14. August 2017

Beitrag

von PierrotLeFou

Vor 50 Jahren: Chris Marker kreiert den Kollektivfilm – gegen den Vietnamkrieg

Loin du Vietnam (1967)

Anfang der 50er Jahre wird Chris Marker zumindest in Frankreich mit ersten Filmarbeiten bekannt: Sein mit Alain Resnais bewerkstelligter "Les Statues meurent aussi" (1953) stößt als veritabler Skandal auf große Aufmerksamkeit. Von 1957 bis 1966 erschafft Marker mehrere große Essay- und Dokumentarfilme - und den avantgardistischen, essayistischen Sci-Fi-Kurzfilm "La jetée" (1962), welcher Jahrzehnte später von Terry Gilliam als "12 Monkeys" (1995) neuverfilmt worden war. In dieser Zeit knüpft er bereits Kontakte zu Kollegen, die er bisweilen in seine Projekte integriert und von denen er in ihre Projekte integriert wird: Godard, Resnais, Rouch und Varda sind neben vielen anderen in seinem "Le joli mai" (1963) zu sehen, für Resnais verfasste er auch noch die Kommentare in "Nuit et brouillard" (1955) und "Toute la mémoire du monde" (1956); mit William Klein knüpft er wegen Buchpublikationen Kontakte, für Ivens schreibt der den Kommentar in "...à Valparaiso" (1963); für François Reichenbach schneidet er "La douceur du village" (1963) und Varda lässt ihren Kollegen als Reaktion auf dessen "¡Cuba Sí!" (1961) in ihrem "Salut les cubains" (1963) auftauchen. Mit allen wird Marker über die kommenden Jahre hinweg durch seine Filme kommunizieren...
Aber die Jahre, in welchen das Konzept des gemeinschaftlichen Arbeitens vollends in Markers Schaffen integriert wird, sind 1966/67. 1966 trommelt Marker rund 150 Filmschaffende - Kameramänner, Regiseure, Cutter, Schauspieler - zusammen, um ein Gemeinschaftsprojekt über Vietnam auf die Beine zu stellen. Aus diesem Projekt wird "Loin du Vietnam" hervorgehen - und die SLON, aus welcher später wiederum die ISKRA entstand. Das "Loin du Vietnam"-Projekt ist der Beginn von Markers Filmkollektiv-Phase, der er bis in die mittleren/späten 70er Jahre treu bleiben wird: Als es Anfang des Jahres 1967 zu den berüchtigten Streiks bei Rhodiacéta kommt, lässt sich Marker nicht zweimal bitten, die Streikenden dabei zu unterstützen, filmisch ihren Streik aufzubereiten. Er unterstützt die Arbeiter technisch und steht ihnen bei der Regie zur Seite - und gründet dabei das an Aleksandr Medvedkin und seinen Kinozug angelehnte Arbeiter-/Filmemacher-Kollektiv Groupe Medvedkine, welchem sich auch seine Kollegen Ivens und Godard anschließen werden, wobei Godard sich eher für sein eigenes Kollektiv Groupe Dziga Vertov engagiert. Material des ersten Streik-Films findet sogar noch Eingang in "Loin du Vietnam". Mit Garrel, Godard, Gorin, Resnais und anderen inszeniert Marker dann auch die "Cinétracts" (1968), mit Reichenbach den Kurzfilm "La sixième face du pentagone" (1968). In den 70ern arbeitet er vor allem an den Projekten von Valérie Mayoux mit (welche bereits an "Loin du Vietnam" mitwirkte), dreht aber auch gemeinsam mit Mario Ruspoli und Miguel Littin weitere Essayfilme...

"Loin du Vietnam", der im August 1967 auf dem Filmfestival Montreal uraufgeführt wird, steht daher nicht in der jungen Tradition des - Episoden bekannter Regisseure vermengenden - Omnibus-Films, welcher seit den frühen 60er Jahren Erfolge feiert, sondern ist Startschuss all jener Kollektivfilme (und Filmkollektive), welche während der 68er Bewegung boomen. Er vereint Joris Ivens, den großen niederländischen Dokumentaristen, welcher zeitgleich an "Le ciel - La terre" (1967) über Vietnam arbeitet und später noch mehrere Dokumentarfilme in Vietnam dreht (darunter "Le 17e parallèle: La guerre du peuple" (1968)), Jean-Luc Godard, welchem kurz zuvor keine Drehgenehmigung in Nordvietnam zugebilligt worden war, Agnès Varda, Claude Lelouch, Alain Resnais und William Klein - sie alle engagieren sich unentgeltlich für Markers Projekt. (Der Spiegel berichtete seinerzeit, dass die Einnahmen "auf ein Guerilla-Konto in Hanoi überwiesen" werden sollten...) Auch Jacques Demy, Vardas Gatte, gehörte während der Planung des Films zum Team der Regisseure, schied dann allerdings doch aus, da seine Ideen in der Runde auf wenig Zuspruch stießen; Ivens' Gattin Loridan-Ivens stellte dem Film hingegen noch eine Reportage zur Verfügung.
Zwar unterteilt sich der Film in mehrere Kapitel, denen jeweils kurze Titel vorangestellt werden, allerdings lassen sich bloß zwei Kapitel auf einen einzelnen Regisseur zurückführen: Resnais dreht einen spielfilmartigen Mini-Interviewfilm mit dem fiktiven Intellektuellen Claude Ridder, Godard dreht eine kurze Reflexion über seine eigene Haltung. Ursprünglich sollte Resnais' Spielfilm-Beitrag in kleine Abschnitte unterteilt und an verschiedenen Stellen in den Film hineinmontiert werden: Marker plädierte als Projektleiter jedoch dafür, diese Episode als einzelnen Block einzubinden. Die Beiträge der übrigen Kollegen lassen sich allerdings nicht mehr so fein säuberlich herausgetrennt wahrnehmen. Es spricht einiges dafür, dass William Klein für die Eindrücke aus den USA und Joris Ivens für einige Aufnahmen in Vietnam verantwortlich ist. Lelouch werden gemeinhin die Aufnahmen auf dem Flugzeugträger Kitty Hawk zugeschrieben. Marker und Varda (und vielleicht auch Ivens) dürften an einigen der Lateinamerika-Aufnahmen beteiligt gewesen sein.
Herausgekommen ist dabei ein bisweilen bewusst widersprüchliches, teils unsicher fragendes Werk, welches dennoch parteiisch und manchmal agitatorisch vorgeht. Inszeniertes und Dokumentiertes lässt sich nicht immer ganz deutlich voneinander trennen - und dennoch wirkt "Loin du Vietnam" kaum manipulativ, weil er immer wieder auf die Subjektivität der dargebotenen Perspektiven hinweist und von allzu simplen Tricks keinen Gebrauch macht: reichlich Selbstkritik beugt letztlich vorschnellen Schlüssen im Publikum vor - wenn auch der Film keinen Zweifel daran lässt, wo seine Sympathien definitiv nicht liegen... Das war manchen Zuschauer(inne)n 1967 dennoch zuviel des Guten: die Pariser Kinovorführung löste im September 1967 kleine Attacken und Übergriffe aus.
Wie der Film insgesamt strukturiert ist? Inhaltsangabe von PierrotLeFou

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