29. Juni 2018

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von PierrotLeFou

Vor 50 Jahren: Werner Herzogs erster Langfilm

Lebenszeichen (1968)

Vier Kurzfilme hatte er zwischen 1962 und 1967 gedreht: Genug, um in Ferry Radax' "Neuer Deutscher Film Report" (1967) ausgiebig als Vertreter des Neuen Deutschen Films zu Wort kommen zu dürfen. Aber es kommt auch noch das im Dezember 1964 mit dem Carl-Mayer-Preis ausgezeichnete Drehbuch "Feuerzeichen" hinzu, für dessen Realisierung er 1967 300000 DM vom Kuratorium Junger Deutscher Film erhielt. Im Juni 1968 kam dann dieser erste Langfilm Werner Herzogs heraus: nun unter dem Titel "Lebenszeichen", frei nach der Erzählung "Der tolle Invalide auf dem Fort Ratonneau" (1818) von Achim von Arnim. Es war der Beginn einer langen Karriere, wenngleich Herzog im Neuen Deutschen Film eine Art Außenseiter blieb: 1968 bezeichnete er Kluge als den besten Vertreter des modernen Stils, sich selbst als den besten Vertreter des indischen Stils. Jahre später, als Herzogs Interesse am Mystischen immer deutlicher geriet, erklärte sich dieses Urteil vermutlich etwas eher. Anders als viele seiner Kollegen ließ sich Herzog auch vom deutschen Film der Stummfilmzeit inspirieren: Seine Pilgerreise zu Lotte H. Eisner, der Verfasserin der "dämonischen Leinwand" (1952), zeugt von dieser Liebe, die eine Art Rückwärtsgewandtheit auszudrücken schien, wo man doch eigentlich eher Papas Kino hinter sich lassen und die Filmkunst revolutionieren wollte. Sein Interesse an der Romantik bekräftigte diesen Argwohn, den man Herzog mitunter entgegenbrachte, noch; ebenso seine vehemente Brecht-Ablehnung. Dazu gesellten sich die nahezu wahnsinnig anmutenden Kraftanstrengungen bei den Dreharbeiten zu seinen Meisterwerken mit Klaus Kinski: Immer wieder schien Herzog beim Dreh sich selbst und seine Crew unnötig in Gefahr zu bringen. Auch seine zum Teil im Voraus abgesprochenen Inszenierungen, die sich in seinen Dokumentarfilmen teilweise finden ließen, bestärkten diese Skepsis, gleichwohl Herzog in Deutschland unbestritten einer der populärsten Filmemacher des Neuen Deutschen Films war. Aber im Ausland schien man ihn erheblich mehr zu schätzen, als es in Deutschland der Fall war: darin ähnelte Herzog am ehesten Syberberg, einem anderen Außenseiter des Neuen Deutschen Films mit einem Hang zur Romantik und zur provozierenden Selbstdarstellung.
In den letzten ein, zwei Dekaden arbeitet und lebt Herzog dann zumeist in den USA. Und Deutschland, so ließ er einmal verlauten, vermisse er ohnehin nicht sonderlich: er habe sich nie als Deutscher, sondern bloß als Bayer gefühlt. Die dabei entstandenen Filme – von "Invincible" (2001) bis "Salt and Fire" (2016) – werden wiederum hierzulande oftmals besonders streng von der Kritik beäugt: Und noch immer stößt man sich meist am Mystischen, am Irrationalen, am Romantischen und Apolitschen in den Filmen Herzogs.
Und all das lässt sich in Grundzügen schon in "Lebenszeichen" entdecken, in welchem die ekstatische, radikale Auflehnung und das Scheitern zentrale Handlungsbestandteile darstellen, zu denen Herzog immer wieder zurückkehren sollte. Mitunter wurde diesen Themen dann doch eine politische Aussage zugesprochen: Um 1968 schienen Filme wie "Lebenszeichen" und "Auch Zwerge haben klein angefangen" (1970) einigen Zuschauern noch abwertende, reaktionäre Antworten auf die Studentenunruhen zu sein. Herzog widersprach diesen Lesarten vehement. Und in der Tat geht es in seinem Gesamtwerk vielmehr um die völlig unpolitische, extreme, exzessive Tat, die Tollheit, die größenwahnsinnige Leistung des kaum Leistbaren, den visionären Ausbruch aus der Routine, die Sehnsucht nach dem Übergroßen und nach dem Mythischen, wobei die Inszenierung selbst bisweilen eher aufs Absolute, Mystische abzielt. In "Lebenszeichen" ist es die nahezu titanische Auflehnung der tollen Hauptfigur gegen die Sinnlosigkeit ihres Alltags in Form eines Amoklaufs, einer Kriegserklärung an alle anderen. Das ist Herzogs – schon in "Herakles" (1962) wahrnehmbarer – Heroismus, das ist Herzogs Romantizismus, der in "Lebenszeichen" ganz direkt auf den Romantiker Achim von Arnim verweist.
Empfehlenswerter als die Arthaus-Editionen Werner Herzog - Frühe Jahre (Fassungseintrag von The Godfather) und Best of Werner Herzog (Fassungseintrag von dirkvader) ist die Herzog-Edition vom BFI, in welcher auch jene frühen Kurzfilme enthalten sind, die in Deutschland noch immer nicht auf DVD vorliegen. Wer ohnehin nur an den "Lebenszeichen" interessiert ist, kommt mit der Zweitausendeins-DVD am günstigsten weg: Fassungseintrag von TakaTukaLand

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