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von PierrotLeFou

Vor 100 Jahren: Eisensteins erster Langfilm

Stichwörter: 1920er Drama Eisenstein Historienfilm Jubiläum Klassiker Propaganda Russland Sowjetunion Spielfilm Stummfilm


Stachka (1925)
Am 28. April 1925 kam "Stachka" heraus: der erste Langfilm unter der Regie Sergei M. Eisensteins, der zuvor einen Kurzfilm inszeniert, neue Schnittfassungen fremder Filme (darunter Fritz Langs "Dr. Mabuse, der Spieler" (1922)) erstellt und natürlich filmtheoretische Essays zum Film und insbesondere zur Montage geschrieben hatte. Noch im selben Jahr sollte Eisenstein seinen wohl berühmtesten Film drehen, "Bronenosets Potemkin" (1925), dessen Popularität die große Bedeutung von "Stachka" bis heute überschattet. Dabei ist "Stachka" sowohl der Film, der Eisensteins Wandlung zum Theatermann und Filmtheoretiker zum Etablierten Regisseur vollzieht – als auch ein originell und kraftvoll die eigenen Vorstellungen umsetzender, formal und dramaturgisch herausragender Film. "Stachka" verzichtet weitgehend auf Hauptfiguren und Einzelschicksale, er zielt ab auf die positiv besetzte Organisation der Massen, auf die Darstellung von Klassen und die Produktion von Klassenbewusstsein. Innerhalb der Proletkult entstanden – wobei es schon beim Dreh zu inhaltlichen Auseinandersetzungen kam –, sollte "Stachka" der Beginn eines Zyklus names "K diktature" werden und den Weg der Arbeiterbewegung im späten zaristischen Russland hin zur Diktatur des Proletariats entwerfen. Tatsächlich kam es jedoch zur Trennung zwischen Eisenstein und der Proletkult; mit "Bronenosets Potemkin", "Oktyabr" (1928) und "Staroye i novoye" (1929) blieben aber die Themen von Streik und Revolution fester Bestandteil. Neben den deutlich propagandistischen Griffen zur Karikatur, die immer wieder die Autoritäten trifft, macht Eisenstein vor allem von zwei weiteren Mitteln Gebrauch; der Unterteilung der Handlung in unterschiedliche Stadien, in denen Gruppendynamiken und Massenbewegungen eher im Zentrum stehen als einzelne Figuren (die sich freilich nicht zur Gänze umgehen lassen), und einer Montage, die über Kontraste und Assoziationen größere, abstraktere Denkbilder erzeugt: am berüchtigsten ist sicherlich die Montage des Schlachthausalltags mit der Niederschlagung des Streiks, die gut 50 Jahre später nochmals vom politisierten Weltkino herangezogen wurde, um soziale Ungerechtigkeit und skandalöse Politiken zu thematisieren. Zugleich aber scheint sie auch Ideengeber für den antisemitischen, nationalsozialistischen Propagandafilm "Der Ewige Jude - Ein Filmbeitrag zum Problem des Weltjudentums" (1940) zu sein, in dem man die Bilder der Schächtung nutzte, um eine moralische Verwerflichkeit der jüdischen Mitmenschen zu behaupten.
2012 ist eine nun vergriffene und meist nicht ganz günstig zu erwerbende Double Feature-Blu-ray-Veröffentlichung mit "Bronenosets Potemkin" bei Kino erschienen: Fassungseintrag von Kayfabe



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