Der starke Ferdinand (1976)
Alexander Kluge ist nun, am 25. März, 94-jährig verstorben. Zwischen dem etwa zweit Jahre älteren Philosophen Jürgen Habermas – dem anderen großen Intellektuellen ihrer Generation, der ebenfalls noch in den 2020er Jahren aktiv war – und dem zwei Jahre jüngeren Schauspieler Mario Adorf, mit dem Kluge zumindest bei dem Kurzfilm "Rennen" (1961) zusammenarbeitete, der aber letztlich für ein anderes Kino stehen sollte, für ein publikumswirksameres, zugänglicheres Kino. Kluge hingegen, ein begnadeter Erzähler, der mit seiner schmeichelnden Stimme und der sympathischen Zugewandtheit auch jedes Interview zu einem kleinen Ereignis werden zu lassen vermochte, setzte mit seiner assoziativ montierten, episodisch-kaleidoskopisch zersplitterten Filme auf ein weniger handlungsorientiertes Kino, das bisweilen so fordernd und unzugänglich wirkte, dass sein "Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos" (1968) eine TV-Diskussion über sein Schaffen zum mehr als zweistündigen TV-Skandal "Reformzirkus" (1970) geriet. Hingegen gehört sein am 20. April 1976 uraufgeführter "Der starke Ferdinand" nach einer Episode aus Kluges "Lernprozesse mit tödlichem Ausgang" (1973) zu den zugänglichsten Arbeiten Kluges, der sich zuvor kaum – und später nie wieder – so (vergleichsweise) konventionell präsentiert hatte. Heinz "Ekel-Alfred" Schubert schlüpft für Kluge in die Rolle des Kriminalkommissars Ferdinand Rieche, dessen Hang zu Sicherheit und Kontrolle zu Übergriffigkeiten und Kompetenzüberschreitungen führt, die seine Entlassung nach sich ziehen. Beim Werkschutz wird Rieche unterkommen, wo er seine bedenklichen Vorstellungen von Sicherheits- und Schutzmaßnahmen ausbaut, um nicht zuletzt selber von diesen Maßnahme zu profitieren: Eine Angestellte, die lange Finger macht, wird von Rieche überführt und in eine Beziehung genötigt. Und derweil verlagern sich seine Bemühungen um Schutz und Sicherheit allmählich ins Paramilitärische, letztlich ins Terroristische … Den stets aktuellen Konflikt zwischen Sicherheits- und Freiheitsbedürfnissen, der aktuell etwa in der weitgehend unter Radar verlaufenden Diskussion über eine Verschärfung des NPsychKG aufflammt, sowie Selbstbetrug und Heuchelei von jenen, die eine umfassende Kontrolle anstreben und das Schlechte stets in den Anderen vermuten, nähert sich Kluge auf satirische, spitze und amüsante Weise, wobei auch Hauptdarsteller Schubert viel zum Unterhaltungswert des Films beiträgt.
In der Zweitausendeins-Edition Alexander Kluge - Sämtliche Kinofilme liegt der Film auf DVD vor: Fassungseintrag von Bretzelburger
Registrieren/Einloggen im User-Center