12. Oktober 2018

Beitrag

von PierrotLeFou

Vor 50 Jahren: Klicks erster Langspielfilm

Bübchen (1968)

Roland Klick, einer der Außenseiter des Neuen Deutschen Films, hatte 1962 als Ko-Regisseur des einstündigen, dokumentarischen "München - Tagebuch eines Studenten" (1962) begonnen. Es folgten drei Kurzfilme sowie der mittellange Spielfilm "Jimmy Orpheus" (1966), dessen Laufzeit noch deutlich unter einer Stunde blieb. "Bübchen", sein am 8. Oktober 1968 uraufgeführtes Drama, stellte dann schließlich sein Langfilmdebüt dar – und löste einen handfesten Skandal aus: Die Geschichte eines Kindes, das seine kleine Schwester ermordet und den Leichnam versteckt, um später vom Vater gedeckt zu werden, der sich aus der Not heraus um die Beseitigung des Leichnams seiner Tochter kümmert, empörte wegen der verstörenden Untat, die so gar nicht zum harmlosen Titel passen mag, wegen der fehlenden Motivation, wegen der Banalität, in welche der Alltag schnell versackt, als wäre nichts geschehen... Das war kein spannungsgeladener Genrefilm, keine psychologisierende Charakterstudie, kein inszenatorisch extravagant-bravouröses Filmkunstwerk, sondern ein sperriger, eigenwilliger Brocken, wie er nur gelegentlich im Neuen Deutschen Film auftauchte und dann zumeist verkannt worden ist. Später als "Der kleine Vampir" wiederaufgeführt, wurde "Bübchen" besser aufgenommen und avancierte über die Jahre zu einem von Klicks wertgeschätztesten Filmen. Wohl auch deshalb, weil er im letzten Vierteljahrhundert vor allem auch als Vorläufer von Hanekes "Benny's Video" (1992) wahrgenommen wurde. Man kann ihn auch an die Seite von Romeros "Night of the Living Dead" (1968) stellen, um sein revolutionäres Potential zu entdecken: Hier wie dort morden Kinder – bei Romero (zombifiziert und somit entschuldigt) die Mutter, bei Klick die Schwester. Das hatte es zuvor bloß selten gegeben, etwa in Mervyn LeRoys "The Bad Seed" (1956) oder in Wolf Rillas Sci-Fi-Horrorfilm "Village of the Damned" (1960); ab 1968 gerieten mörderische Kinder jedoch immer profaner (wie bei Klick) oder aber deren Taten immer drastischer (wie bei Romero). Klicks Schilderung des kindlichen Tötens lässt dem Knaben eine kindliche Unschuld zukommen – das Töten wird nicht mehr mit dem Bösen gleichgesetzt: Keine "böse Saat" wächst im "Bübchen" heran, keine Außerirdischen und keine Strahlung beeinflussen das Kind. Die Untat ist vielmehr banale Tat, ist Teil des Alltäglichen, wird allerdings verdrängt und geleugnet...
In etwas suboptimaler Qualität liegt das wegweisende Werk bei Filmgalerie 451 auf DVD vor (Fassungseintrag von magdebürger), die seit Januar 2012 auf Drängen des Produzenten Rob Houwer jedoch nicht mehr vertrieben wird und nur noch als nicht unbedingt günstiger Restposten oder gebraucht zu bekommen ist.

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