8. Juni 2018

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von ratz

Vor 75 Jahren: Powell & Pressburger drehen erstmals in Farbe

The Life and Death of Colonel Blimp (1943)

Der jahrelange Einsatz von Martin Scorcese für das britische Filmemacherduo Michael Powell und Emeric Pressburger dürfte inzwischen bewirkt haben, daß jeder auch nur entfernt filmhistorisch Interessierte von deren Meisterwerken gehört oder sie gesehen hat. „The Red Shoes“ (1948) oder „Black Narcissus“ (1947) sind nicht zuletzt für ihre prächtigen Farben berühmt, die durch das aufwendige und teure Technicolor-Filmverfahren erzeugt wurden. Das erste Mal allerdings setzten Powell & Pressburger in ihrer unabhängigen Produktionsfirma das Technicolor für „The Life and Death of Colonel Blimp“ ein, der am 10. Juni 1943 seine britische Premiere feierte.

Auch in „Blimp“ verfehlen die Farben ihre Wirkung nicht, doch der Film ist eher für seine intelligente Unterwanderung des Kriegs- und Propagandafilmgenres bekannt geworden. P&P hatten auf diesem Gebiet während des Zweiten Weltkrieges schon Erfahrungen gesammelt und dabei stets plumpen Hurra-Patriotismus vermieden (Anniversary-Text zu „49th Parallel“). In „Blimp“ zeichnen sie in beinahe drei Stunden den Lebensweg des britischen Armeeoffiziers Wynne-Candy (Roger Livesey) nach, der zwischen 1899 und 1943 drei Kriege miterlebt und aufgrund seines viktorianisch-konservativen Welt- und Menschenbildes den Wandel vom Kabinett- zum Vernichtungskrieg nicht nachvollziehen kann. Diese Einsicht vermittelt ihm erst der preußische Offizier Kretschmar-Schuldorff (Anton Walbrook), mit dem Candy eine jahrzehntelange Freundschaft und die gemeinsam empfundene Liebe für eine Frau (Deborah Kerr) verbindet. Wie nun zwei hochrangige, charakterlich grundverschiedene Militärangehörige über die Freund-Feind-Linie hinweg einander verbunden bleiben, wie die britische Oberschicht in ihrem Dünkel die Realitäten verkennt, wie sich die Welt im Übergang vom 19. ins 20. Jahrhundert tiefgreifend verändert – all das zeichnen P&P mit überaus originellen und eleganten Drehbuch- und Filmideen nach. Dramaturgisch markant ist dabei das souveräne Auslassen von plakativen emotionalen (Kino-)Momenten, etwa der Tod von Candys Frau oder jegliche Kampfhandlung in den Kriegsszenen, wodurch der Fokus um so mehr auf die differenzierte Charakterzeichnung gelegt wird. Dabei bleibt die tiefe, humanistisch geprägte Sympathie für die Hauptfiguren trotz der gelegentlichen ironischen und karikaturesken Überzeichnung besonders der Candy-Figur spürbar (die tatsächlich auf sarkastischen Karikaturen in einer Tageszeitung beruht).

Die Beziehung des Vereinigten Königreichs zum europäischen Kontinent war schon immer von Spannungen geprägt, doch in Zeiten des unseligen Brexit gewinnt das Portrait einer Freundschaft, wie sie in „Blimp“ gezeigt wird, unverhofft an Aktualität. Doch auch darüber hinaus unterhält „The Life and Death of Colonel Blimp“ in seiner großartigen Darstellung des britischen und des kaiserlich-deutschen Militärmilieus, mit gewitzten Dialogen und makelloser Ausstattung. Durch die Film Foundation vorzüglich restauriert, ist der Film bei Koch Media auf Blu-ray (Fassungseintrag) und DVD (Fassungseintrag) erschienen, die OFDb-Kritik von bluebottle greift viele Aspekte dieses ungewöhnlich besonnenen und nachdenklichen Propagandafilms im Detail auf.

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