The Killing of a Chinese Bookie (1976)
Den Status als ein Vorkämpfer des unabhängigen Films, als Großvater von Dogma 95 und Mumblecore verdankt John Cassavetes seinen Low-Budget-Produktionen zwischen 1959 und 1986, in denen menschliche Gesichter und starke Emotionen die zentralen Schauwerte bilden. Rohe Unmittelbarkeit statt Hochglanz, Wahrhaftigkeit statt Künstlichkeit – diese Formel trifft auch auf Cassavetes‘ einzigen Ausflug in das uramerikanische Genre des Film Noir zu, der mit „The Killing of a Chinese Bookie” am 15. Februar 1976 in die US-Kinos kam.
Dort blieb er allerdings nur wenige Tage und wurde wegen mangelnden Zuspruchs schnell wieder aus dem Programm genommen, zu wenig wurden wohl die Erwartungen, die der etwas reißerische Titel geschürt hatte, erfüllt. Der Auftragsmord, den der Stripclubbesitzer Cosmo Vitelli (Ben Gazzara) ausführen soll, um seine Spielschulden bei schmierigen Gangstern zu begleichen, wird in „The Killing of a Chinese Bookie” tatsächlich denkbar unspektakulär behandelt. Viel wichtiger ist Cassavetes das Portrait eines Mannes, der einerseits sein drittklassiges Oben-ohne-Lokal mit völliger Hingabe führt und sich viel auf seine Choreographien für die Nackttänzerinnen einbildet, andererseits aber sowohl beruflich als auch privat stets katastrophal falsche Entscheidungen trifft. Dem Zuschauer bleiben weder die peinlichen Bühnenshows in ausgiebiger Länge erspart, noch die Demütigungen Cosmos durch die brutalen Gläubiger oder seine unbeholfen-erfolglosen Bemühungen, die Eifersucht seiner Geliebten zu beschwichtigen. Cassavetes versuchte zwei Jahre später, mit einer 27 Minuten kürzeren Schnittfassung genau diese Elemente abzuschwächen, doch inzwischen schätzt die Nachwelt die ausufernde Kompromißlosigkeit des ersten Cuts und seine stilistische Handschrift: Die dokumentarische Handkamera ist oft extrem nah an den Protagonisten und fängt dabei feinste Nuancen der Mimik und Körpersprache ein, die realen Drehorte und Außenszenen atmen Zeitcolorit und Authentizität, ebenso die Besetzung vieler Nebenrollen mit Laien, echten Stripperinnen bzw. Porno-Starlets oder unbekannten Kleindarstellern. Durch intensive Proben wirken die teils unübersichtlichen oder mäandernden Dialogszenen wie improvisiert, obwohl sie in Cassavetes‘ Drehbuch ausformuliert waren.
Es ist heute Konsens, daß „The Killing of a Chinese Bookie” auch als Selbstportrait von John Cassavetes verstanden werden kann in seinem Bemühen, seine künstlerischen Vorstellungen gegen schier unüberwindliche Hindernisse durchzusetzen und damit oft zu scheitern. Das stimmte zwar nicht immer, denn zwei Jahre zuvor war sein „A Woman Under the Influence“ (1974, Anniversary-Text) ein beachtlicher finanzieller und durch Oscar-Nominierungen belohnter Erfolg gewesen. Trotzdem wirkt das Floppen von „The Killing...” wie eine selbsterfüllte Prohpezeihung, was den Indie-Klassiker im Nachheinein nur noch faszinierender macht. Das sieht Der Mann mit dem Plan in seiner OFDb-Kritik ähnlich und betont, wieviel Sympathie das Publikum mit dem glücklosen Cosmo hat.
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