Un chant d'amour (1950)
Jean Genet hat sowohl in der Literatur als auch im Film je einen Markstein homoerotischer Kunst hinterlassen: den später von Fassbinder hervorragend verfilmten Roman "Querelle de Brest" (1947/1953) und den ab 1950 nur unter der Hand gezeigten, 1954 nur zensiert veröffentlichten Kurzfilm "Un chant d'amour", dessen bloße öffentliche Vorführung einen Jonas Mekas noch Mitte der 60er Jahre vor Gericht brachte. Tatsächlich können einzelne Momente des Films durchaus als pornografisch gelten – etwa die Masturbationsszene, die zwar explizit, aber ohne Nahaufnahmen und Ejakulationsszene auskommt –, aber den Grundton gibt eine wehmütige Sehnsucht nach Zärtlichkeit an: Gefangene (männliche) Individueen träumen von intimer Zweisamkeit, werden aber von ihren Leidensgenossen durch dicke Mauern getrennt. Man umgeht sie liebevollen bis erotischen Gesten: schwenkt Blumen am Faden von Fenster zu Fenster, bläst sich Zigarettenrauch durch kleine Löcher in der Wand zu. Alles ereignet sich unter dem kontrollierenden Blick des Wärters, der offiziell eine Ordnung aufrecht erhält, im Grunde aber eigene Bedürfnisse befriedigt: die homoerotische Fantasie zum einen, die Machtausübung andererseits. Solch metaphorisches Bild der Situation homosexueller Männer in der Gesellschaft führt zugleich die Zensoren, die es unweigerlich provozieren sollte, vor: Bei ihnen ist Heuchelei und Doppelmoral am Werk. Davon abgesehen befriedigen die Szenen des Machtmissbrauchs aber auch die sadomasochistische Fantasie: womit Genet in der Tradition von kenneth Angers "Fireworks" steht. Und egal, was man in den 50er-Jahren noch an radikalen Filmen sehen durfte: An die Radikalität von "Un chant d'amour" kam wohl nichts mehr heran.
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