27. Februar 2017

Beitrag

von PierrotLeFou

Vor 50 Jahren: Peter Watkins’ erste Annäherung an den Langspielfilm

Privilege (1967)

Peter Watkins ist einer der bedeutendsten Filmemacher überhaupt, wenn es um das Infragestellen der Grenze zwischen den Gattungen des Dokumentar- und des Spielfilms geht: Von "The Diary of an Unknown Soldier" (1961), seinem ersten heutzutage noch erhältlichen Kurzfilm, bis hin zu dem essayistisch mit Gegenwartsbezug angefüllten, beinahe sechsstündigen "La Commune (Paris, 1871)" (2000) verwischte Watkins stets die klaren Grenzen. Er reinszenierte wahre Begebenheiten mit den Mitteln des Spielfilms, um immer wieder eine kommentierende Ebene ins Spiel zu bringen ("Culloden" (1964), "Edvard Munch" (1974), "La Commune (Paris, 1871)"), und inszenierte fiktive, oftmals dystopisch ausgerichtete Stoffe auf dokumentarisch anmutende, mitunter am cinéma vérité angelehnte Weise ("The War Game" (1965), "Privilege", "Gladiatorerna" (1969), "Punishment Park" (1971)). "The War Game", seine berüchtigte, lange von der BBC zurückgehaltene Berichterstattung über einen Atomangriff auf Großbritannien, ist sicherlich sein international bekanntestes Werk geblieben - Watkins' Entwicklung als Filmemacher sollte jedoch erst noch richtig beginnen...

Der am 28. Februar 1967 uraufgeführte "Privilege" ist Watkins erster Film nach seinem berüchtigten und umstrittenen "The War Game": Die Laufzeit des Films liegt bei etwa 100 Minuten (nachdem "Culloden" als ehemals längster Watkins keine 70 Minuten lief) und inszenatorisch nähert sich Watkins deutlich an die Sprache des Spielfilms an, wenngleich er gelegentliche Interviews einbindet und mit seinem Kommentator vereinzelt den Eindruck einer Reportage kreiiert - doch die Illusion der Dokumentation wird nicht durchgängig angestrebt. Es ist womöglich Watkins' "spielfilmischster" Film, der die Stilmittel der Reportage und der Dokumentation nutzt, um seiner medienkritischen Ausrichtung eine komplexere Form zu verleihen. Die scharfe Satire über den manipulativen Missbrauch des Massenkultur, der in "Privilege" von der Kirche und der Regierung ausgeht, wobei ein Rockstar zur Ikone erhoben und dabei eine semi-faschistische Bewegung erschaffen wird, mag gerade aus heutiger Sicht flach und naiv erscheinen - was auch für Watkins' spätere 'Brot & Spiele'-Satiren "Gladiatorerna" und "Punishment Park" gilt, die bisweilen (und nicht grundlos) als linke, polemische Propaganda abgelehnt worden sind. Sieht man davon ab, dass diese Filme im Kontext eines Zeitgeistes zu sehen sind, in welchem (von Burgess' Roman "A Clockwork Orange" (1962) bis Lumets Spielfilm "Network" (1976)) die populäre Beschäftigung mit Manipulation & Propaganda & Missbrauch der Massenkultur gerade erst en vogue und noch nicht zum Klischee geworden war, so ist angesichts von "Privilege" noch darauf zu verweisen, dass kein halbes Jahr nach der Uraufführung die Beatles ihren vorübergehenden Kontakt zu Maharishi Mahesh Yogi aufnahmen, welcher seine Transzendentale Meditation nicht zuletzt über seine 'Arbeit' mit den Beatles anpries. In diesem Zusammenhang besitzt "Privilege" eine geradezu prophetische Qualität. Und allen Flachheiten zum Trotz besitzt die satirisch-diffamierende Vermengung von Kirche/Popmusik/Faschismus bei aller Holzhammer-Technik eine höchst intensive Wirkung und eine extreme Betonung durchaus diskussionswürdiger Punkte, über die es sich zweifelsohne nachzudenken lohnt. Was heute nach einer naiven Aufbereitung bekannter Klischees aussieht, stellt im zeitlichen Kontext eine durchaus originelle, frische und durchaus treffende, wenngleich absurd übersteigerte Satire dar. Weitere hervorhebenswerte Qualitäten wären die Besetzung mit Swinging Sixties-Model Jean Shrimpton und die vitale Kameraführung durch Peter Suschitzky, der hier noch am Anfang einer langen Karriere stand.
Eine hervorragend ausgestattete BluRay liegt beim bfi vor: Fassungseintrag von chris))((

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