Achtung! Banditi! (1951) & San Babila ore 20 un delitto inutile (1976)
Mit seiner Mitwirkung als Autor an den Drehbüchern von Roberto Rossellinis "Germania anno zero" (1948) und Giuseppe De Santis' "Riso amaro" (1949), der bereits früh in dem Ruf stand, den Neorealismus mit der Kolportage zu vermengen, hatte Carlo Lizzani in seiner 1946 begonnenen Laufbahn als Filmemacher bereits erste Höhepunkte aufzuweisen. Insbesondere "Riso amaro" sollte späterhin mit dieser Hinwendung vom Neorealismus zum Spekulativen richtungsweisend erscheinen. Denn in dem am 10. November 1951 uraufgeführten Regiedebüt "Achtung! Banditi!" war die neorealistische Orientierung noch überdeutlich zu bemerken: Kommunistische Partisanen im Zweiten Weltkrieg sind in dem Frühwerk darum bemüht, weitere Waffen für den Widerstand zu organisieren. Der – mit einer jungen Gina Lollobrigida in einer Nebenrolle besetzte – Film wird mit einem Etappensieg enden; bis dahin stellt das Werk aufrichtiges soziales Engagement dem Nationalsozialismus, aber auch großbürgerlicher Selbstbezogenheit gegenüber, um es zugleich fest an den Kommunismus zu koppeln. Wie Luchino Visconti, der große Neorealist, dem Lizzani 1999 ein Porträtfilm widmete, war auch Lizzani ein Marxist: bei ihm allerdings war die neorealistische Orientierung vor allem eine Frage von Moral und Ideologie, weniger eine Frage der Ästhetik und der Dramaturgie. Sein – gerade im Ostblock erfolgreiches – Regiedebüt blieb dann auch eher für seine allzu pädagogische Absicht in Erinnerung als für große inszenatorische oder dramaturgische Finesse. Dennoch sollte Lizzani kurz darauf bereits mit namhaften Kollegen wie Michelangelo Antonioni, Federico Fellini, Alberto Lattuada, Cesare Zavattini oder Dino Risi am Episodenfilm "L'amore in città" (1953) arbeiten. Komödien ("Lo Svitato" (1955)), Kriegsdramen ("Il gobbo" (1960)) und Western ("Un fiume di dollari" (1966)) sollten Lizzanis Schaffen wenig später prägen. Mitte der 60er Jahre zeichnete sich dabei auch eine gewisse Härte ab, die sein Kriminaldrama "Svegliati e uccidi" (1966) oder auch den mit Pier Paolo Pasolini besetzten Italowestern "Requiescant" (1967) durchzog. Später sollte eine Lust am Reißerischen zu unrühmlichen Tiefpunkten wie "Storie di vita e malavita" (1975) führen. Ganz anders dagegen der am 9. April 1976 uraufgeführte "San Babila ore 20 un delitto inutile": Auch hier ist Lizzani dem Reißerischen nicht abgeneigt, wenn er das Erstarken der Neofaschisten in den Blick nimmt und den rechten Terror aufwühlend in Szene setzt. Inbesondere die martialischen Aufmärsche, deren Gesten der Maskulinität und des Militarismus Lizzani mit der treibenden Musik Ennio Morricone verbindet, bleiben neben denn alltäglichen Handgreiflichkeiten – auch und gerade gegenüber Frauen – lange in Erinnerung. Die verachtenswerte, geradezu pathologische Kaltschnäuzigkeit dieser neuen Rechten im Italien der 70er Jahre zeigt sich dabei nicht grundlos immer dann am eindringlichsten, wenn es darum geht, die eigene vermeintliche Überlegenheit überhaupt auszustellen: Und so eskaliert der Film, der 24 Stunden im neofaschistischen Milieu einfängt, dann auch, wenn ein junges und merklich unsicheres Mitglied seine Ehre mit einem Gewaltakt unter Beweis zu stellen haben wird… Das Ganze mutet recht authentisch an und wirkt inmitten einer Phase, in der das Skandalöse und Spektakuläre boomte und auch an Lizzani nicht spurlos vorbeiging, wie eine Rückbesinnung auf neorealistische Qualitäten.
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