24. Juli 2021

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von PierrotLeFou

Vor 50 & vor 25 Jahren: Klassiker schwulen Kinos

Pink Narcissus (1971) & Hustler White (1996)

Infolge der 68er-Bewegung und der sexuellen Revolution erlebten auch die Frauen-, die Lesben- und die Schwulenbewegung einen gehörigen Aufwind: während man einerseits zu spüren bekam, dass die eigenen Interessen inmitten der generellen Politaktivisten jener Zeit nicht optimal mitgedacht worden waren, ließ man sich andererseits aber doch vom politischen Engagement und Optimismus anstecken. Und zumindest die Frauen- und die – seit dem 28. Juni 1969, dem Christopher Street Day, gestärkte – Schwulenbewegung eroberte sich ab Ende der 70er Jahre einen kleinen Anteil der Kinoleinwände: hierzulande etwa mit "Neun Leben hat die Katze" (1968, Anniversary-Text) oder "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" (1971, Anniversary-Text), im englischsprachigen Raum etwa mit Jane Ardens "The Other Side of the Underneath" (1972) oder James Bidgoods wohl am 24. Mai 1971 erstmals gezeigtem "Pink Narcissus".
Dabei hat "Pink Narcissus" eine vieljährige Produktionsgeschichte, die weit vor der 68er-Bewegung beginnt, was den Film zum Teil auch in die Reihe von Pionierwerken homoerotischer Filmkunst stellt, also: Kenneth Angers "Fireworks" (1947), Jean Genets "Un chant d'amour" (1950) oder auch noch Angers "Scorpio Rising" (1964)... Wie diese Werke – zu denen sich ab Mitte der 60er Jahre noch etliche Filme Andy Warhols rechnen ließen – ist auch "Pink Narcissus" ein unabhängig produzierter, zwar kostengünstiger, aber künstlerisch nahezu völlig freier Film über homoerotische Fantasien und Begierden geworden (auch wenn Bidgood mit der fertigen Schnittfassung – erstellt vom Cutter  Martin Jay Sadoff, der später am 3. und 7. "Friday the 13th"-Film mitwirkte – nicht einverstanden gewesen sein soll). Bidgood, Travestie-Darsteller, Kostümbildner und Fotograf, drehte ab 1963/1964 für etwa sieben Jahre in der eigenen Wohnung, die er fantasievoll aufstaffierte, um im Laufe der Zeit das Material um einige kurze Aufnahmen an anderen Orten zu ergänzen. In höchst künstlich-künstlerischen, weitgehend gemalten Kulissen, die sich schwelgenden Farbspielen und kitschigen Dekors verschreiben, spielen sich erotische Wunschträume ab, in die sich ein junger Narzisst flüchtet. Zwischen Camp, Kitsch und Underground oszilliert die erotische Fantasie, der man die liebevolle Handarbeit in jeder Sekunde ansieht. Bidgood, der hiernach keinen Film mehr ablieferte, und eher einen Niedergang als einen Aufstieg erleben musste, versteckte sich lange Zeit hinter dem Credit "Anonymous": wohl eher wegen der in seinen Augen unzufriedenstellenden Montage, weniger wegen des intimen Charakters dieses schwulen Kultfilms. Der auf queeres Kino spezialisierte Vertrieb Salzgeber hat den Film vor 15 Jahren, kurz nach seiner Wiederentdeckung, auf DVD zugänglich gemacht: Fassungseintrag von leplaisirdeyeux
Ein Vierteljahrhundert hat sich das schwule Kino – wie auch das dennoch bis heute etwas weniger vertretene lesbische Kino mit Titeln wie "The Watermelon Woman" (1996, Anniversary-Text) – längst fest in der Filmkultur etabliert. Zu den kultigsten Vertretern des schwulen Kinos gehört seit Anfang/Mitte der 90er Jahre der Kanadier Bruce LaBruce, der sich spätestens seit seinem Metafilm "Super 8-1⁄2" (1993) als mit allerlei Referenzen arbeitender cinephiler Regisseur präsentierte, der bis heute eigenwillige, provozierende Varianten filmischer Vorbilder abliefert, in denen seine rotzige Punk-Attitüde zumeist spürbar bleibt. Seinen Durchbruch erlebte er mit dem sichtlich unter Tarantino-Einfluss entstandenen, humorvollen Sex-&-Crime-Stricherdrama "Hustler White", das im Februar 1996 auf der Berlinale Premiere feiern konnte. Der Film, in dem ein deutscher Autor die Stricher-Szene in L.A. erkundet, ist wie so viele Filme des Regisseurs in einer entschärften und einer originalen Version verbreitet: Letztere enthält weit mehr pornografische Aufnahmen, darunter das heimliche Highlight des Films: die Amputationsfetisch-Szene der analen Penetration mittels Beinstumpf. Es ist gewissermaßen das pièce de résistance, ohne das "Hustler White" so unvollständig ist wie John Waters' "Pink Flamingos" (1972) ohne den frisch verspeisten Hundekot. Denn bei Bruce LaBruce lebt eine John-Waters-Attitüde durchaus weiter: wenngleich politisierter und konsequenter um Genreschablonen kreisend – des Zombiefilms, des Politthrillers, des Stumm- wie Musikfilms, des Sci-Fi-Films, des Skinhead-Dramas...

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