Jeanne Dielman, 23 Quai du Commerce, 1080 Bruxelles (1975)
Alle zehn Jahre veröffentlicht das British Film Institute die Liste der „Greatest Films of All Time“, basierend auf einer weltweit durchgeführten Befragung von über 800 Filmkritikern durch die Zeitschrift „Sight & Sound“. Seit 2022 wird diese Liste erstmals von einer weiblichen Regisseurin angeführt: Chantal Akermans „Jeanne Dielman, 23 Quai du Commerce, 1080 Bruxelles“ verwies Orson Welles‘ „Citizen Kane“ (1941) auf den dritten Platz, nach Hitchcocks „Vertigo“ (1958). Noch 2012 befand sich „Jeanne Dielman“, der am 14. Mai 1975 in Cannes erstaufgeführt worden war, auf Platz 36 – ein untrügliches Zeichen dafür, daß sich in den letzten zehn Jahren die Wahrnehmung weiblicher Filmemacherinnen massiv geändert hat.
Allerdings ist „Jeanne Dielman“ weit davon entfernt, in den Verdacht eines „Quotenfilms“ zu geraten, denn die formale Kühnheit und die radikale inhaltliche Aussage haben unveränderte Schlagkraft. Akerman, damals gerade 24 Jahre alt und schon eine Autorenfilmerin, hatte sich nie für den klassischen Erzählfilm interessiert, sondern an den Grenzen des Mediums nach Ausdrucksmöglichkeiten gesucht, die sowohl ganz persönliche als auch gesellschaftspolitische Aspekte verhandelten. Daher ist „Jeanne Dielman“ ein konsequentes Weiterentwickeln von unorthodoxen stilistischen Mitteln, die bereits in Akermans „Hôtel Monterey“ (1973, Anniversary-Text) und vor allem in „Je, tu, il, elle“ (1974) zur Anwendung kommen. Fast dreieinhalb Stunden lang ist der Zuschauer Zeuge der alltäglichen Verrichtungen der Hausfrau und Mutter Jeanne, meist innerhalb ihrer kleinen Wohnung in Brüssel. Die Kamera ist unbeweglich und frontal auf verschiedene Bildausschnitte gerichtet, innerhalb derer in langen, ungeschnittenen Szenen scheinbar nichts von Bedeutung passiert. Erst die allmählichen, subtilen Veränderungen in den monotonen Abläufen lassen auf ein Entgleisen dieses fest strukturierten Alltags schließen, der schließlich in einem Schockmoment gipfelt. Als Besetzungscoup in der Hauptrolle spielt Delphine Seyrig (die bis dahin eher als attraktiver Vamp etwa in „L‘année dernière à Marienbad“, 1961, oder „Blut an den Lippen“, 1971, bekannt geworden war) eine Frau, die äußerlich beherrscht und unbewegt scheint, aber deren Körpersprache viel über ihr Innenleben verrät. Ähnlich wie Robert Bresson verzichtet Akerman auf die konventionelle emotionale Manipulation durch Dialoge, Mimik oder Filmmusik und vertraut auf die Wirkung von Zeit, Raum und die Intelligenz des Publikums. Das dabei entstehende Psychogramm ist vielfältig deutbar: es steht für die Enge und Begrenztheit der kleinbürgerlichen Existenz, auch für die Einsamkeit und emotionale Vergletscherung in der modernen Welt. Vor allem aber sagt „Jeanne Dielman“ etwas über Frauen und das Frauenbild aus, über Sexualität, Sexarbeit, Abhängigkeit und ihre vorherrschende gesellschaftliche Rolle als Dienstleisterin für Männer. Obwohl sich Akerman und Seyrig in der feministischen Bewegung der 1970er Jahre engagierten, ist „Jeanne Dielman“ kein feministischer Film geworden, sondern ein experimenteller und herausfordernder Zugriff auf nach wie vor relevante Problemfelder. Wie effektiv und aktuell Akermans Methode immer noch ist, zeigt der Einfluß von „Jeanne Dielman“ auf nachfolgende Filmemacher, der gar nicht überschätzt werden kann – Michael Haneke und zuletzt auch Jonathan Glazers „Zone of Interest“ (2023) verdanken diesem Vorbild viel.
Zweifellos hat der erste Platz auf der „Sight & Sound“-Liste dazu beigetragen, Akermans Filme und ihre Bedeutung (endlich!) verstärkt in die allgemeine Wahrnehmung zu holen. „Jeanne Dielman“ war noch bis Februar in der Arte-Mediathek verfügbar (und wird dort sicherlich auch wieder erscheinen), aktuell ist der Film beim Streaminganbieter Mubi zu sehen, in Frankreich und Großbritannien ist das Werk von Akerman sogar in verschiedenen Blu-ray-Ausgaben mit erläuterndem Bonusmaterial erhältlich. In seinem OFDb-Review schildert Vince ausführlich die vielschichtigen Qualitäten von Akermans Filmklassiker.
Registrieren/Einloggen im User-Center