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von Stefan M

Vor 50 Jahren: Dario Argentos perfekter Giallo

Stichwörter: 1970er Argento giallo Hemmings Horror Jubiläum Klassiker Spielfilm Thriller


Profondo Rosso (1975)
Dario Argento hatte sich nach seinem fulminanten Regie-Debüt "Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe", das das Giallo-Genre zwar bekanntlich nicht erfand – dafür hatte Mario Bava bereits Jahre zuvor gesorgt –, sich aber trotz seines jungen Alters von nur 29 Jahren von der handwerklichen Reife her von den meisten Vertretern seiner Zeit unterschied und den "gelben Film" in der Folge florieren ließ, mit "Die neunschwänzige Katze" und "Vier Fliegen auf grauem Samt" zwei weitere Male an seinen Erfolg anzuhängen versucht, um allerdings zumindest qualitativ daran zu scheitern. Nach einem kurzen Abstecher in für ihn ungewohntes Terrain – die im 19. Jahrhundert angesiedelte Tragikomödie "Die Halunken" sollte bis heute sein einziger Ausflug außerhalb des Spannungskinos sein – sollte ihm dann 1975 sein Meisterstück gelingen.
Der am 7. März 1975 uraufgeführte "Profondo Rosso" ist sozusagen die Quintessenz des Giallos: eine Mordserie, schwarze Handschuhe, die dem unbekannten Serienkiller gehören, sorgfältig vorbereitete und oftmals fulminant-brutal abgeschlossene Mordsequenzen bevorzugt an hübschen Frauen, eine aus dem Ausland stammende Hauptfigur in Italien, die im Zentrum der Morde steht und erst am Ende bemerkt, ein wichtiges Detail übersehen zu haben, das sie schon früher auf die richtige Spur hätte bringen können. Dies führt zu einer meist in der Kindheit des Täters zu verortenden Schlusswendung, die im Idealfall überraschend, wenn auch meist hanebüchen und geschmacklos daherkommt. Hier ist die Hauptfigur ein englischer Jazz-Musiker (David Hemmings), der Zeuge eines Mordes an einer Frau wird und gemeinsam mit einer Journalistin (Daria Nicolodi) auf Mörderjagd geht, weil die Polizei nicht so recht helfen will.
Die an sich dünne Geschichte, die im Original über zwei Stunden geht, interessiert Argento wie gewohnt eher wenig – und wenn man will, kann man sich auch hier wieder ausgiebig über schlichtweg idiotische Verhaltensweisen der Figuren echauffieren –, weil er sich hier voll auf seine inszenatorischen Fähigkeiten verlassen kann: Einige der Mordszenen sind die schönsten und schaurigsten, die Argento je gedreht hat, permanent angetrieben durch eine zwar nur selten passende, aber die Story immer wieder pushende Musik von Goblin und immer wieder angereichert durch für Argento ungewohnt spritzig-witzige Dialoge zwischen Musiker und Journalistin. Dabei ging er so gekonnt vor, dass er in der Folge sogar mit Alfred Hitchcock verglichen werden sollte, den er in Sachen Brutalität dann aber doch um ein Vielfaches übertrifft, da in den 70ern diesbezüglich einfach wesentlich mehr ging. Später sollte Argento sein goldenes Händchen verlieren, auch wenn noch immer bemerkenswerte, oft auch übersinnlich angehauchte Gialli folgten, aber hier steht sein Können in voller Blüte.
"Profondo Rosso" liegt in mehreren Fassungen vor, teilweise sogar um 40 Minuten heruntergekürzt, teilweise in punkto Handlung, teilweise in punkto Gewalt – ein trauriges Beispiel, wie man nicht nur hierzulande über Jahrzehnte hinweg mit Argentos Filmen umgegangen ist.



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