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von PierrotLeFou

Vor 50 Jahren: Ferreris Unterschätztester

Stichwörter: 1970er Baye Drama Erotik Ferreri Frankreich Italien Jubiläum Klassiker Muti Piccoli Skandalfilm Spielfilm


La dernière femme (1976)
Berühmt-berüchtigt ist Marco Ferreri für "La grande bouffe" (1974). Zu diesem Zeitpunkt hatte er sich bereits den Ruf eines Provokateurs erarbeitet, dem gerade die konservative Kritik Geschmacklosigkeit und Voyeurismus vorwarf. Später, als Ferreris Schaffen im Laufe der 80er Jahre zunehmend an Relevanz einbüßte, hatte man ihn längst als Filmemacher mit feministischer Haltung zu würdigen begonnen: In "La grande bouffe" und anderen Filmen sind die Männer lebensmüde und überdrüssig; wie ein Leitmotiv mutet der Titel von "Il futuro è donna" (1984) an. Und dort, wo die Männer überleben und die Frau verstirbt wie in "L'harem" (1967), hat Ferreri bloß verhandelt, was heute als Femizid bezeichnet wird: Männer, die in ihrem Besitzdenken eine Frau morden, die sie eben nicht besitzen können. Dass Ferreri bei alledem aber eben zugkräftige, skandalheischende Bilder nicht scheut und in Darstellungen eines Machismo mitunter Rollenbilder reproduziert, die erst einmal nicht mit einem Feminismus vereinbar scheinen, sorgt letztlich dafür, dass der strittige Skandalfilmer mit seinem Werk noch immer oder schon wieder für Kontroversen zu sorgen imstande ist. Zu seinen radikalsten Arbeiten gehört dabei fraglos der am 21. Mai 1976 uraufgeführte, allerdings nach wie vor nicht gut greifbare "La dernière femme", in dem der heute erheblich in der Kritik stehende Gérard Depardieu an der Seite von Ornella Muti, Michel Piccoli und Nathalie Baye eine seiner freizügigsten Leistungen präsentiert: Als von seiner emanzipierten Partnerin verlassener Vater eines Kleinkindes geht er eine neue Beziehung mit einer Kindergärtnerin ein, kann aber weder damit umgehen, dass sie für sein Kind zu einer zusätzlichen Bezugsperson wird, noch damit, dass seine Partnerin seinen offensiv vor sich hergetragenen Sexualtrieb kritisiert. Tatsächlich agiert Depardieu überwiegend nackt, teils mit erigiertem Glied. Am Ende wird er nur eine einzige Lösung für sein Dilemma sehen: die Entmannung mit dem Elektromesser. Die große Freizügigkeit des Films, das Thema des in seiner Rolle irritierten Mannes und das drastische Ende sorgen wie der namhafte Cast für ein ganz besonderes Filmerlebnis, das einerseits zu den radikalsten Werken der skandalfilmreichen Entstehungszeit gehört, andererseits sehr feinfühlig daherkommt.
Mehr? Review von Bretzelburger



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