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von PierrotLeFou

Vor 25 Jahren: Hans Weingartners Annäherung an die Schizophrenie

Stichwörter: 2000er Brühl Deutschland Drama Jubiläum Klassiker Spielfilm Weingartner


Das weiße Rauschen (2001)
In den 60er Jahren verlagerte sich der Autorenfilm darauf, Innenleben zu visualisieren und trügerische Wahrnehmungen abzubilden. Psychotische, insbesondere schizophrene bzw. paranoid schizophrene Figuren – wie Roman Polanskis Trelkovsky in "Le locataire" (1976) – tummelten sich in den 60er und 70er Jahren vor allem in beklemmenden Psychogrammen an der Grenze zum Horrorfilm, die teils (unter Titeln wie "Schizo" (1976), die puren Nervenkitzel verhießen) auch überschritten wurde, während sich nach der 68er Bewegung zugleich auch ein ernsthaftes Bemühen bemerkbar machte, gemeinhin als geisteskrank wahrgenommene und oftmals diskriminierte Figuren nahbar zu machen, denen in einem "One Flew Over the Cuckoo's Nest" (1975) auch alle Sympathien galten: "I Never Promised You a Rose Garden" (1977) über Schizophrenie oder "Sybil" (1976) über die dissoziative Identitätsstörung gehören zu den bekannteren Beispielen. Bis heute lassen sich solche Filme wie "Der Wald in mir" (2024) entdecken, es überwiegen allerdings die spannungsfördernden Thriller-, Horror- und Kriminalfilm-Varianten, die indes gerade in ihrer Häufung Zerrbilder der dargestellten psychischen Erkrankungen liefern. Zu den renommiertesten Filmen, die sich mit Fingerspitzengefühl und Recherche der Schizophrenie annäherten, gehört der Ende Januar uraufgeführte "Das weiße Rauschen" von Hans Weingartner, in dem behandelnde Ärzte die Verwandten sachlich über die Häufigkeit der Erkrankung aufklären, während man Daniel Brühl durch eine wahnhaft veränderte Umwelt folgt; bildgewaltige Halluzinationen verkneift sich Weingartner, um bei den akkustischen Wahnvorstellungen zu verweilen, die die Hauptfigur umtreiben und sie in ihrem Wahn vom Umfeld entfremden. Gerade angesichts der Bandbreite der Symptome einer paranoiden Schizophrenie in akut psychotischen Phasen vermag auch "Das weiße Rauschen" kaum auf eine Begegnung mit einer ausbrechenden schizophrenen Psychose im eigenen umfeld vorzubereiten, aber er gehört fraglos zu den wenigen ambitionierten Filmen, die sich sehr konzentriert um ein adäquates Bild bemühen. Zugleich setzt Weingartner auf eine spröde Ästhetik, die damals wie heute Abwehrhaltungen provoziert.



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