The Tales of Hoffmann (1951)
Mit einer gut 15-minütigen reinen Ballettszene hatten Michael Powell und Emeric Pressburger 1948 in „The Red Shoes“ auf revolutionäre Weise gezeigt, wie die Verbindung von Musik, Tanz und Filmkunst organisch in den narrativen Rahmen eines Spielfilms eingebettet werden kann. Der nächste logische Schritt war, dieses ästhetische Konzept auf einen kompletten Film auszudehnen, und so feierte am 1. April 1951 die Opernverfilmung „The Tales of Hoffmann“ Premiere.
Die märchenhaft-düstere Oper „Les contes d'Hoffmann“ von Jacques Offenbach, uraufgeführt 1881 und seitdem ungebrochen populär, paßte ohnehin ideal in den Kosmos von Powell & Pressburger. Die bisherigen Verfilmungen, sämtlich aus der Stummfilmzeit (z.B. 1916, Anniversary-Text), hatten für die Geschichte vom Poeten E.T.A. Hoffmann, der in Offenbachs Oper selbst als Figur auftritt und verschiedene unglückliche Liebesepisoden durchlebt, ohne Musik auskommen müssen. „Tales of Hoffmann“ dagegen sollte die erste Verfilmung einer Oper überhaupt werden und dabei die Vorzüge beider Kunstformen vereinen: erstklassige Gesangssolisten, begleitet vom namhaften Royal Philharmonic Orchestra unter dem Dirigat von Thomas Beecham, verleihen den Darstellerinnen und Tänzern ihre Stimmen, auf gesprochene Dialoge wird verzichtet. Vor allem die erste Episode ist durchgängig als Ballett inszeniert und komplex choreographiert, mit Moira Shearer wie schon in „The Red Shoes“ als Ballerina in der Rolle von Stella bzw. Olympia. Das expressionistische, teils an surrealistische Malerei erinnernde Produktionsdesign von Hein Heckroth wartet mit kräftigen, leuchtenden Farben und ausgefallenen Kostümen und Frisuren auf. Die Inszenierung schließlich bewahrt zwar gezielt die Künstlichkeit einer Opernbühne (gedreht wurde ausschließlich in einem riesigen Studio in Shepperton) und nutzt viele klassische Bühneneffekte wie gemalte Hintergründe, bewegliche Kulissen, Gazevorhänge und Beleuchtungswechsel. Allerdings setzen Powell & Pressburger zusätzlich alle Kunstgriffe der Filmtechnik ein, von Kamerafahrten über Kranschwenks bis hin zu Zeitlupen und Nahaufnahmen, die wie auch der finale Filmschnitt exakt auf die bereits vorliegenden Musikaufnahmen abgestimmt wurden. Diese Methode, von Powell composed film genannt, löst die begrenzte Opernbühne auf und läßt sie zum kohärenten Wirklichkeitsraum werden, in dem „The Tales of Hoffmann“ seine mal expressiv-dramatischen, mal komisch-grotesken Fäden spinnt.
Mit „Oh… Rosalinda!!“ (1955) und „Herzog Blaubarts Burg“ (1963) sollte Powell das Konzept des composed film noch weiterverfolgen, sich dabei jedoch immer weiter vom Massenpublikum entfernen. Auch „The Tales of Hoffmann“ ist heute, da Theater und Oper an Deutungshoheit verloren haben, eher für ein Nischenpublikum interessant. Damals jedoch traf man genau den Zeitgeist, wie die Oscarverleihung 1952 bewies: Für das Szenenbild und die Kostüme wurde zwar nicht der zweifach nominierte Hein Heckroth ausgezeichnet, sondern ironischerweise Vincente Minellis Musical „An American in Paris“, dessen finale, von Malerei inspirierte 17-minütige Tanzsequenz zweifelsohne „The Red Shoes“ als Vorlage hatte. „The Tales of Hoffmann“ kommt am besten auf der preisgünstigen britischen Blu-ray zur Geltung (Fassungseintrag, die deutsche Ausgabe ist nicht mehr erhältlich), da hier das penibel restaurierte Technicolor-Bild in geradezu dreidimensionaler Plastizität erstrahlt.
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