The Thin Red Line (1998)
Es war eines der einzigartigsten, aufregendsten Comebacks der amerikanischen Filmgeschichte überhaupt: nach 20-jähriger Abwesenheit meldete sich Terrence Malick zurück und brachte am 22. Dezember 1998 mit „The Thin Red Line“ einen eigenwilligen, fast drei Stunden langen Antikriegsfilm auf die Leinwand. Der notorisch öffentlichkeitsscheue Autor und Regisseur, der keine Interviews gab und seine Filme nie kommentierte, hatte sich in den 70er Jahren mit „Badlands“ (1973, Anniversary-Text) und „Days of Heaven“ (1978) den Ruf eines Kino-Poeten erworben.
Diesem Ruf wird Malick mit „The Thin Red Line“ erneut gerecht, denn ganz anders als das kurz zuvor erschienene, ebenfalls enorm aufwendige Kriegsepos „Saving Private Ryan“ von Steven Spielberg (Anniversary-Text) ist Malicks Film keine patriotisch-konventionelle Heldengeschichte, sondern eine zutiefst humanistische, nachdenkliche Reflexion über das Menschsein im Angesicht von Gewalt und Tod. Die Romanvorlage von James Jones über verlustreiche Kampfhandlungen zwischen Alliierten und Japanern auf der Pazifikinsel Guadalcanal im Jahr 1942 bietet für Malick lediglich den Rahmen. Er zeigt zwar ebenfalls virtuos inszenierte, genretypischen Schlachtszenen, legt in diesen aber den Fokus auf die Angst, das Leiden und das Sterben der Infanteristen, die nicht viel mehr als Kanonenfutter sind. Im Voice-over oder in kurzen, intimen Rückblenden versuchen verschiedene Charaktere, mit der Extremsituation des Krieges fertigzuwerden, sie stellen existentielle Fragen nach einer höheren Macht, beten und zweifeln. Malick hebt in seiner teils impressionistisch wirkenden Montage einen schier unvereinbaren Gegensatz hervor: die paradiesisch schöne, unberührte Flora und Fauna der Salomoninseln und das massenhafte Töten, das in ihr stattfindet. In „The Thin Red Line“ gibt es kein Heldentum, der Krieg reduziert den Einzelnen, ob US-Soldat oder feindlichen japanischen Kämpfer, auf seine kreatürliche, prekäre Existenz, die willkürlich jeden Augenblick ausgelöscht werden kann. Unterstrichen wird die beinahe meditative Qualität des Filmes durch einen vorzüglichen Soundtrack, denn Malick stellt diesen aus klassischen Kompositionen, melanesischen traditionellen Gesängen und unheilverheißenden Drone-Sounds von Hans Zimmer zusammen. Schauspielerisch glänzen zwar auch Stars aus der A-Liga (Nick Nolte, Sean Penn), vor allem aber geben weniger bekannte Darsteller dem einfachen Soldaten ein unverbrauchtes Gesicht (Jim Caviezel, Elias Coteas, Ben Chaplin).
„The Thin Red Line“ gewann zwar keinen Oscar, aber den Goldenen Bären bei der Berlinale von 1999, und bleibt unbestritten einer der außergewöhnlichsten, schönsten und tiefsinnigsten Antikriegsfilme überhaupt. In den umfangreichen Bonusmaterialien der Blu-ray-Disc (Fassungseintrag) ist die langwierige und schwierige Produktionsgeschichte verzeichnet, die allgemeine Bewunderung für den Ausnahme-Regisseur und auch, wie Malick namhafte Stars mit Mini-Auftritten abspeiste oder überhaupt nicht in die finale Schnittfassung übernahm, als wolle er dem Hollywood-System eins auswischen. Die lesenswerte OFDb-Kritik von Ultimate87 geht besonders auf die komplexe Figurenzeichnung ein.
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