Beitrag

von ratz

Vor 25 Jahren: Aleksej Germans Abrechnung mit dem Stalinismus

Stichwörter: 1990er Drama Frankreich German Jubiläum Karmalita Klassiker Russland Spielfilm Stalinismus

Khrustalyov, mashinu! (1998)

Der erste Kontakt mit dem Werk des russischen Regisseurs Alexej German kam – zumindest in unseren Breiten – wohl für die meisten Liebhaber des etwas abseitigen Films im Jahr 2013 durch „Es ist schwer, ein Gott zu sein“ zustande. Diese anstrengende, überaus eigenwillige Adaption einer Sci-Fi-Vorlage sorgte einerseits für Begeisterung, andererseits für verständnisloses Kopfschütteln, und kaum anders war es bei der Cannes-Premiere von Germans vorletztem Film am 20. Mai 1998, als „Khrustalyov, mashinu!“ ebenfalls ein durchaus geteiltes Echo hervorrief.

Man könnte meinen, diese beiden postsowjetischen Filme Alexej Germans in ihrer Überlänge und Kompromißlosigkeit all die angestaute Wut und Frustration enthalten, die sich in 30 Berufsjahren angesammelt hatten, in denen German ganze vier Spielfilme fertigstellen konnte. Bereits Germans zweiter Film, „Proverka na dorogakh“ (1971), landete wegen seiner systemkritischen Haltung für 15 Jahre im Giftschrank, und seitdem hatte der Regisseur immer wieder Schwierigkeiten, seine Projekte innerhalb des staatlichen sowjetischen Filmbetriebs Lenfilm umzusetzen. Als dann Ende der 1980er Jahre im Zuge von Glasnost und Perestroika seine Filme auch im Westen Anerkennung fanden, verursachte der Zusammenbruch des Ostblocks eine weitere kreative Zwangspause (abgesehen vom Drehbuch für das kasachische Historienepos „Gibel Otrara“ von 1991, Anniversary-Text). Schließlich konnte in französischer Koproduktion „Khrustalyov, mashinu!“ realisiert werden, für das German mit seiner Ehefrau Svetlana Karmalita das Drehbuch geschrieben hatte.
Um es geradeheraus zu sagen: „Khrustalyov, mashinu!“ ist eine zweieinhalbstündige Tortur, eine zornige und maßlose Abrechnung mit dem Stalinismus, die keinerlei Rücksicht auf den Zuschauer nimmt. German bricht in seiner an Fellini erinnernden dunklen Farce bewußt mit allen gängigen Konventionen des Erzählkinos: die Handlung ist elliptisch, die Charakterzeichnungen rudimentär, Dialoge bruchstückhaft und einander überlagernd, die Kadrage unstet und desorientierend, die zahlreichen Nebengeräusche irritierend. Als einziges Zugeständnis schaltet sich selten ein Erzähler aus dem Off ein, der die (Leidens-)Geschichte seines Vaters (Yuriy Tsurilo) während einer der letzten großen „Säuberungsaktionen“ Stalins, der sogenannten Ärzteverschwörung, kommentiert. Der Plot schält sich langsam und durch kleine Details heraus, der Stalinismus als solcher wird nie explizit thematisiert, sondern erschließt sich in den Lebensumständen der Protagonisten: Überwachung, Brutalität, Verrat und Chaos dominieren deren Alltag in überfüllten Gemeinschaftswohnungen oder auf den schneebedeckten, von klassizistischen Stalinhochhäusern überschatteten Straßen Moskaus.

Während „Es ist schwer, ein Gott zu sein“ bei uns in den Kinos lief und auch auf physischen Medien erschienen ist, war es viele Jahre lang schwierig, „Khrustalyov, mashinu!“ in irgendeiner Form zu sehen. 2019 erschien dann beim britischen Label Arrow eine vorzüglich ausgestattete Ausgabe (Fassungseintrag), die mit Audiokommentar und einem Begleitessay aufwartet.


Kommentare und Diskussionen

  1. Noch keine Kommentare vorhanden

Um Kommentare schreiben zu können, müssen Sie eingeloggt sein.

Registrieren/Einloggen im User-Center

Details
Ähnliche Filme