6. Januar 2019

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von PierrotLeFou

Vor 50 Jahren: Marco Ferreri spitzt seinen satirischen Stil zu

Dillinger è morto (1969) & Il seme dell'uomo (1969)

Marco Ferreri, der mit dem Skandalfilm "La grande bouffe" (1973) seinen womöglich größten Erfolg feierte, hatte schon immer eine Vorliebe für die scharfe, bösartige Satire. Schon "El pisito" (1958), sein Regiedebüt in Spanien nach früheren Drehbuch- und Assistenz-Arbeiten in Italien, behandelte als schwarze Komödie die Themen Wohnungsnot und Geldheirat – und Koautor Rafael Azcona bliebt Ferreri bei den wichtigsten seiner Filme in den Folgejahren erhalten. Gemeinsam lieferten sie "El cochecito" (1960), in welchem ein alter Mann beim Bemühen, gegen den Willen seines Sohnes einen motorisierten Luxusrollstuhl zu erwerben, auf kriminelle Wege gerät; und "La donna scimmia" (1964), in dem ein Mann die ungewöhnlich starke Körperbehaarung seiner Partnerin kommerziell auszubeuten beginnt – hier zeigen sich auch bereits die feministischen Untertöne, die Ferreri künftig immer zentraler einsetzen sollte, wenn auch mitunter auf spekulative Art und Weise. In "Una storia moderna - L'ape regina" (1963), der wie spätere ihrer Arbeiten eine Überlegenheit der Frauen behauptet, inszenierten sie gewissermaßen den furchtsamen männlichen Blick auf die vermeintlich moderne Frau: Sobald das Männchen die Frau erfolgreich befruchtet hat, verendet es an seinen Anstrengungen, derweil die Frau schwanger in die Zukunft schreitet. In "L'harem" (1967) erzählen sie von einer Gruppe von Männern, die erst dieselbe Frau vergöttern und umwerben, sie dann aber nicht teilen mögen und stattdessen in verschwörerischer Komplizenschaft umbringen.
"L'uomo dei cinque palloni" (1968), ihre Langfilm-Fassung seiner 1965 entstandenen Episode für "Oggi, domani, dopodomani" (1965), akzentuiert dann auch deutlicher ihre Kritik an einer vergnügungssüchtigen Konsumgesellschaft: Über die Frage, wie weit man einen Ballon aufblasen kann, ehe dieser platzt, verliert Marcello Mastroianni schier den Verstand und stürzt sich schließlich in den Freitod. (Auch hier geht der Mann an seiner eigenen Fixiertheit zugrunde, derweil sich die Frauen an seiner Seite einen gesünderen Abstand zu der zum wissenschaftlichen Problem aufgebauschten Frage bewahren.)
1968 war dann vielleicht das Jahr, das auch an Ferreri nicht spurlos vorbeiging. Zwar war keine explosionsartige Zunahme der satirischen Schärfe zu bemerken, aber es radikalisierte sich doch ein bisschen die Form seiner Filme. "Dillinger è morto", der am 23. Januar 1969 in die Kinos gelangte, und "Il seme dell'uomo" – beide ohne Azconas Mitwirkung, dafür jedoch mit Sergio Bazzinis Unterstützung entstanden – weisen diese Radikalisierung auf ganz unterschiedliche Weise auf.
"Il seme dell'uomo" war – wie Bertoluccis "Partner" (1968) oder de Palmas "Greetings" (1968) und "Hi, Mom!" (1970) – ein deutlich von Godard beeinflusster Streifen, der neben der godardschen Ästhetik auch noch dessen jüngste Hauptdarstellerin und Lebensgefährtin Anna Wiazemsky zum Einsatz kommen ließ. Zugleich nimmt die Abstrusität der Ideen & Motive zu: Endzeit-Bilder, ausdrucksstarke Symbolik und die (um 1968 neu eroberte) Nacktheit durchziehen der Film, der mit einem Motiv auch den späteren "Ciao maschio" (1977) vorwegnimmt und mit diesem und "La grande bouffe" und "Touche pas à la femme blanche" (1974) zu Ferreris bizarrsten zählt. Ein detailliertes Bild dieser parabelhaften SciFi-Satire vermittelt Ännchen von Tharau in seinem Review.
"Dillinger è morto" ist dagegen in seinen Motiven noch etwas mehr dem weniger ungewöhnlichen Frühwerk verhaftet, erreicht aber als entschleunigtes (beinahe-)Einpersonenstück einen experimentellen Charakter, der gut zur Experimentierphase in der 68er-Filmlandschaft passt. Michel Piccoli ist hier die Hauptfigur, die sich nach dem Feierabend einem entspannenden Abend hingeben will. Die Frau schläft bereits und so vertreibt sich Piccoli allein die Zeit: er kocht, und isst und sieht Urlaubsfilme – findet aber auch eine in Zeitungspapier gewickelte Schusswaffe, die er später lackiert um noch später (nachdem er das Dienstmädchen in seiner Kammer aufgesucht hat, um sich mit ihr zu vergnügen) seine Frau zu erschießen und schließlich seiner bisherigen Existenz völlig zu entfliehen. Am Bord des Schiffes einer schöne Frau beginnt er als Schiffskoch und reist gen Tahiti... auch die Schilderung eines stupiden, unbefriedigenden Alltags, aus dem Piccoli hier wie später in "Themroc" (1973) auszubrechen versucht, wenngleich auf recht hedonistische & egoistische Weise, ist ganz dem Zeitgeist verschrieben. Zwischen den assoziationsreichen Eckpunkten John Dillinger, Lord Byron und der Gasmaske wird hier die Selbstverständlichkeit des modernen Alltags und der bürgerlichen Existenz attackiert, wie es etwa auch Pasolini kurz zuvor in "Teorema" (1968) getan hatte. Im Gegensatz zum nur in Italien auf DVD zu bekommenden "Il seme dell'uomo" liegt "Dillinger è morto" auch im englischsprachigen Raum sowie hierzulande auf DVD vor: Im Gegensatz zur etwas spärlich ausgestatteten Arthaus/Kinowelt-DVD (Fassungseintrag von Sonny Crockett), die bloß über Trailer & Filmografie verfügt, kommt die Criterion-DVD mit mehr Bonusmaterial daher: Fassungseintrag von savethegreenplanet

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