The Exorcist (1973)
Am 26. Dezember 1973 gelangte William Friedkins "The Exorcist" in die Kinos: Basierend auf Blattys gleichnamigen Roman aus dem Jahr 1973, der wiederum Berichte über den "Roland Doe"-Exorzismusfall aufgriff, schilderte Friedkin mit inszenatorischer Raffinesse und starkem Cast die Geschichte der 12-jährigen Regan MacNeil (Linda Blair), deren Mutter Chris (Ellen Burstyn) trotz ihres Renommees als erfolgreiche Schauspielerin reichlich hilflos dasteht, als die Tochter sich zunehmend absonderlich, gar verstörend verhält. Als die Ärzte auch nach zahlreichen Untersuchungen ratlos sind und das teils vulgäre, teils aggressive Verhalten sowie das bizarr veränderte Aussehen des Mädchen geradezu beängstigende Züge angenommen haben, scheint ein Exorzismus die letzte Alternative zu sein. Tatsächlich war der mutmaßlichen Besessenheit ein Spiel mit einem Ouija-Brett vorausgegangen; anders als in vielen späteren Exorzismus- und Besessenheitsreißern bleibt hier aber der kausale Zusammenhang unbestätigt. Ebenso die Rolle des Dämons Pazuzu, dessen Abbildung einer der mit dem Exorzismus beauftragten Geistlichen (Max von Sydow als Peter Merrin) zuvor im Irak bei Ausgrabungen gefunden hatte, wird eher bloß diffus ins Spiel gebracht, stellt sich die Besessene dem anderen Geistlichen (Jason Miller als Pater Karras) doch als "der Teufel" vor. Und auch wenn in der innerfilmischen Realität keine Zweifel an der Übernatürlichkeit der Ereignisse bleiben, so ist doch die Kombination des katholischen Romanautors und des als Sohn jüdischer Emigranten aufgewachsenen Regisseurs, der sich mehrfach als Agnostiker bezeichnen sollte, spannungsreich genug, um noch weitere Uneindeutigkeiten in den Film zu treiben. Vor allem die Episoden um Pater Karras, der zwischen Glaubeskrise und Schuldgefühlen, zwischen privatem Unglück, dem Besessenheitsfall und den polizeilichen Ermittlungen Lt. William Kindermans im Umfeld der MacNeils nach Orientierung sucht und die Macht in Regan letztlich in sich aufnehmen und sich in den Tod stürzen wird, profitieren von solchen Uneindeutigkeiten. Derweil verpasst die teils klinisch nüchterne Inszenierung den religiösen Motiven andererseits einen glaubwürdigen Anstrich; die größten Schrecken wiederum werden aber auch gar nicht im Bereich des Übernatürlichen angesiedelt, sondern an eine hochgradig unerquickliche medizinische Untersuchung einerseits sowie heftige, obszöne Tabubrüche (wie die Misshandlung des Genitalbereichs mit einem Kruzifix oder das in den Schritt der Tochter gepresste Gesicht der Mutter) andererseits. Man weiß mitunter kaum, was schlimmer zu sein scheint: Das abnorme Verhalten oder die ärztlichen (später geistlichen) Bemühungen um Heilung. Die Bemühungen der Geistlichen werden beiden große Opfer abfordern, die sie bereitwillig bringen: die aufgeklärt-bodenständige, weltliche Chris MacNeil rüfte indes ihren Glauben gefunden haben; ironischerweise nicht gott-, sondern teufelseidank. All das sorgte 1973 – als unter dem frischen Eindruck der Watergate-Affäre, vor dem Hintergrund des Vietnam-Krieges und geprägt von (sozusagen) fünf Jahren 68er-Bewegung auf vieles kein Verlass mehr zu sein schien – für so begeistertes wie schockiertes, auch von der Werbekampagne hysterisch aufgepeitschtes Publikum... das dann hinterher darüber streiten konnte, ob es im Film nun um eine Verteufelung der (rebellischen) Jugend, um die Bedeutung des Glaubens oder den Umgang mit Schuld gehen sollte. Der Film erwies sich letztlich als effektvoller Horrortrip und hochwertiges seriöses Drama zugleich – sowie auch als ein immenser Kassenerfolg. Wovon auch Mike Oldfield profitierte, dessen "Tubular Bells"-Klänge durch den Film ungemein populär geworden sind und so zum Erfolg seines Albums beigetragen haben dürften. Zugleich löste er einen wahren Boom an Exorzismus-/Besessenheitsfilmen aus und zog bis ins Jahr 2023 fünf Fortsetzungen nach sich, von denen am ehesten noch Blattys selbst inszenierter dritter Teil überzeugt; der von David Gordon Green nach seiner "Halloween"-Trilogie zum 50. Jubiläum in Angriff genommene "The Exorcist: Believer" (2023) knüpfte zwar (sogar mit Burstyn und Blair in Neben- und Kleinstrollen) an den ersten Teil an, hat aber insgesamt mehr mit dem naiveren Exorzismus-Horrorfilmboom der letzten Jahre zu tun... und ist auf so viele Kritik gestoßen, das fraglich ist, ob das ursprüngliche Vorhaben einer "Exorcist"-Trilogie noch beibehalten wird.
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