Vase de noces (1975)
Im Internet-Zeitalter des 21. Jahrhunderts kursierte unter dem inoffiziellen Titel "The Pig Fucking Movie" ein undergroundiger Spielfilm-Klassiker, der solcherart auf sein shock value-Potenzial reduziert worden ist. Offenbar gab es ein Publikum, das mit solchen Tabubrüchen gelockt werden konnte: Davon ging ja auch die "Black Mirror"-Folge "The National Anthem" (2011) aus, in der der britische Premierminister zum Sex mit einem Schwein vor laufenden Kameras erpresst worden ist und damit die geballte mediale Aufmerksamkeit der Schaulustigen auf sich zog. Vier Jahre später wurde der echte Premierminister David Cameron mit Vorwürfen konfrontiert, er habe zwecks Aufnahme in die Piers-Gaveston-Gesellschaft einst seinen Penis in das Maul eines toten Schweins gesteckt. Solch abstruse Meldungen ziehen; gerade auch in Zeiten, in denen von "2 Girls 1 Cup" bis "3 Guys 1 Hammer" bedenkenlos bis leichtfertig jegliche Grenzüberschreitungen vom Fäkalporno bis zum Tötungsvideo zur schnellen Unterhaltung konsumiert werden. Doch der spätestens im Februar/März 1975, womöglich aber auch schon 1974 uraufgeführte "Vase de noces", der später als "The Pig Fucking Movie" kursieren sollte, verweigert sich in seinen knapp 80 Minuten Laufzeit der schnellen Unterhaltung und dürfte all jene, die bloß eine bizarre Sodomie-Nummer erhaschen wollten, maßlos enttäuscht haben. Der Cinephilen bereits durch Amos Vogels Standardwerk "Film as a Subversive Art" (1974/1977) bekannte Streifen, dem Vogel "tiefe moralische Verpflichtung" und "eine Anstoß erregende, tragische Aussage von großer poetischer Kraft und Originalität" attestierte, dürfte für ein Mainstreampublikum wie auch für Clip-Konsument(inn)en eher eine wahre Geduldsprobe sein: Ohne Worte vollzieht sich diese Geschichte eines Mannes, der mit einer Sau nachkommen zeugt, diese aber nicht in seinem Sinne erziehen bzw. zivilisieren kann sie daraufhin aufhängt, solcherart den Suizid der Sau provoziert und schließlich dem eigenen Ableben entgegenarbeitet – vom Verzehr der eigenen Exkremente bis zum Selbstbegräbnis –, bis ihm der Aufstieg in himmlische Gefilde vergönnt ist. So empfindsam wie skandalheischend, zurückhaltend wie offensive, leise wie randalierend kommt Thierry Zénos absurde, aber auch parabelhaftes Drama daher, das Anfang 1975 in Perth einen beachtlichen Zensurskandal erregte.
Mittlerweile liegt der jahrzehntelang schwer zugängliche Festival-Liebling nun dank Camera Obscura Filmdistribution auf DVD vor: Fassungseintrag von maybesomeday
Registrieren/Einloggen im User-Center