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von PierrotLeFou

Vor 50 Jahren: Chris Marker, Chile im Umbruch und der Tanquetazo

Stichwörter: 1970er Agitationsfilm Allende Chile Debray Dokumentarfilm Essayfilm Filmreihe Frankreich Groupe-Medvedkine Interviewfilm Jubiläum Klassiker Littin Marker Mayoux Muel On-vous-parle-du Robichet Spielfilm

On vous parle du Chili: Ce que disait Allende (1973) & L'ambassade (1973) & Septembre chilien (1973)


Der 11. September dieses Jahres wird ein besonderer Gedenktag sein – mindestens so sehr wie zuletzt der 11. September 2021 oder demnächst der 11. September 2026... Schließlich hatte sich das Datum bis zu den Anschläge im Jahr 2001 als Tag des chilenischen Putsches ins kollektive Gedächtnis eingebrannt: Salvador Allende hatte an diesem Tag den Freitod gewählt – und in Pinochets beginnender Diktatur wurden zahlreiche seiner Weggefährt(inn)en und etliche Zivilist(inn)en gefoltert – in der berüchtigten Villa Grimaldi ebenso wie in den Privatwohnungen der Überfallenen und später Verschleppten. Heute sind die Gräuel weitestgehend gut aufgearbeitet. Über hunderte Seiten ist dokumentiert, wie – auch Kinder – systematisch und voll und ganz institutionalisiert gefoltert worden sind: Elektroschocks, Ausreißen der Finger- und Zehennägel, Versengen und Untertauchen in Wasser waren der Standard, vermengt mit (auch sexualisierten) Erniedrigungen. Diese Ära hatte freilich (vor allem mit den Parlamentswahlen desselben Jahres) ein längeres Vorspiel, zu dem vor allem der erste Putschversuch vom 29. Juni 1973 gehörte: Ein Regiment hatte im Anschluss eine längere Phase heftiger Streiks den Moneda-Palast attackiert. 22 Menschen starben, darunter der Kameramann und Journalist Leonardo Henricksen, der seinen Mörder mit seiner letzten Aufnahme in einem bestürzenden Point of view shot festhielt. Auch wenn dieser Putschversuch erfolglos blieb, so hatte nun endgültig eine Phase der Spannungen begonnen, in der man berechtigt um sein Leben fürchten konnte. Patricio Guzmán, der gerade dabei war, einen Dokumentarfilm über die Parlamentswahlen und die Folgezeit zu drehen, machte den Tanquetazo, den ersten Putschversuch, zum Zentrum seiner legendären Chile-Trilogie, die er in den Folgejahren im Exil (mit Chris Markers Unterstützung) fertigstellte...
Chile lag Mitte 1973 im Zentrum des Weltgeschehens; nachdem mit dem Prager Frühling erst 1968 der Versuch eines menschlichen Sozialismus in der Tschechoslowakei durch die Sowjetunion gewaltsam niedergeschlagen wurde, geschah nun recht Ähnliches in Chile. Chris Marker, der talentierteste politisierte Essayfilmer seiner Zeit (wenn nicht sogar: der bisherigen Filmgeschichte) hatte auf den Prager Frühling mit einem Beitrag der "On vous parle du"-Reihe geantwortet: Sein Produktionskollektiv Slon widmete sich damals dem Fall Artur London, aber auch schon der brasilianischen Militärdiktatur mit ihrer Praxis der Folter. 1973 widmete man sich dann Chile mit dem zehnten Teil der Reihe: "On vous parle du Chili: Ce que disait Allende", von allen Filmen der Reihe derjenige, der am wenigsten einen Wochenschau-Charakter aufweist, kam nach dem Putsch im September heraus und war Markers direkte Reaktion auf selbigen. Tatsächlich aber ist das Material wesentlich älter: Miguel Littin, der das Land ebenfalls verlassen musste bzw. konnte (und 1985 dort undercover an "Acta General de Chile" (1986) arbeitet, worüber Gabriel García Márquez später eine Art Reportage fertigte), hatte 1971 ein längeres Interview gefilmt, das Régis Debray – 1967 in Bolivien zu 30-jähriger Haft für angebliche aktives Mitwirken an der Guerillabewegung ELN – nach seiner vorzeitigen Entlassung im Jahr 1970 mit Allende führte. Daraus fertigte Littin den Interviewfilm "Compañero presidente" (1971), für den Marker französische Untertitel lieferte (während er gerade dabei war, Guzmans "El primer año"(1971) zu produzieren). Im Bewusstsein des – im Kommentar erwähnten – Todes Allendes montiert Marker (eventuell mit der Unterstützung von Debray) das Gespräch zwischen dem Autor von "Révolution dans la révolution? Lutte armée et lutte politique en Amérique latine" (1967) und dem noch frischen Präsidenten Salvador Allende über ihre politischen Ansichten und revolutionären Pläne und Ziele.
Eine weitere Reaktion Markers auf den Putsch war der zugleich wesentlich deutlichere und undeutlichere "L'ambassade": Deutlicher, weil es hier direkt um Flucht, Exil und Asyl geht; undeutlicher, weil unklar bleibt, wo(her) man flüchtet. "L'ambassade" zeigt die titelgebende französische Botschaft in einem Land, das man damals freilich sogleich als Chile identifizierte. Gedreht hatte Marker aber freilich in Paris: Den Eiffelturm montierte er gut sichtbar mit einer Ausnahme durch das Fenster in den Film hinein. Was damit späterhin vor allem als exemplarischer Fall über die Verwischungen von Spiel- und Dokumentarfilm galt, zeigte damals vor allem noch die Bedrückung der Schutzsuchenden, die hier in stummen Super-8-Aufnahmen zu sehen sind, über die ein Filmemacher seinen Kommentar legt: er habe mit Super-8-Material proben wollen, eher zufälligerweise und mit Unbehagen in der Botschaft...
Noch eine dritte filmische Reaktion auf den Putsch, eindeutig die deutlichste, entsteht 1973 in Frankreich:
"Septembre chilien" ist eine Produktion der Groupe Medvedkine – jenes Filmemacher(innen)- und Arbeiter(innen)-Kollektives, das von Marker, aber auch von Joris Ivens, Juliet Berto, Jean-Luc Godard und anderen linksgerichteten Filmschaffenden während und nach seinem Streik unterstützt wurde. Eindringlich reihen sich hier Bilder aus Allendes Vergangenheit an Bilder des Militärs nach dem Putsch, Verhörte und Gefragte schildern ihre Wahrnehmungen und man erhält Einblicke in die lagerartigen Stadien, welche quasi die Gefängnisse ersetzt hatten. Generäle geben ebendort ihre Pressekonferenzen, aber die Bilder der Repression und die (wie die Geschichte zeigte) durchaus vertrauenswürdigen Berichte von Opfer gewaltsamer Verhöre vermitteln ganz andere Bilder. "Septembre chilien" ist auch insofern ein bemerkenswerter Film, weil er jener Film politisierter Arbeiter(innen) ist, der am weitesten über deren Interessen innerhalb des Themenfeldes von Arbeitsbedingungen und Bestreikung hinausreicht – und der in seiner Solidarität wesentlich erbaulicher wirkt als jedes halb wütende, halb weinerliche Eindreschen unzufriedener Arbeitnehmer(innen) auf Schutzsuchende und Flüchtende, das so viel typischer für westliche Wohlstandsgesellschaften zu sein scheint.
Erhalten kann man heute zumindest "L'ambassade" auf Blu-ray (Fassungseintrag von ratz) sowie "Septembre chilien" in untertitelloser Originalversion auf DVD bei editions montparnasse / iskra; das ist vermutlich mehr, als man zu hoffen hätte wagen dürfen.


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