8. Mai 2017

Beitrag

von PierrotLeFou

Vor 75 Jahren: Letztes Werk der Frontier Films – Strands Abschied, Hurwitz’ Debüt

Native Land (1942)

Es ist kein Zufall, dass sich im Laufe der Great Depression ab dem Oktober 1929 immer mehr linke Filmemacher in den USA zu kleinen Filmkollektiven vereinigten; es ist auch kein Zufall, dass diese Gruppierungen gegen Ende der 30er Jahre angesichts der politischen Lage in Europa immer mehr Gehör fanden. Zur vielleicht bekanntesten linken Dokumentarfilm-Gruppierung zählt zweifelsohne die Frontier Film Group: diese ging 1936 aus der (Workers) Film and Photo League hervor - gemäß dem Beispiel der NYKino-Gruppierung, die sich schon 1934 abgespalten hatte! - und unterstand bis 1944 der Leitung durch Paul Strand, der zuvor einer der einflussreichsten Fotografen in den USA war und sich ab 1947 schließlich der ebenfalls 1936 von der (Workers) Film and Photo League abgespaltenen Photo League (und damit auch wieder der Fotografie) widmete, um bald darauf als Opfer der McCarthy-Ära nach Frankreich zu gehen. Paul Strand hatte schon 1921 mit dem avantgardistischen Stadtporträt "Manhatta" (1921) Erfahrungen mit dem Medium Film machen können, sein wichtigster Film sollte aber - nach mehrfacher Arbeit als Kameramann - seine zweite und letzte (Ko-)Regiearbeit werden: "Native Land".
"Native Land" war zugleich auch die erste (Ko-)Regiearbeit des zwanzig Jahre jüngeren Leo Hurwitz, der mit Dokumentar- & Essayfilmen wie "Strange Victory" (1947), "An Essay on Death" (1964), "Dialogue with a Woman Departed" (1981) oder der TV-Reportage "Eichmann Trial" (1961) einer der renommiertesten Meister seines Faches war und ist, dessen Werk zugleich aber aufgrund schlechter Verfügbarkeit nur schwer bzw. selten zu bekommen ist. Hurwitz war 1936 maßgeblich an der Gründung der Frontier Film Group beteiligt, welche von Flaherty, Grierson und Eisenstein gleichermaßen geprägt worden war, und hatte dort zunächst als Autor und Kameramann gewirkt.
1938 begannen dann die Dreharbeiten an "Native Land", der jedoch erst 1942 fertiggestellt worden war und am 11. Mai desselben Jahres seine Uraufführung erlebte. Zu diesem Zeitpunkt war die Frontier Film Group bereits nicht mehr das, was sie einmal war: Unterschiedliche politische Ansichten führten dazu, dass enge Mitarbeiter wie Ralph Steiner oder Willard Van Dyke von der Frontier Film Group Abstand nahmen und 1939 für das American Institute of Planners den Dokumentarfilm "The City" (1939) drehten. Ein gravierender Einschnitt, der oftmals als Anfang vom Ende des Filmkollektivs ausgelegt wird. Hurwitz und Strand arbeiteten derweil weiter an "Native Land", welcher trotz der durchaus vorhandenen patriotischen Färbung scharf mit der damaligen US-Gesellschaft abrechnet.
"Native Land" stützt sich auf Veröffentlichungen des La Follette Civil Liberties Committee und weist eindringlich darauf hin, dass trotz der hochgelobten Bill of Rights grobe Missstände herrschen: Rassistische Übergriffe, ein wütender Ku Klux Klan und Repressalien, denen sich Gewerkschaftler & bekannte Linksintellektuelle ausgesetzt sehen... Zahlreiche wahre Fälle gravierender Bürgerrechtsverletzungen werden zwischen dem geschliffenen Kommentar und den dokumentarischen Aufnahmen dramatisch nachgespielt, teilweise mit einer kruden, verstörenden Direktheit - wenn etwa der KKK Joseph Shoemaker und weitere Opfer foltert, teert und federt. (Vgl.: Wyn Craig Wade: The Fiery Cross. The Ku Klux Klan in America. Oxford University Press 1987; S. 260-261). Der Faschismus lauert nicht allein in Deutschland und Italien, sondern auch mitten in den USA... Das ist die zentrale Aussage von "Native Land", der darin eine Unterwanderung der Bill of Rights sieht, welche permanent mithilfe von Streikbrechern, militanten Vereinigungen, Propaganda, Spionen und Privatarmeen begangen werde - auf Geheiß einer kleinen Minderheit faschistoider Gestalten, die der Film bei aller Schärfe des (von Paul Robeson eingesprochenen) Kommentars nicht weiter benennt.
Das war im Mai 1942 - kein halbes Jahr nach dem Angriff auf Pearl Harbor! - nicht sonderlich populär. Dokumentar- & Propaganda-Filme jener Zeit waren angehalten, den nationalen Zusammenhalt zu stärken und sich auf ein klares Feindbild der Achsenmächte zu konzentrieren. Die Kritiker waren dennoch voll des Lobes und schnell hatte sich der 1938 begonnene und 1942 veröffentlichte Film als beste Independent-Produktion der 30er Jahre etabliert. Ein Jahrzehnt-Film war "Native Land" für zahlreiche Kritiker seinerzeit - und diese Einschätzung hält sich teilweise bis heute. Dennoch tat man sich mit der Verbreitung des Films seinerzeit schwer: Hurwitz erklärte später, dass selbst die Communist Party zu "Native Land" auf Distanz ging.
Heute lässt "Native Land" mit seinem beschwörenden & autoritären, wenngleich prägnant und wortgewandt formulierten Kommentar natürlich auch die Schwachpunkte erkennen, die Agitationsfilme in ihrer propagandistischen Ausrichtung aufweisen. Aber als Film, der inmitten der dokumentarischen Filme des Jahres 1942 so derartig gegen den Strom schwimmt, sich der richtungsweisenden Kriegs-Propaganda-Maschinerie verweigert und inländische Missstände (samt ihrer Unbekanntheit in den vorangegangenen Jahren ("Again! It happened again [...] - Nothing in the newspapers! It wasn't on the radio!")) anspricht und dabei auf ausgesprochen seriöse Quellen zurückgreift, besitzt "Native Land" inhaltlich durchaus noch große Vorzüge. (Das Motiv des Spinnennetzes, mit welchem ein faschistoides Treiben in den USA bebildert wird, bringt allerdings etwas Verschwörungstheoretisches in den Film hinein, auf das er getrost hätte verzichten können...) Und vor allem formal besticht das Werk als Mix aus narrativen und dokumentarischen, poesievollen und krassen, essayistischen und agitatorischen Elementen. Wie auch immer man zu dieser letztlich erstaunlich rebellischen, unzeitgemäßen Aufarbeitung der Ergebnisse des La Follette Civil Liberties Committee stehen mag: inszenatorisch ist der Film herausragend und in seiner Konzeption originell & innovativ.

Im Gegensatz zu den meisten Hurwitz-Filmen ist "Native Land" recht gut erhältlich gewesen - mittlerweile aber nicht mehr so ganz billig: weder die vergriffene VHS vom bfi, noch die (diesen Film enthaltende) vergriffene Criterion-DVD-Edition Paul Robeson - Portraits of the Artist scheinen derzeit günstig zu bekommen zu sein.

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