22. Juli 2019

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von PierrotLeFou

Vor 25 Jahren: Marcel Ophüls’ letzte Geschichtsstunde

Veillées d'armes (1994)

Als Sohn des großen Meisterregisseurs Max Ophüls hat es auch Marcel Ophüls früh zum Film gezogen. Nach seinem Studium arbeitete er als Assistent bei John Huston, Julien Duvivier, Anatole Litvak sowie am letzten Film seines Vaters – "Lola Montez" (1955). Nachdem er schließlich als Redakteur für den SWR zu arbeiten begonnen hatte, begann er ab 1958 auch eine eigene Regiekarriere. Nach einigen TV- und Kurzfilmarbeiten drehte er an der Seite bereits weit renommierterer Kollegen wie François Truffaut und Andrzej Wajda mit dem Omnibusfilm "L'amour à vingt ans" (1962) seinen ersten Klassiker. Es folgten mit den weitgehend vergessenen Spielfilmen "Peau de banane" (1963) und "Faites vos jeux, mesdames" (1965) prominent besetzte Genrefilme, ehe sich Ophüls dem dokumentarischen Format zuwandte, dem er sich bis heute schwerpunktmäßig widmete: "Le chagrin et la pitié" (1969), das vierstündige Standardwerk über die Kollaboration im Vichy-Regime, stellt den Beginn einer langanhaltenden Reihe von Meisterwerken dokumentarischer Filmarbeit dar. Ophüls, der 1927 geboren als junger Mann die Schrecken des Nationalsozialismus beobachten musste, arbeitete sich fortan vielfach an diesem Kapitel deutscher Geschichte ab. "A Sense of Loss" (1972), der nächste für die Kinos produzierte Dokumentarfilm, hat sich als früher Beitrag über den Nordirlandkonflikt (von "nur" 130 Minuten Länge) als eher kleiner Achtungserfolg in Ophüls' Karriere erwiesen. "The Memory of Justice" (1976) etablierte sich im Anschluss als bedeutende filmische Abhandlung des Zweiten Weltkriegs, des Algerien- und des Vietnam-Kriegs gleichermaßen, wobei ausgehend von den Nürnberger Prozessen die Fragen nach dem kollektiven Gedächtnis, nach individueller und kollektiver Schuld und nach moralischen Positionen und Widersprüchen im Mittelpunkt stehen. 3-TV-Dokus und 12 Jahre später legte Ophüls mit "Hôtel Terminus" (1988) über Klaus Barbie eine (erneut 4–5-stündige) Doku vor, die mitunter als Höhepunkt seiner Karriere gewertet wird. Kurz darauf legt er mit "November Days" (1991) eine Doku über den Fall der Berliner Mauer und das Ende der DDR vor. Auch dieser Film zählt (durchaus zurecht) zu den interessantesten Dokumentarfilm-Arbeiten zum Thema, wenngleich manch bissige Spitzen in diesem Werk etwas simpel gestrickt sind und es sich bzw. dem Publikum zu einfach machen.
Mit dem im August 1994 uraufgeführten "Veillées d'armes" (1994) knüpft Ophüls noch einmal an den überaus komplexen Ansatz von "The Memory of Justice" an und nähert sich ausgehend von einer Sarajevo-Reise der Geschichte der Kriegsberichterstattung mit all ihren Widrigkeiten an: Macht und Ohnmacht der Bilder, die Gefährlichkeit der Arbeit, Selbstinszenierung und Selbstkritik stehen im Zentrum dieser viele Dekaden Weltgeschichte umspannenden, knapp vierstündigen und hochgradig essayistischen Doku. (Es bleibt Ophüls' letzte, die sich zentral mit der Geschichte beschäftigt. Nach langer Pause kehrte er 2009 und 2013 bloß noch mit zwei essayistischen Dokumentarfilmen über seinen Vater bzw. über sein eigenes Leben vor.) Wie stets sorgen spannende Interviewpartner, Ophüls' charmanter, pointierter und weitsichtiger Interviewstil sowie kurzweilige und gewitzte Spielfilm-Ausschnitte für ein ergiebiges Filmerlebnis, das bei absolut Medien seit einigen Jahren auf DVD vorliegt: Fassungseintrag von PierrotLeFou.

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