31. Dezember 2017

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von ratz

Vor 50 Jahren: Formans letzter Film vor dem Exil

Horí, má panenko (1967)

Nach dem durchschlagenden Erfolg von "Liebe einer Blondine" (1965), der in der Filmgeschichte als ein Schlüsselwerk der tschechoslowakischen Neuen Welle firmiert, sollte Milos Formans zweiter Spielfilm auch sein letzter sein, den er in der ČSSR drehte, bevor er in den Westen ging: zu offensichtlich gesellschaftskritisch schien den Zensoren die Komödie "Horí, má panenko", die nach ihrer Premiere am 15. Dezember 1967 nur drei Wochen in den Kinos lief und dann verboten wurde. Doch nicht nur die staatlichen Stellen waren empört, auch die Feuerwehrverbände sahen sich verunglimpft – alles nur wegen einer Provinzposse über einen verunglückten Feuerwehrball?

Tatsächlich läßt sich der "Feuerwehrball" (Alternativtitel) zunächst als harmlose Darstellung davon interpretieren, wie eine Gruppe älterer Herren versucht, ihrer Vereinsveranstaltung etwas mondänen Glamour zu verleihen und dabei kläglich scheitern. Die harmlos-spöttische  Komik in Gestalt einer Misswahl wird konterkariert durch einen Subplot um gestohlene Tombolapreise, der einen der Feuerwehrmänner in ein moralisches Dilemma stürzt: er hat seine eigene Frau beim Stehlen erwischt, die aber erwidert, alle würden es doch genau so machen, mit seiner Ehrlichkeit würde er nur sich selbst schaden. Seine Frau wird nicht die einzige bleiben, die ihm diesen Vorwurf macht, und der Film bietet noch weitere Beispiele von Scheinheiligkeit, Betrug und Korruption im Rahmen des Balls. Bedenkt man dabei, daß vor allem Luxusgüter in den Ostblockstaaten knapp waren und daher inoffizielle Handels- und Beschaffungspraktiken florierten, die dem offiziellen moralischen Leitbild empfindlich widersprachen, dann wirken die korrupten Praktiken auf dem Feuerwehrball wie ein kaum verhohlener Spiegel der realsozialistischen Wirklichkeit. Forman hat allerdings in späteren Interviews betont, mit dem "Feuerwehrball" nie eine subversiv-satirische Absicht verfolgt zu haben, ihm kann jedoch ebendieses Moment des Stoffes schwerlich entgangen sein. Unbestritten ist indessen die formale Meisterschaft und Geschlossenheit des Films: die Handlung spielt an einem Ort und an einem Abend, das Ensemble der Feuerwehrmänner und die zahlreichen Ballbesucher rekrutieren sich fast ausschließlich aus Laiendarstellern mit markanten Gesichtern, die der Kameramann Miroslav Ondrícek in enge Kadragen zwängt. Die dadurch erreichte Authentizität der Milieuzeichnung, verbunden mit verschmitzter Situationskomik und klug verpackter Moral, hat offensichtlich damals ihre zum Teil aufrührende Wirkung nicht verfehlt und begeistert bis heute.

Erst seit wenigen Wochen ist "Horí, má panenko" bei uns zum ersten Mal überhaupt erhältlich (DVD, Anbieter: Endless Classics), wer aber etwas hinter die Kulissen schauen will und des Englischen mächtig ist, kommt derzeit an der britischen Blu-ray von Arrow nicht vorbei (Fassungseintrag), die neben einem vorzüglich restaurierten Bild auch umfangreiches Bonusmaterial mit politischen und filmgeschichtlichen Hintergründen sowie Interviews mit den Filmschaffenden bietet.

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