31. Juli 2020

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von ratz

Vor 50 Jahren: Gewitzter Feminismus von Vera Chytilová

Ovoce stromu rajských jíme (1970)

Vera Chytilovás zweiter Langfilm „Tausendschönchen“ (1966, Anniversary-Text) ist mit seiner fröhlichen Anarchie immer noch das vielleicht stärkste Argument, sich mit der tschechoslowakischen Neuen Welle zu beschäftigen. Chytilovás dritter Film ist mindestens ebenso neuartig und faszinierend, jedoch etwas weniger publikumsfreundlich und steht noch im Schatten seines Vorgängers: „Ovoce stromu rajských jíme“ (im englischen Sprachraum als „Fruit of Paradise“ bekannt) kam am 31. Juli 1970 in die Kinos und wurde auch zu den Filmfestspielen in Cannes eingereicht, in der Folge aber von den tschechoslowakischen Zensoren unter Verschluß gehalten, während Chytilová mit einem mehrjährigen Berufsverbot belegt wurde.

Wie schon in „Tausendschönchen“ wird auch in „Fruit of Paradise“ eine dezidiert weibliche Perspektive eingenommen, diesmal jedoch nicht für eine Eulenspiegelei, sondern für die allegorische Nacherzählung des biblischen Sündenfalls, natürlich aus der Perspektive einer selbstbewußten, klugen und humorvollen Frau des 20. Jahrhunderts, wie sie Vera Chytilová und ihre Ko-Autorin Ester Krumbachová nun einmal waren. „Fruit of Paradise“ beginnt mit einer oratorienhaften Eröffnung zur Musik von Zdenek Liska, bei der eine rauschhafte Bildfolge verschiedene nackte Paare zeigt, dazu deklamiert ein Chor die Bibelverse über Adam und Eva aus dem Buch Genesis. Dann beginnt die oft surreal und traumartig inszenierte Geschichte der jungen Frau Eva (Jitka Nováková), die mit ihrem Ehemann Josef (Karel Novak) in einer Art Sanatorium weilt und immer wieder einem geheimnisvollen Verführer mit Namen Robert (Jan Schmid) begegnet. Zwischen Eva, Josef und Robert beginnt eine wechselvolle Dreiecksbeziehung der Anziehung und Abstoßung, die sich zunehmend verdüstert und schließlich eine dramatische Wendung nimmt. Die Männer kommen dabei insgesamt nicht gut weg: sie sind wankelmütig, besitzergreifend, eifersüchtig, gewalttätig, sogar mörderisch, was Eva in einer fast kindlichen Naivität erduldet. Chytilová läßt dabei die Schauspieler mit theaterhaften Gesten und sparsamen Dialogen arbeiten, setzt Signalfarben und verschiedene filmische Techniken zur Verfremdung ein, aber auch immer wieder absurden Humor, der das abstrakte Filmkonzept in Alltagssituationen erdet. Liskas luftige, unverkennbare Musik bildet einen omnipräsenten Klangteppich, der das Gezeigte gelegentlich konterkariert.

„Tausendschönchen“ und „Fruit of Paradise“ stellen in ihrer Thematik, Ästhetik und mit ihrem jeweiligen Entstehungshintergrund vor und nach dem Ende des Prager Frühlings einen filmischen Diptychon dar, die zwei Seiten einer Medaille, die Dokumentation einer künstlerischen Entwicklung in bewegten Zeiten. „Fruit of Paradise“ ist in Großbritannien als DVD beim Label Second Run erschienen, jedoch auch online als Stream verfügbar: Nach einer Registrierung kann der Film – und noch weitere Werke von Vera Chytilová – 14 Tage lang kostenlos im BFI-Player angeschaut werden. Ein lesenswerter englischer Text mit profunden Hintergrundinformationen findet sich bei sensesofcinema.com.

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