10. April 2020

Beitrag

von PierrotLeFou

Vor 25 Jahren: Rivette flirtet mit dem Musical

Haut bas fragile (1995)

Jacques Rivette hatte nach vier Kurzfilmen mit seinem Langfilmdebüt "Paris nous appartient" (1961) im Grunde die wesentlichen Züge seines Schaffens vorweggenommen: das Theater, mysteriöse Kriminalrätsel und die unaufgeregten kleinen Höhe- und Tiefpunkte des Alltags tauchten hier bereits auf. Erst zum Ende der Dekade er ab seinem dritten Langspielfilm "Amour fou" (1969) diese Richtung fort, bereichert um ausufernde Laufzeiten, improvisierte Dramaturgien und bühnenartigere Proben vor dem Dreh. In den 70er Jahren, in denen Laufzeit und Improvisation im knapp 13stündigen "Out 1, noli me tangere" (1971) kulminierten, wuchsen sich die mysteriösen Motive seiner Filme zu phantastisch-exotischen Fantasien aus: Göttinnen, Geister und Piraten tummelten sich in dieser Phase bis etwa 1981, ehe Rivette dann von diesem fantasievollen Freiheitsdrang des 70er-Jahre-Kinos wieder etwas Abstand nahm und sich für die nächsten Jahre zum größten Teil auf bodenständigere Dramen und Komödien verlegte. "L'amour Par Terre" (1984) rückte dann zudem wieder das Theater in den Mittelpunkt wie es Rivette seit "Out 1" nicht mehr getan hatte. Auch in "La bande des quatre" (1989) war das Schauspielen dann wieder das zentrale Thema: in diesem Film entdeckte er mit Nathalie Richard zugleich auch eine Schauspielerin, die sich perfekt in Rivettes Filmkunst zu integrieren verstand. Nach seinem vierstündigen Meisterwerk "La belle noiseuse" (1991) gab es in den 90er Jahren wieder einen leichten tonalen Wechsel, mit dem Rivette seine Leitmotiv und Stammthemen bearbeitete... Nun schienen unterschiedliche filmische Genres zu Spiel einzuladen: dem Historienfilm, mit dem er bereits Erfahrungen gesammelt hatte, widmete er sich in beiden Teilen von "Jeanne la Pucelle" (1994), der Kriminalfilm dominierte "Secret défense" (1998) und das Musical lockte ihn im Rahmen von "Haut bas fragile", der am 12. April 1995 erstmals zu sehen war.
Einmal mehr entfalten sich in frei flottierender Dramaturgie unterschiedliche Schicksale; einmal mehr stehen drei typische Rivette-Frauen im Zentrum. Und obgleich hier einmal nicht das Theater im Mittelpunkt steht, müssen nicht bloß die Hauptdarstellerinnen ihren Rollen Profil verleihen, sondern auch die Figuren selbst versuchen im Grunde, ihre Identität zu umreißen: Louise (Marianne Denicourt) findet nach einer Erbschaft aus dem Koma wieder ins Leben zurück, Überlebenskünstlerin Ninon (Nathalie Richard) verlässt ihren kriminellen Freund und Bibliothekarin Ida (Laurence Côte) hofft über einen Chanson an die leibliche Mutter zu gelangen. Und zerbrechlich ist freilich nicht bloß das große Paket, das Ninon einmal ausliefert, sondern die Identität selbst, die im steten Wandel ist und sich ganz radikal verändern lassen könnte. Und kaum hat die große Anna Karina in einer ihrer schönsten späten Rollen erstmals einen Chanson gezwitschert, die schlägt die episodenhafte, locker-leichte Komödie (die Rivette gemeinsam mit Pascal Bonitzer, Christine Laurent und den drei Hauptdarstellerinnen ersann) in einen musicalartigen Tanz- und Gesangsfilm um, ungezwungen und improvisiert noch in seinen Choreografien anmutend: verspielt-improvisierte Rivette-Kost, kein formverliebtes Hollywood-Musical. Und dennoch rutscht Rivette hier nicht in die Niederungen französischer Feel-Good-Komödien ab, sondern wahrt eine beachtliche Wahrhaftigkeit in der Darbietung der wichtigen kleinen Dinge des Lebens.
Bislang liegt der Film noch immer bloß in der (auch als Teil eines 8-DVD-Sets zu bekommenden) DVD-Version von arte Vidéo vor, die einmal mehr ohne jegliche Untertitel nur im Originalton daherkommt und (da vergriffen) nur noch selten aufzutreiben ist: Fassungseintrag von PierrotLeFou

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