1. September 2017

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von ratz

Vor 25 Jahren: Sally Potter spielt mit den Geschlechterrollen

Orlando (1992)

„He – for there could be no doubt of his sex…“ beginnt Virginia Woolfs wohl berühmtester Roman von 1928, in dessen Verlauf das Geschlecht des unsterblichen Titelhelden ganz und gar nicht in Stein gemeißelt ist, denn tatsächlich wird Orlando irgendwann vom Mann zur Frau, und zwar in jeder Hinsicht. Der Erfolg des Buches gab Woolf recht, offenbar hatten die Roaring Twenties – zumindest für kurze Zeit – den Boden für die öffentliche Verhandlung von Geschlechterrollen und Homoerotik bereitet, und so wurde „Orlando“ zu einem bis heute gültigen Klassiker des Feminismus und zum vielbesprochenen Sujet der Gender Studies. Der Choreographin und Filmregisseurin Sally Potter gelang über 60 Jahre später eine kongeniale Filmadaption des Stoffes, „Orlando“ wurde am 1. September 1992 bei den Filmfestspielen in Venedig vorgestellt und ist inzwischen ebenfalls zu einem Klassiker avanciert.

Potters Erfolg war hart erarbeitet: jahrelang mußte sie um die Finanzierung des als unverfilmbar geltenden Stoffes kämpfen, und im Gegensatz zu heute waren Frauen auf dem Regiestuhl noch keine Selbstverständlichkeit. Diese Schwierigkeiten merkt man „Orlando“ in keiner Sekunde an: die 400 Jahre umspannende Geschichte des elisabethanischen Edelmannes, der eine Metamorphose zur Frau sowie die englische Geschichte bis zur Gegenwart des späten 20. Jahrhunderts durchlebt, ist eine visuell betörende, oft ironische, aber nie ideologisch belastete Auseinandersetzung mit den Rollen von Männern und Frauen, mit den Spannungsfeldern von Jugend und Alter, Kunst und Gesellschaft, Liebe und Einsamkeit. Potter begeht nicht den Fehler mancher Literaturverfilmungen, am Wortlaut der Vorlage zu kleben, sondern sie übersetzt Woolfs geschliffene Satire in eine Folge von Vignetten, die an Dialogen sparen und dafür Bilder, Stimmungen und vor allem Blicke sprechen lassen. Dabei sagen die absurden Kostüme und Frisuren vergangener Epochen, in die sich Männer und Frauen zwängen mußten, oft mehr als Worte, und immer wieder blickt die Hauptdarstellerin Tilda Swinton vielsagend in die Kamera und durchbricht durch diese Distanzierung die vierte Wand auf bezaubernde Weise. Überhaupt ist „Orlando“ ohne Tilda Swinton gar nicht vorstellbar: ihre porzellanhafte Renaissanceschönheit, gepaart mit würdevoller Haltung und makelloser Diktion, verfehlt ihre Anziehungskraft in keiner Sekunde, so daß sie sowohl als leicht törichter Edelmann wie auch als selbstbestimmte moderne Frau den Zuschauer in ihren Bann schlägt. Sekundiert wird sie von zwei britischen Ikonen der Schwulenbewegung, Quentin Crisp (im augenzwinkernden Crossdressing als Königin Elizabeth II.) und Jimmy Somerville, dessen Kurzauftritte und markante Diskantstimme den Film musikalisch umrahmen.

Mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, hat „Orlando“ sowohl Sally Potter (gerade im Kino mit „The Party“) als auch Tilda Swinton erstmals einer breiten Öffentlichkeit bekanntgemacht und deren Karrieren nachhaltig befördert. Bei uns ist der Film beim Label Arthaus auf DVD erhältlich (Fassungseintrag), allerdings ohne weitere Extras. In Großbritannien ist jedoch eine mit üppigem Bonusmaterial ausgestattete Blu-ray erschienen, natürlich nur auf Englisch und komplett ohne Untertitel (Fassungseintrag). Gewohnt ausführlich und fachkundig verortet die OFDb-Kritik von PierrotLeFou „Orlando“ auch in den Regionen des Vampirfilms.

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