgangs an der Seite von Verhoevens "Basic Instinct" (1992) und Malles "Damage" (1992) gelten: wunderbar gefilmt von Tonino Delli Colli, mit einem Soundtrack von Vangelis ausgestattet.
Ein umfangreiches Review von Fastmachine über den Film, seine Qualitäten und seine Rezeption sei hier ausdrücklich empfohlen.

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