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von ratz

Vor 100 Jahren: Buster Keaton im Schaffensrausch

Stichwörter: 1920er Jubiläum Keaton Klassiker Komödie Liebesfilm McGuire Spielfilm Stummfilm USA

Sherlock Jr. (1924)

Die wenigen Jahre zwischen 1923 und 1928 könnte man rückblickend als Buster Keatons „Goldene Periode“ bezeichnen, denn innerhalb dieses Zeitraums entstanden jene elf Langfilme, die Keatons herausragende Position im US-amerikanischen Stummfilmkanon begründeten. Nur wenige Monate nach „Our Hospitality“ (1923, Anniversary-Text) lief am 17. April 1924 die Action-Komödie „Sherlock Jr.“ in den Kinos an, deren Titel natürlich auf den berühmten Detektivs Sherlock Holmes anspielt, aber letztendlich kaum etwas mit der britischen Romanfigur zu tun hat.

Buster Keaton selbst spielt in „Sherlock Jr.“ einen Filmvorführer, der lieber ein berühmter Detektiv werden möchte, jedoch kaum gilt es, einen tatsächlichen Diebstahl im Haus seiner Geliebten (Kathryn McGuire) zu untersuchen, scheitert er kläglich und wird sogar selbst verdächtigt. Keaton läßt seine Figur sich nun in einen laufenden Kinofilm hineinträumen, und zwar vermittels einer noch heute verblüffenden Kombination aus Bühnenmagie, geschickten Schnitten und Kameratricks. Nachdem er sich auf die Leinwand imaginiert hat, wandelt sich der bescheidene Filmvorführer zur Hochglanzversion eines mondänen Privatermittlers, der seinen Kontrahenten stets einen Schritt voraus ist und nach einer spektakulären Verfolgungsjagd seine Geliebte befreit. Damit gelingt Keaton eine amüsante Charakterisierung des noch jungen Mediums Film als Eskapismus-Maschine, um dem prosaischen Alltag zu entfliehen: hier ist alles Bigger than Life, das Leben ist spannender, die Menschen reicher und schöner, die Autos schneller, das Leben gefährlicher, das Finale natürlich ein Triumph. Wieder erwacht, muß der Filmvorführer Buster ernüchtert feststellen, daß seine Geliebte den Diebstahl mit einfachsten Mitteln selbst aufklären konnte und sich mit ihm wieder versöhnt – mithin endet auch „Sherlock Jr.“ den Regeln des Mediums entsprechend triumphal, wenn auch mit bodenständiger Note. Entgegen der gerade etablierten Praxis, Stummfilme als Langfilme ca. 70 Minuten dauern zu lassen, kommt Keatons augenzwinkernde Parabel auf gerade 44 Minuten. Tatsächlich hatte Keaton seinen ursprünglich viel längeren Film nach mehreren Testvorführungen unnachgiebig zusammengekürzt, bis das Timing der Gags funktionierte – ein Verfahren, das auf aktuelle Hollywood-Filme aus der Sicht mancher Cineasten viel zu selten angewendet wird…

Auf dem deutschen Heimvideomarkt ist „Sherlock Jr.“ derzeit als günstige DVD erhältlich, das Premiumpaket bietet jedoch das britische Blu-ray-Set von Eureka! (Fassungseintrag), das den Film in einer 4K-Restaurierung von 2015 enthält, außerdem die Keaton-Klassiker „The General“ (1926) und „Steamboat Bill, Jr.“ (1928) sowie reichhaltige Extras. Ausschließlich in Frankreich ist eine Blu-ray mit einer Restaurierung von Lobster Films aus dem Jahr 2020 erhältlich, doch für welche Fassung man sich auch immer entscheidet: „Sherlock Jr.“ ist eine vorzüglich gealterte, warmherzige, witzige und kluge Reflexion über das Kino und mit Sicherheit Keatons originellster Film, wie SebMoriarty in seiner kurzen, aber treffenden OFDb-Kritik schlußfolgert.


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