Der Rat der Götter (1950)
Der DEFA-Regisseur Kurt Maetzig hatte in seinen ersten beiden Langfilmen „Ehe im Schatten (1947) und „Die Buntkarierten“ (1949, Anniversary-Text) ein hervorragendes Gespür für die Darstellung von authentischen zwischenmenschlichen Beziehungen in geschichtlich bewegten Zeiten bewiesen. Diese Fähigkeit kommt in „Der Rat der Götter“ nur selten zum Tragen, denn Maetzigs dritter Film über den Industriekonzern I.G. Farben, der am 12. Mai 1950 in Ost-Berlin uraufgeführt wurde, hat von der ersten Minute an eine klare propagandistische Stoßrichtung ohne Platz für Zwischentöne.
„Die Personen des Films sind frei erfunden. Die Handlung beruht auf Tatsachen“, erläutert eine einleitende Texttafel, und tatsächlich stützte sich der Drehbuchautor Friedrich Wolf (Vater des späteren DEFA-Regisseurs Konrad Wolf) auf Akten des Nürnberger Prozesses gegen die I.G. Farben 1947/48 sowie eine Studie des amerikanischen Autors Sasuly, die kurz danach erschienen war. Die I.G. Farben war seit 1933 eng mit der nationalsozialistischen Regierung verstrickt gewesen, hatte beispiellose Gewinne mit der Herstellung von Kampstoffen für den Zweiten Weltkrieg gemacht und vor allem das tödliche Gas Zyklon B entwickelt und massenproduziert, mit dem in den Konzentrationslagern Millionen von Menschen systematisch getötet wurden. Dafür wurde die Führungsriege des Konzerns nach Kriegsende von den Alliierten angeklagt, verurteilt und zu Haftstrafen verurteilt – um nach kürzester Zeit wieder freizukommen und erneut hohe Posten in der Industrie einzunehmen. Wolf zeichnet diese damals wie heute problematische Geschichte anhand von zwei fiktiven, miteinander verwobenen Familienschicksalen nach: an der Spitze der Firmenhierarchie steht der distinguierte Geheimrat Mauch (Paul Bildt), der sich mit Frau und Tochter in den höchsten gesellschaftlichen Kreisen bewegt, die Machtergreifung der Nazis als Profitchance sieht und weder vor noch nach dem Krieg irgendwelche Skrupel kennt. Ganz anders dagegen ist der etwas naive Wissenschaftler Hans Scholz (Fritz Tillmann) angelegt, der mit seiner ganzen Familie bei I.G. Farben angestellt ist und sich als unpolitisch begreift. Erst im Laufe des Krieges erkennt Scholz, für welche abscheulichen Zwecke seine Forschungen eingesetzt werden, und ist der einzige, der sich schließlich vor dem Tribunal der Alliierten zu einer Schuld bekennt. Allerdings sind etliche Charaktere auch mit sehr groben Strichen gezeichnet, es gibt aufrechte Widerständler, geifernde Scharfmacher und einen gierigen, beleibten amerikanischen Kapitalisten – Figuren, die in ihrer Klischeehaftigkeit deutlich als Schablonen im ideologischen Kampf im beginnenden Kalten Krieg erkennbar sind. Darunter leidet das berechtigte Anliegen, die Straffreiheit von an Kriegsverbrechen beteiligten Wirtschaftsunternehmen anzuklagen, und eine überzeugende Abrechnung wie in Wolfgang Staudtes „Die Mörder sind unter uns“ (1946, Anniversary-Text) mißlingt.
Daher läßt sich „Der Rat der Götter“ (der Titel spielt darauf an, daß sich der Vorstand von I.G. Farben wohl selbst so bezeichnete) heute nur mit historischer Distanz betrachten, obwohl verschiedene filmhandwerklichen Aspekte beachtlich sind, etwa die Kamera von Friedl Behn-Grund oder die Filmmusik von Hans Eisler, in der markant ein Trautonium zum Einsatz kommt. Als ein Lehrstück über das Ungleichgewicht von Moral und Propaganda ist der Film trotzdem hochinteressant, er ist kostenlos auf dem offiziellen Youtube-Kanal der DEFA-Stiftung zu sehen, wenn auch in schlechter Qualität.
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