Ziemia obiecana (1975)
Zehn Jahre nach "Popioly" (1965), Andrzej Wajdas ausuferndem vierstündigen Historiendrama nach Stefan Zeromskis Romanvorlage, legte der polnische Meisterregisseur wieder einen wuchtigen Historienfilm von stattlicher Länge vor: Fast drei Stunden Zeit nimmt er sich in dem am 21. Februar 1975 uraufgeführten "Ziemia obiecana" nach dem Roman von Wladyslaw Reymont, der der Industrialisierung im ausgehenden 19. Jahrhundert bis hin zur blutigen niederschlagung eines ersten großen Arbeiterstreiks blickt – dabei kreisend um gleich drei Hauptfiguren, die sich als deutsch, polnisch und jüdisch identifizieren. Karol, der Pole adliger Abstammung, wird in der letzen Sequenz kaltblütig den Schießbefehl erteilen. Seine Freunde sind da bereits auf der Strecke geblieben, obgleich sie nicht weniger skrupellos agierten, aber ihrerseits Opfer im gewissenlosen Kampf um den Weg zum Erfolg werden sollten. Farbig, nicht mehr schwarzweiß, kommt der Film daher, der auch vor kruden Gewaltakten nicht zurückschreckt, deren simple, durchschaubare Umsetzung einem heutigen Publikum unter Umständen aufstoßen wird: so stürzen in der wohl berüchtigsten Szene des Films ein Fabrikant und der Vater einer missbrauchten Arbeiterin im hitzigen Schlagabtausch ins erbarmungslose Getriebe der Maschinerie, das sie als blutig-fleischige Klumper wieder ausspuckt. "Ziemia obiecana" ist der eiskalte Blick auf den Weg des Erfolgs und Aufstiegs – auf Kosten aller humanen Werte, gänzlich ohne moralische Hemmschwellen. Zugleich ist es eine Panorama der Stadt Łódź, deren Aufblühen während der Industrialisieren einen wahren Moloch aus ihr werden lässt. Daniel Olbrychski, der später Jan Bronsk in "Die Blechtrommel" (1979) spielte und der hier als Karol zu sehen ist, Wojciech Pszoniak und Andrzej Seweryn stemmen die Hauptrollen in diesem Film, der seine eigentliche Kraft aber vor allem aus dem treibenden Soundtrack von Wojciech Kilar ("Bram Stoker's Dracula" (1992), "The Ninth Gate" (1999)), aus der hervorragenden Kameraarbeit von Waclaw Dybowski, Edward Klosinski und Witold Sobocinski sowie aus Reymonts – von Wajda respektvoll zurechtgekürzten und behutsam abgewandelten – Vorlage zieht. Und obgleich Wajda später noch mit "Czlowiek z marmuru" (1977), "Czlowiek z zelaza" (1981) oder "Korczak" (1990) renommierte Klassiker polnischen Kinos ablieferte, so ist doch "Ziemia obiecana" neben "Popioly" einer seiner zwei kraftvollen Gewaltakte, die zu den absoluten Marksteinen im europäischen Kino zu zählen sind.
Erhältlich ist der Film entweder gewohnt gut ausgestattet bei Second Run – Wajda-Fans greifen aber lieber gleich zur Wajda Antologia Filmowa von CRF, die einem gleich fast das Gesamtwerk des Regisseurs für einen stolzen, aber berechtigten Preis beschert…
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